Dienstag, 27. April 2021

David Lynch - Lost Highway








 
SPIEGEL ONLINE Forum "Lieblingsfilme - was ist 'großes Kino'?"





anselmi:
David Lynch trifft entweder voll ins Schwarze (Wild at Heart, Elephant Man) oder voll vorbei (Dune, Lost Highway), dazwischen gibt es nichts! 





Lost Highway fand ich großartig. Ich liebe nun mal Filme, in denen weibliche Erotik männliche Identität zersetzt.





anselmi:
Ich habe eine Bitte: Erklären Sie mir mal, worum es da geht.
Ein Mann wechselt Körper und Identität, Robert Blake murmelt kryptische Drohfloskeln...?
Ich bin blöd und Sie sind schlau!
Erklären Sie mal!






Lynch selbst hat die Struktur des Films mit einem Möbiusband verglichen. Wenn Sie sich eins basteln und die Klebestelle als Markierung ansehen, dann passiert ein Käfer, der auf dem Möbiusstreifen krabbelt, diese Markierung mal an der "Außenseite", mal an der "Innenseite", immer abwechselnd. Nur haben die Bezeichnungen "Außenseite" und "Innenseite" eigentlich da keinen Sinn. Auf einem Möbiusband entlanglaufen heißt, ständig die "Seite" zu wechseln auf einer Fläche, die nur eine Seite hat, und es gibt keinen Ausstieg aus dieser Schleife, keinen Anfang und kein Ende. Was als Ablauf einer Bewegung erscheint, ist eigentlich ein Zustand. Hier: der Zustand, zugleich Fred Madison und Pete Dayton zu sein. 

"Trip in den Wahnsinn, von innen her betrachtet"? Würde heißen, die Bilder zeigen nicht den Wahnsinnigen, wie er wahnsinnig wird, sondern zeigen, was der Wahnsinnige sieht, während er wahnsinnig wird. Die Bilder in Lost Highway zeigen aber beides. Zugleich. Verwirrend genug; dann aber verschwindet der Wahnsinnigwerdende plötzlich und wird, während die Bilder des Wahnsinns weiterlaufen, durch eine andere persona ersetzt, die wiederum innerhalb der Bilder des Wahnsinns agiert. Aber zugleich auch in einer eigenen Geschichte: es scheint einen Pete Dayton zu geben, der immer schon Pete Dayton war, der sich selbst aber nicht mehr recht erkennt, weil er jetzt auch die persona Fred Madisons ist. Die Bilder suggerieren eine changeling-Geschichte und damit, daß die Wandlung nicht (Schizophrenie) auf das Bewußtsein Fred Madisons beschränkt ist. 

Sagen wir, daß Fred Madison seine Frau getötet hat. Lynch hat auch von einer "psychogenen Fuge" gesprochen. Fuge von lat. fuga, Flucht. Dann wäre diese "Fuge" zu deuten als panische Selbstabschaffung der Identität: Madison hat ein Verbrechen begangen. So grauenhaft, daß er nicht ertragen kann, weiterhin er selbst zu sein. Also tritt er in die psychogene Fuge ein: seine Identität explodiert in eine Phantasiewelt, ein psychotisches Remake, in dem er sich als Pete Dayton wiederfindet. Aber auch dieses innere Paralleluniversum ist geschwängert mit dem Unheil, das aus Madisons Realitätswahrnehmung erwächst: dasselbe Unbehagen bereitet dasselbe Grauen vor, derselbe Argwohn, daß nichts ist, wie es scheint, insbesondere im Zusammenhang mit DER FRAU, entstellt auch hier das "Tatsächliche", bis auch diese alternative Realität auf einen Totalschaden zusteuert. 

Aber wie gesagt, der Möbiusstreifen hat keinen Anfang, es gibt keinen Punkt, von dem aus sich alles ordnen ließe, von dem aus sich verifizieren ließe, daß Fred Madison sein Schlachtfest wirklich begangen hat. 

Der Mystery Man? Keine Ahnung. Ein Produkt der Imagination? Eine Verkörperung der mysteriösen Präsenz, die die Kontrolle übernommen hat? Vielleicht muß man sehr daran glauben, daß Alpträume Lust einkleiden, um Lost Highway zu lieben. Vielleicht kleidet auch der alptraumhafte Mystery Man Lust ein, Fred Madisons Lust, die Frau, die seine männliche Identität zersetzt, zu zerstückeln. Sieht nur Fred Madison den Mystery Man? Weiß ich nicht. Es gibt wohl mindestens eine Szene (als er aus dem Motelfenster späht), in der NIEMAND den Mystery Man sieht – Fred Madison wirft gerade draußen jemanden in den Kofferraum seines Wagens. 

Und warum das alles? 
Freds Frau - sinnlich, aber seltsam kalt, mysteriös, provozierend zurückhaltend, mit einer Vorliebe für hautenge Kleider und hohe Absätze, wirkt, als würde sie sehr oft an das eine denken. Aber auch so, als wäre die Art von Sex, an die sie denkt, nicht jene Art von Sex, die Fred mit ihr teilt.





anselmi:
Sehen Sie, man muss es mit wenigen Worten auf den Punkt bringen, und schon versteht es auch so ein Trottel wie ich.
 
 
 
 
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 


 
 
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
























 
 
 
 
 
 


 
 
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 


 

 
 

 
 

 
 
 



 
 
 
 

 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
(erstveröffentlicht / first published 11/2015)