Samstag, 15. Januar 2022

Rykarda Parasol [IV]

 

 



 
 

 

Von Außenseiterin zu bad girl, vom Schätzenlernen der Ungebundenheit zum Aufgehen im Anderen: der Weg der Erzählerin führt schließlich in das vielleicht größte Abenteuer - Liebende zu sein. In einem Interview erklärt die Sängerin zu THE COLOR OF DESTRUCTION: "It's about courage … about having the courage to be a loving person." Das Wagnis, sich auszuliefern, der Mut zur Hingabe, der auch eine neue Art von Verletzlichkeit und Verwundbarkeit bedeutet.

THE COLOR OF DESTRUCTION erscheint 2015 bei Warner Music Poland, 2016 im Rest Europas und der Welt. Die Arrangements von AGAINST THE SUN waren vergleichsweise minimalistisch, was zum Thema von Introversion, Autonomie und Sichselbstgenügen paßte, das musikalische Spektrum auf THE COLOR OF DESTRUCTION ist vielgestaltig, es gibt Streicher, Trompeten, Flöten, guest vocalists, der Sound expandiert in alle möglichen Richtungen.

Passages, 83: "The myth tells us that after Perseus decapitated Medusa, he placed her head upon the riverbank and her blood flowed into the water, mixed with the seaweed, which then turned it into coral. Though she'd had the power in life to turn men into stone, in the end man destroyed her – albeit, she had just enough lifeblood left to firmly return her to the natural world. A dramatic 'last word' in a sense. 

When one knows their fate is doomed, shall they simply accept the enveloping waves – or shall they set their sinking ship ablaze?" 

84: "The figure hangs between floating up and sinking down in between the whirling blue and red. Fire, water, ruins, wrecks, spring and winter, are the running themes. Our narrator, whether loved or not, has finally opened herself up to the world. Songs intended for a lover or music itself? You decide. We only know it takes courage to be vulnerable no matter where we land." 

Das Aktmodell, das auf allen vier Albencovern erscheint, ist, wie sie in "Passages" bestätigt, Rykarda Parasol herself. "I was the model simply because I was affordable and available." (15) Die Körpersprache der Figur und der im Artwork entfaltete Symbolismus geben Hinweise auf die Atmosphäre des jeweiligen Albums. Der weibliche Akt auf dem Cover von THE COLOR OF DESTRUCTION, von blutroter Koralle umfangen, ist der dynamischste der vier. Dynamis ist das Vermögen, etwas zu bewirken, oder die bewegende Kraft. Ovid beschreibt in den "Metamorphosen" die Szene, in der Perseus das Haupt der Medusa ablegt: die Seepflanzen "rissen die Kraft des Wunderwesens an sich" (Ov.Met.4,745) und wurden zu roten Korallen. Our narrator wird hin- und hergerissen, von innerer Bewegung, aber auch, weil etwas die Kraft des Wunderwesens an sich reißt. 

To burn or to drown ist die existenzielle Frage: Hin- und Hergerissensein zwischen Feuer und Wasser, Brennen oder Untergehen. "To burn or to drown, what shall we do now?" heißt es in "The Loneliest Girl In The World", ein Song heißt "An Invitation To Drown", ein anderer "Ready To Burn". Aber auch die Alternativen sind mehrdeutig – to burn schillert zwischen Entflammtsein und Verglühen, to drown zwischen Untergang (allen Strebens, aller Hoffnung) und Goethe (in "Eins und Alles"): sich aufzugeben ist Genuß. Für etwas brennen kann dich auch zu Asche brennen. 
 
Das Prélude "Opening Scene: Ignition On Oberkampf" ist eine Collage aus Pariser Glocken und strings, die in Trance versetzen. Ein paar Noten nur, die ein Universum öffnen.

"At long last the sorrow fades" heißt die erste Zeile in "The Ruin And The Change"; irgendein entschlossener Schritt oder one magical movement bewirkt irgendeine Wandlung, auch wenn dies nicht verblaßt: "My beautiful friend has a name / And sleeps underneath a stone engraved / I don't know why he gone away / I don't know". Tod und Loslassen: der Himmel offenbart immer aufs neue im Handstreich, wie Emily Dickinson schreibt, daß uns Einer fehlt, dem Auge geraubt für immer. Die Mitglieder des Unsichtbaren, nicht einholbar, wir hielten sie nicht auf, warum? Aber wie bedeutsam, zu verstehen, daß es auch nie ihr Wunsch war, uns aufzuhalten. "My beautiful friend, I know / Love's life's sickness / I won't let go". Nochmals aus "Aljoscha der Idiot": "Die Lust an der perfekten Krankheit, Liebeskrankheit, schweigt vor dem Rettenden mit schauriger Verstocktheit und bedeutet der Erlösung verheißenden Arznei: du wirst zugrunde gehen an mir." Liebe ist wie das Dämonische, nur in reverse. "I've seen the ruin and the change", und doch kleidet sich der Song wie französischer Sixties-Pop, "On Tuesday morning where will I be? / On Tuesday morning what shall I see?", das wissen nur die Götter, aber so, wie Rykarda Tuesday morning singt, wird Dienstag dein Lieblingstag.





 

"An Invitation To Drown". Sternstunde der Poesie. "Red was the color of her coat / A long time ago during a storm / Red is the color of new lover's kiss / Red be the color ravaged and worn". 2010, während eines Interviews im Green Apple Books, begab sich Rykarda auf die Suche nach einem Band von Paul Verlaine, und wie ein französischer Symbolist erkundet sie die Wechselwirkung zwischen der Farbe Rot und schicksalhaften Stürmen. Die intensivste Farbe, die intensivsten Gefühle, Farbe des Blutes, Farbe des Lebens und Farbe der Vernichtung. Feuer, Energie, Wärme, und die erotische Wirkung von Rot. Farbe der Hingabe: "Red colors stoke our devotion". Farbe des Blutopfers. Brennendes Korallenrot. "Some of us glide unsteady oceans". Rote Glut, saphirblaue Tiefen.

"Fate is not our control": für "The Loneliest Girl In The World", Song und Video, trete ich ein Loch in Gottes Tür. Natürlich denkt man daran, wie Nico "All Tomorrow's Parties" singt, natürlich denkt man auch an Rykardas Vorliebe für mittelalterliche Musik, aber all dies ist von einzigartiger Schönheit. Bis auf die E-Gitarre spielt Rykarda hier alles selbst. Die zwei Orgeltöne nach "To burn or to drown / What shall you do now?", wieder so ein Bowie-Trick. Wie die drei Minimoog-Töne auf Bowies "Breaking Glass". Die erscheinen 3x bei einer Song-Länge von 1:52. Die beiden Orgeltöne auf "The Loneliest Girl In The World" erscheinen nur einmal, man wartet darauf, daß sie wiederkommen, aber sie kommen nicht wieder. Die einsamsten Orgeltöne der Welt. Hypnotisches Zeugs.  

Rykardas Gesang und ihre Backing Vocals auf diesem Song – an diesem Punkt bin ich verloren. Das von Krystal Kenney vermutlich mit dem Smartphone in Paris aufgenommene Video trägt nicht im geringsten zu meiner Rettung bei. Natürlich ist Rykarda in diesem Video auch das schönste Mädchen der Welt, aber das will niemand hören, nichtmal sie selbst.






Kleiner Rösselsprung hier. In einem Blog-Beitrag von 2018 schreibt jemand: "In the accompanying video Parasol wanders the streets of Paris with a handful of red balloons and an unreadable expression like the Mona Lisa come to life." Über Leonardos Mona Lisa wiederum schreibt Camille Paglia: "Sie ist enervierend gelassen. Die schönste Frau wird, wenn sie sich als die Ruhe selbst stilisiert, unfehlbar zur Gorgo." (Paglia 1995, 195) "Though she'd had the power in life to turn men into stone…" – siehe oben.

Und überhaupt, von wegen die Ruhe selbst. Auf "It's Only Trouble Now" streiten eine weibliche Stimme und eine männliche Stimme (Dante White Aliano) angemessen heftig um die Wahrheit hinter allen Anschuldigungen und Zuschreibungen. Der aggressivste Rocksong in Rykardas Oeuvre.

"Valborg's Eve" ist Rykardas Le Sacre du Printemps, sozusagen. Valborg (Walpurgis) ist ein Frühlingsfest in Schweden. "New love hail new way for us all / Make way for strange times / Advance to the sky". Der Blick in die Ferne an der Wende zwischen Frost und Glut. Das Herz schmilzt und versprüht liquides Funkeln. Das Morgen ist zurückgewonnen, die lange kalte Winternacht vorüber, das Freudenfeuer angezündet. Der Song ist von mystischer Schönheit, epische Reise in heidnisches Land, das Streicher-Intro/Outro so geheimnisvoll und magisch, Landschaften beschwörend wie aus Bildern von Nicholas Roerich. Und oh die Stimme. Die Stimme einer Hohepriesterin, die ihr Gefolge beschwört, und das Gefolge antwortet mit einem chant. Wenn man es schafft, sich aus ihrem Bann zu lösen: einfach nur mal darauf achten, was Danny Luehring so nach dreieinhalb Minuten am Schlagzeug zu veranstalten beginnt.





 

"Intermission: To Burn Or To Drown?" – Gewitter, Regen. Dann verschwand sie im Nebel ihrer Gedanken.

Um wieder aufzutauchen mit selbstsicherem Schritt und "Schicksalsüberlegenheit" (Emily Dickinson): "Your Safety Is My Concern" bekennt sich furchtlos zu Bedingungslosigkeit. Vergiß den ironischen Gestus, der einen Slogan aus der Businesswelt ("Your safety is our concern") aufnimmt: wenn eine Frau solche Dinge zu dir sagt, fall einfach auf die Knie. You're the luckiest guy.





 

"Sha La Took My Spark" ist ein Duett mit Bart Davenport, Chaosbewältigung als Pas de deux. Einen Shala la la la-Chor gibt es auch in "Le temps des souvenirs" von Francoise Hardy, dessen Shala la la la bekanntlich von Barry Adamson in einen sehr düsteren Zusammenhang überführt wurde, als Sample in "Something Wicked This Way Comes" für den Soundtrack für "Lost Highway" von David Lynch. Auch hier ist das Shala la la la leicht trügerisch: das Flair eines Popsongs der Wahlheimat muß eine dunkle Nacht illuminieren ("All things crooked and cold"). Zwischen Wunsch nach Betäubung und Vertrauen in die Stimme, die sagt: It's gonna be alright. Jemand ist da. "Get me through the night / Hold me tight".
 
Why would anyone make a suicide? 
When they could revel in the swell of slow demise
Undress me, Love, lay me at your side
And I'll demonstrate my destruction
 
Dies ist nichts für Pseudoromantiker. Liebe und Leidenschaft sind von mythologischer Gewalt. "A Lover's Death Wish" ist vielleicht das Zentrum dieses Albums. Die Lyrics lassen sich auf einer zutiefst existentiellen Ebene verstehen, wie auch auf einer rein erotischen, nimmt man den Orgasmus als "kleinen Tod" zum Ausgangspunkt. Beiden Ebenen gemein: der Mut zum Kontrollverlust, endlich sich auflösen und versinken in einem Anderen. Hingabe, Geben, Lieben ohne Erwartungen, Geschehenlassen sogar unerwiderter Liebe: "Oh, Love, I don't care if you love me in turn". In der Liebe untergehen oder an der Liebe untergehen, I don't care. "I'll give my very last until I'm bled out". Rykardas Stimme so zart und verträumt, full of love and full of wonder, unendlich bewegend, wie sie am Ende "Oh Love, I'm in love, I'm in love..." wiederholt und wiederholt, als würde sie langsam in die Ewigkeit verweht.





 

Danach das Cover von "La fille du Pere Noël" folgen zu lassen, der Song, mit dem Jacques Dutronc 1966 eine Frühfrom von Glam in Szene setzte, die David Bowie mit "The Jean Genie" weiterführte, ist ein dramaturgischer Genie-Streich, auch wenn Rykarda den Text abwandelt zu "Le Fils du Père Noël", und sich bei dem Text ohnehin das Gehirn im Schädel dreht. 
 
"Finale: Extinguished By The Red Reef":
 
Strange voice
Quietly the song ends,
Nobody sing it again.
And the happiness gone.
It never come back.
It never come back.
 
Doch das echte Finale heißt "Ready To Burn". Schon das Klavier-Intro läßt fühlen, wir betreten hier heiligen Boden. Die ernste, eindringliche Stimme, die sich mit dem Schicksal versöhnt, mit dem fremden, unbekannten Land: "I've never known what you have known / You've known love before". Die Seele, die nun die Kraft hat, sich von der Last zerschlagener Hoffnungen zu befreien, vom Dämon, der Mißtrauen einflößt. 
 
The demons hear the exterior
They'll try and hold her down
They've never meant much to me
The way you do now
 
Noch ist da die zweifelnde Frage "Am I the one you want?", aber all dies läuft fast im gleichen Tempo wie "All You Need Is Love", nur etwas langsamer, damit Zeit genug ist, auch dem Teufel noch ein Loch in die Tür zu treten. "I'm ready now to burn / Dust and ash on the floor." Das ganze Album nähert sich dieser Macht an, die siebzehn Ruinen im Sand zerbrechen läßt. Die Macht, die dich ins Mehr-als-ich geleitet. Die Macht, die gerade darin liegt, sich auszuliefern: Transformation, Zerbrechen der Abgrenzungen, Verschmelzen ohne Rücksicht auf die Folgen, Liebe als Außer-sich-sein, Liebe als die dynamis, die bewegende Kraft, die in einen neuen Zustand eintreten läßt. Als Schönheit und Zerstörung. Wie der Song nach drei Minuten zu
 
No heart is safe
That's the risk you take
Be courageous and crazed
You played it safe, I was not afraid to lose
 
hymnisch wird, mit Streichern und einer Mariachi-artigen Trompete, die Tiefe der Traurigkeit und dann die Höhe der Euphorie, himmelwärts, alle emotionalen Schutzwälle durchbrochen, und am Ende dann doch noch ein Break zum letzten "Dust and ash on the floor" - danach muß man erstmal raus und einmal um den Block gehen.





 

Die polnische Publikation Onet.muzyka schrieb über Rykarda Parasol: "This woman can change your life."

Sie hat es wieder getan.

"From operas to the Pre-Raphaelite Brotherhood to film costume dramas, I still delight in revisiting history from an allegorical perspective." (Passages, 12) My own little Q & A mit ihr: "Colin Firth as Mr. Darcy or Colin Firth as Vermeer?" - "LOL. The Colin Firth thing is an inside joke that is now out of hand. Mr. Darcy for sure." Sie brachte Colin Firth in fast jedem Interview unter, das ich hörte, und natürlich gehört sie auch selbst in ein historisches Kostümdrama. Weil es sie möglicherweise ohnehin aus einer anderen Zeit hierher verschlagen hat, zu unserem großen Glück, einem Bild von Joshua Reynolds entstiegen, oder, bedenkt man ihre tiefe Zuneigung zur französischen Kultur, jener Epoche am Vorabend der Revolution, in der "libertine" Frauen in Paris sich die Mittel ihrer Unabhängigkeit in eigener Regie beschafften, selbständig, in zuweilen teuer erworbener Freiheit für die eigenen Entscheidungen selbst verantwortlich. (Blau und Rot sind auch die Farben von Paris. -> Stadtwappen)

Auch für Rykarda Parasol hat die Unabhängigkeit ihren Preis. Die künstlerische Integrität ist ein Segen, die Notwendigkeit, die Musik auf eigene Faust zu promoten, eine Last, die Energie raubt. "Lastly, like many of you, - I have unwillingly ended up doing things DIY", schreibt sie auf ihrer Website. Ein renommierter Verleger, jener, der meinen zunächst auf eigene Faust herausgebrachten Roman in seine Edition aufnahm, sagte: das wirklich Aufregende passiert an den Rändern. So sehr ihre dramatischen Geschichten die Condition humaine illuminieren, ist Rykarda Parasol mit ihrer oft leicht unheimlichen Poesie zu eigenwillig für den Mainstream.

"A mesmerizing storyteller" (Big Takeover, 2021), eine mysteriöse Chanteuse, die scharfsinnig, gefühlvoll und elegant von Elend, Sehnsucht und Besessenheit singt, von Verlust und Tod, Täuschung und Enttäuschung, von bösen Erfahrungen und teuflischen Abenteuern, von der Suche nach Identität, von Selbstbestimmung und Hingabe, von Einsamkeit und Stärke, von dem, was Menschen sich antun, von Untreue, Verrat und Gewalt, vom zerstörerischen wie vom romantischen Verhängnis, von Dunkelheit, aber vor allem davon: das Licht zu finden in der Dunkelheit. Von der Prüfung namens Liebe. Und all das klingt "weirdly gorgeous" (LA Weekly), "darkly intoxicating and viscerally affecting" (Examiner.com); "the depth of her sultry sound is uncommon" (Nitewise).

Die Songs sind ihre Autobiographie, und ihr Werk ist so intim wie universal. Die wundersame Macht der Kunst, die uns das Allgemeingültige und Ewige menschlicher Erfahrung entschlüsseln läßt in Werken, deren Charakter exzentrisch ist in jeder Hinsicht.

Rykarda Parasol wird mit dir sein in einer verrückten Welt, in der Kunst die realere Realität ist, aber auch, wenn man meint, auf einen finsteren Planeten versetzt zu sein, und erst recht, wenn es gilt, über unruhige Ozeane zu gleiten, weil die Liebe ihren Wahnsinnskurs nimmt. "Beauty is Truth, Truth Beauty" (Keats). "Capturing the truth" (Passages, 9) ist die Mission dieser Songs, die noch viele tiefe Geheimnisse bergen: auch wenn Schönheit Wahrheit ist, kann sie Mysterium bleiben.

Zitieren möchte ich noch, was sie mir über die Menschen schrieb, mit denen sie zusammengearbeitet hat, denn die Würdigung klingt am besten aus ihrem Mund.

"I am so thankful to so many musicians who are as talented as they are reliable as well as good friends, teachers, and artists themselves. To me, Colleen Browne was so essential in the first album and I have always looked up to her… Mark Pistel who has engineered and recorded each album – I don’t think these albums would exist without him. Danny Luehring who played drums on the last two albums. He’s one of the best musicians I have ever met. I am hoping to record with Mark and Danny next year. Since 2010, most of my live concerts has been with a group of musicians from Warsaw and Lodz, most notably Milosz Wosko and Robert Radz. Piotr, Kornell, Lukaz, Martin, and Andrez – these guys are my heroes. To be on the road with men who naturally treated me with dignity and professionalism was healing. Knowing they were on stage with me made me feel secure. I really truly value each of them."

Pistel, Betreiber des Room 5 Studios in San Francisco, übernimmt auch den Bass und einige Gitarrenparts auf "The Color of Destruction". Nur dafür, daß er ihre Alben aufgenommen hat, sollte Mark Pistel auf jeder Liste der 100 wichtigsten Persönlichkeiten des Jahres stehen. Jedes Jahr.

Derzeit arbeitet Rykarda Parasol zusammen mit dem französischen Musiker Marc Ottavi an neuen Songs; die Demos, die man auf Soundcloud hören kann, sind wundervoll in ihrer leicht geisterhaften Schönheit.

Für die Ankündigung "New music in 2022" ist Bob Dylan gerade gut genug - "I said, that's the best news that I've ever heard".

 

 

 

 Please visit / Bitte hier entlang:


 -> Rykarda Parasol @Spotify

 

-> Music & Merch @Bandcamp 










Rykarda Parasol Paris 2021: The photographer is Panos (Panagiotis) Achouriotis 

-> @cinematic.walks 

Krystal Kenney shot Loneliest Girl and her IG is:

-> @missparisphoto 

 

 

 

 

Camille Paglia, Die Masken der Sexualität, München 1995

 

 

 

 

 

 

 


Freitag, 5. November 2021

Rykarda Parasol [III]

 

 

 


 



"Above the 59 latitude, from Eastern Russia through Finland into Scandinavia, there's this melancholy belt. Sometimes mistaken for the vodka belt. And if you live in a country like Sweden with five, six months of snow and the sun disappears totally for two months, that would be reflected in the work of artists. It's definitely in the Swedish folk music, you can hear it in the Russian folk songs, you can hear it in the music of Jean Sibelius and Edvard Grieg, you can see it in the eyes of Greta Garbo. Actually you can hear it in the sound of Frida and Agnetha and some of our songs too. For those who are observant enough, they might even spot it in an Ingmar Bergman movie." – Benny Andersson bei der Induction von ABBA in die Rock and Roll Hall of Fame 2010

Rykarda Parasol wuchs nicht im melancholy belt auf, sondern im sonnigen San Francisco, aber die Tochter einer schwedischen Mutter und eines jüdischen Vaters, der als Junge aus dem Ghetto geschmuggelt wurde, hat den Hintergrund ihrer Eltern als starken Einfluß erlebt: "Her parents' cultures were a big deal when she was growing up, she says (…) Thus, her songs often reflect a dark sense of discomfort and otherness." (1) Wieviel nordisches Dunkel in diesem dark sense stecken mag, jenes Etwas, das sich laut Benny Andersson in der Musik von Sibelius wie in den Augen von Greta Garbo findet, wissen wir nicht, aber auf ihrem dritten Album macht Rykarda Parasol den wohl berühmtesten Filmsatz der Garbo, "I want to be alone", zum Songtitel. 

Rykarda Parasol ist ihr richtiger Name. Der Titel des 2013 erschienenen dritten Albums, AGAINST THE SUN, ist die wörtliche Übersetzung ihres Namens aus dem Lateinischen – para-sol. Gegen die Sonne. Parasol ist aber auch der Name für den Riesenschirmpilz, und das erneut von Rykarda gestaltete Cover zeigt die schon vertraute nackte weibliche Figur, die sich mit einem solchen Pilz beschirmt, während sie sich von uns ab- und dem goldenen Hintergrund zuwendet.
 
In "Passages" schreibt sie:
"Perhaps less beautiful than flowers, the mushroom has its own kind of beauty. Birthed out of muck and darkness it huddles humbly to the ground inconspicuous at first glance, yet authentically comfortable with itself. (…) This time the narrator connects with the self and the familiarity of being easily unaccompanied. Along with the self-reliant impressions in the text, an acoustic approach to the music underpins the overall themes of independence, liberty, and self-determined thought." (63 ff.) 
 
"Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg" (Novalis). Das Selbst entdecken, das sich selbst genügt. The familiarity of being easily unaccompanied – darin liegt tiefe Traurigkeit, aber auch der tapfere Entschluß zu Unabhängigkeit und Freiheit. Der Entschluß, zu genießen, wozu man verdammt ist. Der Pilz wächst still im Dunkeln. Aber er bildet natürlich auch ein Netzwerk, und, wie es in "Only Lovers Left Alive" heißt: we don't know shit about fungi.
 
Im Podcast "Drinks with Tony" vom 15. Januar 2020 erzählt Rykarda, daß sie nach dem zweiten Album the end of her tether erreicht hatte; die Kerze an beiden Enden angezündet bis zum Totalschaden auf allen Ebenen. Körperlich, mental und auch finanziell ausgebrannt, nach allem, was sie in ihre Kunst investiert hatte. So beschloß sie, ihre Band aufzulösen und nach Europa zu gehen, für Selbstbesinnung und Neuordnung. Bowie wählte für dieses Unterfangen Westberlin, Rykarda Parasol zieht es nach Paris. Dort schreibt sie einen Großteil des Albums, das introspektiver ist als die Vorgänger und kosmopolitischer zugleich. 
 
"I live alone / I walk alone / Everything I've known is stone" - "The Cloak Of Comedy" führt direkt ins Zerrissensein, zwischen "Time here is brief, got no time for grief" und "Baby, I was only joking / I'm ready to be your fool". Der Mantel der Komödie, im Video ein selbstentworfenes Pierrot-Kostüm, ist Deckmäntelchen, das Spielerische Rollenspiel, Pierrot bietet sich selbst als Versöhnungsgeschenk, aber schließlich verlaufen Lidstrich und Wimperntusche unter Tränen, und wer da nicht auch zerlaufen will, muß ein Steinmensch sein. Mademoiselle Pierrot schlägt selbst die Trommel (bestimmt den Rhythmus selbst jetzt), zwischen "Now all this time you'd been on my mind" und "Ain't sorry for what I am / I don't plan to be distant" wurde nie eine Gitarre eleganter zerschlagen, aufgrund weitgehender Absenz elektrischer Gitarren auf AGAINST THE SUN muß eine akustische dran glauben. Immer wieder wird der Song geradezu strahlend mit französischem "Ooooooh la la la" Sixties-Vibe. "I'm always running, running, running out / Just when things get good" ist wahrscheinlich an die Wand von Rykardas Sanctum Sanctorum geschrieben. Nun gut, wahrscheinlich nicht. Mit job done-Attitüde geht sie aus dem Video, aber nicht aus der Doppelbödigkeit und Ambiguität, der Song endet mit dem womöglich zweitlängsten Klavierakkordnachklang der Musikgeschichte.
 
 




 
 
 
Wenn die Seele nicht gerettet werden kann, warten wohl die Höllenflammen. Konstatiert mit bitterer Ironie die Ungläubige. "I never believed since the day I was born". Wir werden nicht sehen, wer an unserem Grab weint, es gibt nur das Irdische, und mit dem haben wir genug zu tun; Leiden ist der rote Faden des Lebens und das, was uns verbindet. Am Ende von "Atheists Have Songs Too" geisterhafter Backgroundgesang, scheinbar direkt aus dem soeben verworfenen Reich der Metaphysik. 
 
Freiheit ist eine Kunst, die beherrscht werden will. "Thee Art Of Libertee". Die "leidenschaftliche Aufmerksamkeit" (Camus), die sich in uns kristallisiert, hat ihren Preis. "Loneliness ain't no coward's friend / For folks like me though it's a constant". Die Einsamkeit als vertrauter Freund, wenn alles andere fort ist. "I was lucky to have you, we laid side by side / Glad when you said hello / I was glad when you said goodbye". Freiheit ist kein Geschenk, sie ist Vollzug. "You and I we are free / It's good to be free". Im Video geht sie ständig in Richtung andere Richtung, nur am Ende nicht. Der Mond ist auch gegen die Sonne. Wie sie auf der Treppe sitzt, Herr im Himmel. Sie könnte auch vier Minuten nur auf der Treppe sitzen und es wäre ein faszinierender Film. 
 
 




 
 
 
Daß der Genius loci der Wahlheimat Einzug gehalten hat in ihr Werk, daß sie Paris adoptiert und Paris sie adoptiert hat, belegt ein Songtitel wie "Your Arrondissement Or Mine?". Illusionslose Einladung zu "a ride into the night", Nähe und Distanz zugleich, Ambivalenz auch hier. Jedem Anfang wohnt nicht nur ein Zauber inne, sondern auch schon das Ende, für eine, die von sich sagt: I'm wise and I know the score. Wenn dieser Song aber noch heimlich das Durchbrechen der auf- und abgeklärten Abgebrühtheit ersehnt, kommt "Island Of The Dead (O Mi, O My)" direkt aus einer Art Hades im Diesseits. "It's a mighty nice place if you don't mind being alone / It's a mighty nice place if you don't mind travelling alone / Some of my friends liked it so much / They ain't never come back home". Isolation als Schattenreich, da ist nichts außer nichts, es braucht nicht mal den Totenfährmann, man kommt ganz alleine hin. All das erzählt Rykarda die Hüfte schwingend zu einem skelettknochentrockenen Piano, am Ende eine anderweltliche Stimme wie direkt aus der griechischen Mythologie, chilling.
 
 




 
 
 
"How Ever Measured Or Far": ein Interludium mit dem Klang von Absätzen und einem Aufruf zu departure. Make an educated guess: eine Frau, die einen Koffer trägt in Richtung Paris. "Withdrawal, Feathers And All" ist Absturz in Zeitlupe, nur noch widerwillig herausgezögertes Ende einer Liebe: "coming down from feeling strong", "coming down from being cool", und "when I was tall I was a force". Der Punkt, an dem Liebe Stärke raubt statt gibt, an dem man sich trotzdem zurücknimmt, sich aufgibt, um zu retten, was schon verloren ist: "I know it's better to sing / I'll sing your song". Der innere Rückzug ist schon angetreten, wenn gilt: "… you still play games". 
"Wille kann die Fähigkeit sein, gegen den eigenen Willen zu handeln." 
"Und wie viele Willen zählst du da?" 
"Zu viele." 
Die Sängerin pfeift dazu, herausfordernd und ein wenig schräg, unbekümmert, als hätte sie gerade eine Tür hinter sich geschlossen. 
 
In "Greetings From Kiev, XX00" hat es sich mit "Baby girl, you be sweet" und pretending um des lieben Friedens willen. Ansprüche und Sehnsüchte des Mannes, Bedürfnisse und Wünsche der Frau – nicht mehr kompatibel. Sensationelle Zeile: was eine Frau braucht, ist "a brother to keep her in style in a wild world". 
 
 
 
 



 
Mein Favorit auf AGAINST THE SUN ist "I Vahnt Tou Beh Alohne (aka Grand Hotel)". "I didn't call you that day / It was easier to let it fall away / And I'm sure I have saved you from pain / And you wouldn't believe it if I say / I want to be alone". Die Schreibweise des Titels ist Greta Garbo-Dialekt, Garbo als russische Ballerina Grusinskaya in "Grand Hotel" von 1932. Rykardas Stimme ist hier so schön und herzzerreißend, du zermarterst dir den Kopf, an wen diese Stimme dich erinnert, aber wahrscheinlich ist es einfach nur die Stimme des Mädchens, das damals deinen Namen rief in einem Traum.
 
 




 
 
 
"Take Only What You Can Carry" beginnt mit "Well my daddy's daddy got shot / He didn't do no crime" und widerlegt schon damit die Bemerkung eines Amazon-Rezensenten, der von AGAINST THE SUN behauptet: "Ms. Parasol's story-like lyrics are lighter here than her usual dark and murderous love songs". Der Song wirft Schlaglichter auf das Überleben ihres Vaters, auf das, was diese Art von Überleben weiterträgt in das Leben einer Tochter. "And we all saw the walking dead get on that train": der Song beschwört die atrocities, der der Vater damals mitansehen mußte. Nick Cave, "Nature Boy:
 
I was just a boy when I sat down
To watch the news on TV
I saw some ordinary slaughter
I saw some routine atrocity
My father said, don't look away
You got to be strong, you got to be bold, now
He said that in the end it is beauty
That is going to save the world, now
 
Auch our narrator vergißt nie die Stimme des Vaters: "'No fear', says daddy, 'Courage got me where I am.'" Später heißt es "My daddy fought to live / In this mean old world / And all I am / Is a silly little girl". Genau das ist sie natürlich nicht. Wer einen Song schreiben kann wie "Take Only What You Can Carry" ist sehr weit gegangen in dem, was Kunst vermag. "Beauty is going to save the world": sie selbst trägt mit ihrer Kunst dazu bei. Aber glaubt sie selbst daran, daß Schönheit sie errettet? 
 
"Tired of my peculiar tongue / And the brain from which it stems / I wonder if I have one?" Der letzte Song, "I Know Where My Journey Will End" beschreibt diesen letzten Ort mit vorgezogenem Fernweh: "I'm going there some day / When all travel done". Und als gelte es schon jetzt, ein Resümee zu ziehen: "I was not content with dreams / Of love, God, or ghosts". Auch hier wieder backing vocals von unvergleichlicher Schönheit, schwermütig, sehnsuchtsvoll und spooky, dazu ein Klang, als würde sich Rykarda im Studio kurz direkt in Artemis verwandeln.
 
Immerhin schreibt derselbe Amazon-Reviewer: "Why this woman isn't a huge star yet is beyond me." 
 
SFWeekly sah 2010 in Rykarda Parasol ein unmenschlich elegantes Wesen, das bei jedem Sonnenuntergang aus einem Eispalast auftaucht:
 
"Rykarda Parasol cannot possibly own pajama pants. That would be too normal, and she never seems like a normal person. Last night at Hemlock Tavern, the Scandinavian-descended, noir-blues poet ruled her small stage like a foreign princess, weaving lyrical tales of murder and vice with a remote, enchanting presence. (…) Parasol's more a precious vixen — an inhumanly elegant entity that emerges from an ice palace each sunset, poured into a smoky evening gown, ready to wield her piercing stare in the service of some unsavory end. 
Though filled with reckless freedom, her songs-as-stories often tackle error, failure, and betrayal. The sense that Parasol really knows a thing or two about those feelings managed to break through her performance's otherwise pristine remoteness last night."
 
Remoteness: interessanterweise heißt es auch 2010 auf faz.net über Tippi Hedren: "Gerade durch die Distanz, mit der sie die räuberische Femme fatale spielt, wird aus Marnie eine der interessantesten Frauenfiguren Hitchcocks."
 
Aber diese remoteness ist nur eine Methode der Abstandgewinnung zum emotionalen Aufruhr und Tumult.
 
"Jeder Song fühlt sich für mich gerade so an, als würde sie mir eine Schicht Haut abziehen und dabei liebevoll lächeln", schrieb mir mein Freund André, als er schließlich bei Nacht und Kerzenschein in Rykardas Welt eintauchte.
 
Schön auch, was jemand auf YouTube zum "Thee Art Of Libertee"-Video schreibt: "Rykarda's voice ... a miracle! It always reminds me that no matter what, you have to keep looking for your kindred soul." 
 
Rykarda Parasol ist die beste Sängerin, die du noch nicht kennst. Sie ist die größte Sängerin der Gegenwart, ob du sie kennst oder nicht. Aber besser ist, du kennst sie.
 

 

 


 

 

 

(1) Emily Savage, Familys past leads sultry songstress into some dark places, 16. April 2010, jweekly.com