"Der Mann der Stunde war Nick Cave, ehedem Sänger der Birthday Party, einer Combo, die so klang wie der eiskalte Samen des Teufels sich anfühlen mußte. Cave zog durch seine Texte wie ein Wanderprediger mit Dreck am Stecken zwischen Sumpfland, Strumpfband und Altem Testament. Sein Spießgeselle war jetzt nicht mehr der seltsame Rowland S. Howard, der mit seinen weinenwollenden großen Augen wirkte wie ein im Cabinet des Dr. Caligari Vergessener und von dessen Gitarre Georg Büchner sagte, daß sie wie ein offenes Rasiermesser durch die Gegend lief (man schnitt sich an ihr), sondern Blixa Bargeld, dessen luziferisches Gebrodel über Caves Lieder kroch wie eine Tarantel übers Bett. Kicking Against The Pricks und Your Funeral, My Trial von Nick Cave schärften den Sinn für die manische Unschuld der Obsession."
"Vor etwa zwei Stunden hatte Aljoscha eine LP der Birthday Party neben einen Spiegel gestellt und sich selbst davor, um einen Haarschnitt vorzunehmen. Der Kopf des auf dem Cover abgebildeten Gitarristen Rowland S. Howard diente ihm als Vorbild. Hallo, ich bin Butch, und ich nenne diesen Schnitt Scheitel am Ende. Man trägt ein artiges weißes Hemd dazu. Es ist ein Scheitel, dessen Sachlichkeit zugleich betont und zerfetzt ist, verheert, zerwirbelt, verderbt. Die Wirrnis der Fasson. Der Formschnitt der Zerrüttung. Keine Strähne verschafft eine Ahnung, was zum Teufel all das bedeuten sollte, jeder Wirbel verweigert die Mitarbeit. Der Scheitel des Bösen. Aljoscha hatte aufgehört zu funktionieren. Er hatte aufgehört zu resignieren."
Christian Erdmann: "Aljoscha der Idiot"
Rowland war für mich immer ein entfernter Satellit, der an bedeutenden Punkten meines Lebens Signale sendet. Ich glaube, es war sein Gesicht, das mich mal zur Birthday Party brachte. Die kurzen Szenen in "Wings Of Desire", die sich einem ins Gedächtnis brannten. Im Winter unserer Durchgangsriten war er da mit "Wedding Hotel". "It's Still Living" neben meinem Spiegel, um mir den Scheitel des Bösen zu verpassen. These Immortal Souls live, damals, als Konzerte, die für 20:00 angesetzt waren, kurz vor Mitternacht begannen. Dann entdeckt man ihn als Entdecker der Lee Hazlewood / Nancy Sinatra-Größe, mit "Some Velvet Morning". Und dann kam "I'm Never Gonna Die Again" – "Crowned". Ich weiß nicht, wohin nach diesen 8 Minuten Genevieves Piano am Ende, das nochmal aus der Stille kommt, meine arme Seele schon geführt hat.
Talk on Rowland S. Howard @ SPIEGEL ONLINE Forum
23.10.2007
Kuechenchef
In der Tat habe ich gestern eine lange Crime & The City Solution- und Spätburgunder-Nacht veranstaltet. Angefangen mit der The Dolphins and the Sharks-EP … bis Shine. Dabei ist mir folgendes Schätzchen in die Hände gefallen, dessen Existenz mir nicht mehr wirklich bewusst war, Nikki Sudden and Rowland S. Howard - Kiss You Kidnapped Charabanc.
Und natürlich laufen bei alldem so viele Filme ab, daß ich auf den Spätburgunder lieber von vornherein verzichte, aber wie Lou Reed mal sagte: jeder Wirbelsturm hat ein Auge, und durch das muß man durch. Und auf der anderen Seite bleibt dann einfach, daß "Wedding Hotel" ein großer Song war, ist, und immer sein wird.
kpone
… Lydia & Rowland mit "Shotgun Wedding". Da läuft mir immer wieder ein Schauer über den Rücken.
Nicht immer zeugen viele Noten und Breaks für Qualität.
Was die Breaks angeht...im Nachhinein betrachtet..."Hee-Haw" hat zuweilen sehr vertrackte Rhythmen, diese seltsame Art von Beautiful Losers-Jazz, der Rhythmus als Strafaktion, und halb hält Howard genau das in der Hand, halb schneidet er mit dem Rasiermesser hinein.
Gerade auf der zweiten These Immortal Souls-Platte ("I'm Never Gonna Die Again") bindet er sich dann aber mal richtig die spitzen Schuhe zu, Stücke von ungeahnter Stringenz, und das etwa 10 Minuten lange "Crowned" - über das, was passiert, wenn man sich über längere Zeit hinweg über den Schlaf (und ein paar andere Dinge) erhebt - ist vielleicht das beste, was er je gemacht hat, die Beats, die Epic Soundtracks auf diesem Stück auf der Snare hinterläßt, kann kein Sterblicher zählen, und während sich das Ganze am Ende selbst manisch in den Boden dreht, entlarvt diese wunderbare Piano-Melodie von Genevieve McGuckin, die erstmal gegen die neun Höllenkreise ankämpft und dann aus der Stille nochmal wiederkommt, einen wie Howard ("I've been crowned in black, now I abdicate") als letztlich heillosen Romantiker. Ganz, ganz wunderbar.
18.03.2008
"Exit Everything" flattert hier seit Tagen mit schwarzen Engelsflügeln herum und sprüht "Das Herz ist eine Kampfzone" an die Wand.
07.07.2008
Hatte ich Dir eigentlich seinerzeit erzählt, daß es in dem nicht so berauschenden "Queen of the Damned" eine kurze Szene gibt, in der eine "Vampir-Combo" aufspielt, bestehend aus Aimee Nash, Robin Casinader, dem wunderbaren, Dir ja nun auch bekannten Hugo Race und *drumroll* Rowland S. Howard, ex-The Birthday Party, ex-Crime & The City Solution, ex-These Immortal Souls, ex-Lydia Lunch-Kumpan, ex-everything (bester Song seines Soloalbums "Teenage Snuff Film": "Exit Everything"), ex-Konsument-von-allem. Wie Du weißt, kann man ihn auch als "im Cabinet des Dr Caligari Vergessener" bezeichnen, aber es war einfach schlagend, wie das natürliche unnatürliche Aussehen dieses Mannes ihn vampirhafter erscheinen ließ als den ganzen Rest der Filmvampire!
07.09.2008
"Exit Everything" ist so richtig, daß es schon fast falsch ist, erinnert daran, daß Gott ein passiv-aggressiver Profilneurotiker ist, und bleibt dabei cool wie eine tiefgefrorene Gurke.
09.02.2009
Fad Gadget, "Ad Nauseam" von "Gag" (1984). Verstörender als 3 Death Metal-Bands
auf 1 Pferd, Gitarre Rowland S. Howard.
12.02.2009
Eine der vielen guten Taten Rowland S. Howards, in einer Zeit, in der sich niemand darum kümmerte, auf die Klasse der Hazlewood/Sinatra-Songs zu verweisen, genau wie Nick Cave mit "Kicking Against The Pricks" Traditionslinien betonte. Die slightly demented Lunch/Howard-Version ist Geschmackssache, ich finde sie wunderbar.
09.07.2009
Von Chilton hat Rowland S. Howard mit seinen These Immortal Souls mal "Hey! Little Child" gecovert. Der kann überhaupt gut covern.
30.10.2009
Es gibt eine neue Platte von Rowland S. Howard (The Birthday Party, Crime & The City Solution, These Immortal Souls), "Pop Crimes". Seine erste Soloplatte, "Teenage Snuff Film" von 1999 gehört zum Besten, das je aus Australien kam. Und jeder sollte ihm Glück wünschen. "Basically I got liver cancer, I'm waiting for a transfer, if I don't get it things might not go so well...so..."
30.12.2009
Heute morgen ist Rowland S. Howard gestorben.
30.12.2009
[Fad Gadget] Als er starb, war ich neu im Internet. Ich fand eine Art Kondolenzbuch auf seiner Website, und trug etwas ein. Aus den 80ern hatte ich noch so einen Artikel über ihn. Der war begleitet von einer Bilderserie; Frank Tovey (sein richtiger Name) und seine damals vielleicht 3jährige Tochter veranstalten eine Tortenschlacht. Sehr niedliche Bilder, sehr im Kontrast zu der damals gefährlich und diabolisch wirkenden Bühnenfigur Fad Gadget - der gerade das Album "Gag" veröffentlicht hatte; auf einem Stück davon spielt übrigens Rowland S. Howard Gitarre. – In meinem Eintrag also erwähnte ich diese Bilder. Kurze Zeit darauf stand folgender Eintrag online:
"Thank you for all of your messages. I’m still reading them so please keep writing. Thank you to Christian for the message about the photo shoot with me and dad and the cake. I still have one of the photos from that shoot framed in my bedroom, it’s one of my most treasured possessions. Thanks and love to you all, Morgan."
Das, und zu lesen, wie viele Menschen around the world die Kunst dieses Mannes schätzten und liebten, ließ mich denken, das Internet ist womöglich keine schlechte Sache.
Ja, es hat ihm wehgetan, daß sein Werk nicht die Würdigung fand, die es verdient hätte. Ich finde es ebenfalls schmerzlich, wie manche, die ganze Heerscharen von Epigonen zu hoffnungsloser Mittelmäßigkeit verurteilen, so langsam im Nebel verschwinden. Auf der anderen Seite ist es immer eine Wohltat, auf YT, wie mir gerade bei Siouxsie & The Banshees wieder geschehen, zu lesen, wie 17jährige diese Musik entdecken und ihnen die Kinnlade runterfällt darob, daß es sowas mal gegeben hat.
Warum ich das alles erzähle, weiß der Himmel – vielleicht weil ich heute morgen diese Nachricht bekam: "I woke up this morning and someone told me Rowland died. I'm crying like a child."
Rowland S. Howard – The Birthday Party, Crime & The City Solution, These Immortal Souls, zwei gloriose Soloalben, massenhaft Kollaborationen. So einflußreich und innovativ, es bräuchte einen eigenen Museumsflügel für ihn. Im Grunde auch der Mann, der für die Postpunk-Generation das Interesse an Lee Hazlewood wiederbelebte, als dieser völlig aus dem Fokus war, mit "Some Velvet Morning", Duett mit Lydia Lunch. Die erste Band von Nick Cave und Rowland S. Howard aber waren die Boys Next Door.
"I think that the most important thing about music should be that it expresses some kind of humanity and it should express the personality of the person who is playing it."
kpone
Oh no. Kann's kaum glauben, lese das jetzt gerade mal fertig, wenn ich mich etwas beruhigt hab'... Find your peace, Rowland! You music will be there forever...
"I think that the most important thing about music should be that it expresses some kind of humanity and it should express the personality of the person who is playing it."
Sorry, Christian, hab' ich grad mal bei Dir rauskopiert. Natürlich war Howard kein "Supergitarrist" à la Malmsteen, Satriani, Moore und wie die ganzen Griffbrettmasturbanten alle heißen. Aber da wo Gefühl und Akzentuierung gefragt waren, da hat auch er sein Metier beherrscht wie kein Zweiter. Allein auf der kompletten LP "Shotgun Wedding" mit Lydia Lunch zeigen einzelne Töne zur richtigen Zeit, langsame Melodiefolgen einzelner Töne mit kurzem komplett Anschlag eines Akkords über drei Saiten, dass weniger meistens mehr ist.
Feeling für Strukturen, Harmonien (bei Birthday Party meist Disharmonien) und Riffs, die einen bis ins Mark treffen und Schauer über den Rücken jagen, müssen nicht immer technisch perfekt sein oder bis in jede 32tel Triole zu analysieren sein.
Das machen nur die armen Tropfe, die mit verschränkten Armen an der FOH stehen und darauf warten, dass der Künstler sich verspielt, um das dann nachher in die Erzählung über das Konzert mit einfließen lassen zu können.
Musikalische Einflüsse werden nicht immer nur von Stars oder späteren Stars gegeben... wer in der neueren Musikgeschichte aufmerksam liest und sich informiert, wird bei Interviews mit Musikern oft Erstaunliches über ihre Einflüsse feststellen.
So, genug geschwafelt. R.S. Howard war einer der ganz Großen.
Sorry, Christian, hab' ich grad mal bei Dir rauskopiert.
Gern. Doch noch schön, das alles zu lesen hier; hatte heute morgen schon dem Herrn Buß mein Mitgefühl aussprechen wollen dafür, daß er den deutschen Kulturseppl nahezu todesmutig doch noch mal an etwas Spannendes und Bedeutendes erinnern wollte, bei einer 90:10-Wahrscheinlichkeit von "Rowland wer?". In jedem englischsprachigen Nachruf findet sich das Wort "influential", gern mit einem "most" davor und einem "komma, inventive" dahinter. Daß Rowland S. Howard in Deutschland vergleichsweise "einflußlos" war, würde ich gar nicht unbedingt bestreiten; eben daß Gitarristen dieses Kalibers – der Mann hatte einen Stil, den man 10 Meilen gegen den Wind erkennen konnte, präzise, schneidend, durchdringend, aber mit einem phantastischen Sinn für Klang, Struktur und Nuancen – vergleichsweise "einflußlos" geblieben sind, ist ein Teil der Erklärung dafür, daß deutsche Musik so vergleichsweise grottenlangweilig ist.
RSH hatte eine Lone-Ranger-Stimme von düsterer Determiniertheit, die immer etwas Unheimliches hatte, aber eine Stimme, die selbst schon mehr erzählte als tausend in Verbindlichkeitsakkorden absaufende Wischiwaschitexte. Wer sich mit den Texten wirklich beschäftigt, erkennt darin natürlich kleine poetische Sprengköpfe allerorten, RSH hat immer literarische Einflüsse zugegeben, von denen er meinte, daß er sie noch durch einen vielleicht nicht immer leicht verständlichen, spezifisch australischen Humor filtert, der mit dem vermeintlich Morbiden ganz gut umgehen kann. Großer Mann des dunkelromantischen weißen Blues, der ein genieförmiges Loch in der Kultur hinterläßt.
[Aus einem Review zu "Pop Crimes":]
"And it’s a revelation. Howard comes across as an intriguing blend of world-weary cynic and romantic, with that oddly puritanical streak you often get in lifelong “outsiders,” with a deliciously rich vein of black humour to bring it all to life. His cavernous voice sounds like it has smoked a forest of cigarettes but conversely has that rare power which comes from a sense of having really lived."
01.07.2010
Einer, der gehen mußte: von Rowland S. Howards nun erschienener "Pop Crimes".
10.12.2010
kpone
Der hatte sich einfach die Zeit genommen, Emotionen in Musik zu packen & Töne auch mal stehen zulassen, um damit zu korrespondieren & kommunizieren. Demnäxt jährt sich sein erster Todestag. R.I.P., Rowland. Never got the chance to see you on stage!
Thx. Ja, man möchte pathetisch werden, und warum auch nicht, ich danke den Göttern, die zwischen den Atomen sitzen und kichern, daß sie uns Diesen Unsterblichen Seelen zuführten, damals, als bestimmte Konzerte aus bekannten Gründen ca. 3 Stunden später begannen als angekündigt. Hager, ausgemergelt, als wäre Sonne ihm nur vom Hörensagen bekannt, schien er mehr Wesen als Mensch, später, in "Queen of the Damned", bei seinem erstaunlichen Cameo, war er wohl der einzige, den man nicht eigens zum Vampir hinschminken mußte. Seine Art, sich zu bewegen, beeindruckte mich zutiefst. Eben die Art eines sehr schlanken, sehr großen Mannes, der ein Messer gegessen hatte. Die wunderbare Jutta Koether schrieb mal, These Immortal Souls stanzen in kostbarer Düsternis Blumen in schwarzes Glanzpapier. Und das ist natürlich das genaue Gegenteil von "depressiv". Er liebte James Ellroy und verriet immer so interessante Dinge wie etwa, daß Blixa Bargeld eine Schuhputzmaschine besäße. Die drei besten "Wedding"-Songs: das "White Wedding"-Cover der Queens of the Stone Age, "Wedding Dress" von Mark Lanegan, und "Wedding Hotel" von Rowland S. Howard und Nikki Sudden.
Ein paar Platten, die der Mann todsicher zuhause hatte: die großen, großen Shangri-Las. Wenn der nicht auch a crush on Mary Weiss (Capricorn, weiß man schon, bevor man es nachliest) hatte, will ich einen Besen fressen.
"Worte und Sounds lange nach Mitternacht. Winter-Pop. Was kümmert uns der schmutzige Schnee? Behende eilen die Immortal Souls spitzschuhig darüber hinweg." - Jutta Koether
"Autoluminescent" Movie Trailer
The Birthday Party "Junkyard" on Gotterdammerung
The Birthday Party - Mr Clarinet
The Birthday Party - The Friend Catcher
"Rowland S Howard (the “W” in Rowland and the “S” in the middle were not negotiable) was one of this world's most ridiculously singular and charismatic individuals. He was himself to the nth degree. He was beautiful, extraordinary, intelligent, funny, wickedly talented, wickedly human, affectionate, warm loving and always entertaining to the precious people in his life. He was as dapper as the devil, at times as shabby as an aristocrat who'd fallen on hard times.
He felt things in a wholly unimpeded way, there were no walls between his heart and his mouth, his skin was thin. When he loved he loved with all his heart, soul and mind, he could break hearts and did. He railed and writhed in agony when his own heart was broken. He devoured life and books and films and music and pop culture with a curiosity and zest for new information that was astonishing. He was a popular criminal. He was great and he was flawed, and life tested him again and again, but he arose from times of gloom and adversity to charm and amuse and spark and spin and produce songs and music that came straight from the centre of his being with an honesty and intensity that was bone-deep. He didn't suffer fools gladly, if at all, yet he was always a gentleman.
His life was 50 years long, different periods of friends, cities, bands. So much happened it would be impossible to cover or do justice to them all. This is a eulogy, not a biography.
I'll miss his blue eyes, his face, his downturned smirk, his raised eyebrow, his fount of information, his devilish humour, the sound of his voice. His compassion and empathy, his loyalty, his chuckle, his mocking laugh, his huge vocabulary. I'll miss him telling me exactly what to read and see. I'll miss his presence, the light he shed on those around him, his music, his singing, his words that made us cry, and watching and hearing him skip and strut and swing that guitar like a screechy demon, wringing the most bone shatteringly beautiful noises out of the ether while he sang his heart out all over the place. It all came from the most profound regions of his soul. It was how he expressed himself.
Through everything Rowland, you were the best friend of my life. I couldn't have asked for more." - Genevieve McGuckin
"Rowland's quest is to banish banality from the kingdom."- Harry Howard
"Rock'n Roll Highschool" - ein grandios schlechter Film, Soundtrack:
Ramones/Ramones/Ramones/Ramones.
Yeah, die grandios schlechten Filme kriegen wir auch nicht so gut hin.
Kryoniker
Da ist was dran. Könnte man sich "The Texas Chainsaw Massacre" oder "Angriff der Killertomaten" aus deutscher Feder vorstellen? :)
Weißte, ich glaube, um "grandios schlecht" zu sein, braucht man "conviction". Überzeugung. Einer wie Ed Wood, um mal von dem zu reden, hatte das. Der hatte eine grandiose Hingabe und Unvoreingenommenheit, einen fast zum Himmel schreienden Optimismus und er hatte Begeisterung, dazu arbeitete er mit einer kleinen community, wo eine Loyalität herrschte, die so weit diesseits von allem Zynismus lag, daß es jenseits von Gut und Böse war. Vor einer Weile habe ich "Glen or Glenda" gesehen – da sind Szenen drin, auf die der frühe Bunuel durchaus wohlwollend geschaut hätte, nebst Auspeitschungs- und Bondageszenen; der Mann hat eine Menge gewagt. Das war auf subversive Weise "weird". Jemand sagte mal: he ripped open his heart and put it on the screen. Das nötigt mir mehr Respekt und Sympathie ab als so manches andere. Filme wie "Armageddon" finde ich weitaus schlechter und uninteressanter. Außerdem hatte Wood Vampira / Maila Nurmi. Pull the string! Und hüte dich vor dem großen grünen Drachen, der auf deiner Türschwelle sitzt.
BerSie
Zitat von Aljoscha der Idiot
Weißte, ich glaube, um "grandios schlecht" zu sein, braucht man "conviction". Überzeugung. Einer wie Ed Wood, um mal von dem zu reden, hatte das. Der hatte eine grandiose Hingabe und Unvoreingenommenheit, einen fast zum Himmel schreienden Optimismus und er hatte Begeisterung, dazu arbeitete er mit einer kleinen community, wo eine Loyalität herrschte, die so weit diesseits von allem Zynismus lag, daß es jenseits von Gut und Böse war.
Absolut! Toll auf den Punkt gebracht!
War der wahre Ed Wood denn so wie von J. Depp im Film dargestellt?
Im Buch von Rudolph Grey wird er beschrieben als sehr freundlich, sehr geduldig, sehr enthusiastisch, und es sei auch völlig normal gewesen, daß er im rosa Baby-Doll-Kostüm Regie führte. :) Am Ende hat ihn der Alkohol dann wohl weniger nett werden lassen. Loretta King, gerade beim Aufschlagen mal gefunden:
"Ed Wood war wirklich einer der attraktivsten Männer, die es gab... attraktiv auf eine Weise, die wir, sagen wir mal, mit einer Figur von Fitzgerald vergleichen würden. Er war wie Gatsby oder jemand aus dieser Zeit... aus den Zwanzigern. So sah er aus."
Kryoniker
Zitat von Aljoscha der Idiot
Weißte, ich glaube, um "grandios schlecht" zu sein, braucht man "conviction". Überzeugung. Einer wie Ed Wood, um mal von dem zu reden, hatte das. Der hatte eine grandiose Hingabe und Unvoreingenommenheit, einen fast zum Himmel schreienden Optimismus und er hatte ...
Aljoscha, wie ich ihn liebe, jetzt haste mir richtig Appetit auf Ed Wood gemacht!
oliver twist aka maga
Es gibt sicher auch andere schlechte Regisseure. Und Ed Wood war sooo schlecht, dass es sich schon wieder lohnt, seine Filme zu sehen.
Das Wort "schlecht" im Zusammenhang mit Ed Wood ist Signum einer bourgeoisen Sensibilität, so Grey. :) Und der Kritiker Jim Morton: "If there is a 'worst film ever made,' it is one that is boring - a sin Ed Wood Jr. is rarely guilty of."
Maila Syrjanieme Nurmi was born on December 11, 1921, in Petsamo, Finland. Her uncle was an Olympic champion in track running, Paavo Nurmi. Her family moved to the United States when Maila was only two years old. The youngster was already dreaming of being an eventual Hollywood star and at the tender age of 17, she took a trip to Los Angeles to find fortune. Of course, glory doesn't come easily and Maila became an exotic dancer and photo model to survive.
She would be present on New York's theater scene, hired by producer Mike Todd for a mysterious revue called Spook Scandals, where she played a vampire. This show ran for one whole representation, but why worry when Howard Hawks became interested in Maila. His project was to make our Finnish beauty a new Lauren Bacall, so everyone returned to California, as he promised Maila the first role in a film written by William Faulkner, nothing less. This production never came to be and it was back to the dancing floor for Maila.
At some point in 1954, Maila disguised herself as Morticia Addams (a cartoon character from New Yorker Magazine who would eventually become popular on TV and films) for a masked ball. As simply as that, Vampira was born. Maila's appearance appealed to Hunt Stromberg Jr., program director for KABC Channel 7, who was looking for somebody to spice up his nighttime programming. In a very short time, Maila officially became Vampira to host a show presenting horror movies each Saturday night at 11 PM.
Needless to say, her singular features, subtle humor and faux-blasé attitude contributed to make her a fast popular success. Introduced with appropriate organ music, Vampira came out of the fog at the start of each show, saying something like: "I am... Vampira. I hope you had a terrible week". Before commercial breaks, she took the habit of reciting weird poetry or even give out cocktail recipes that could give chills to the most veteran witches.
Of course, her unusual figure was a key factor to her success, as Vampira claimed to be gifted with the following measurements: 38-17-36! Huh? Pictures can't lie... And how can we forget these three-inches fingernails? It didn't take long before publications like Time or Newsweek gave her some written space. Marlon Brando, Mae West and even James Dean became fans, the last even debuting an intimate relationship with Maila.
Oddly, all this attention would be cut short. Dean's tragic death would seriously shake up Maila, not counting ABC trying to stop her in her attempts to pursue different career projects, as their intent was to completely own rights to the Vampira character. Consequently, the show would be canceled. Soon after, Maila was attacked in a beauty parlor by an enraged woman who burned her head, which she had to totally shave after. Other unfortunate burns would follow, as Maila tried to save her cat from a home fire.
Vampira ressurrected with the help of Edward D. Wood Jr., who was shooting his ultimate classic, PLAN 9 FROM OUTER SPACE. Maila was hired for a single day of work (for $200 bucks!), playing a ghoul who came back to life via some extra-terrestrial ray. Her partner was the immortal Tor Johnson, of whom I will never have enough time to sing the praises. After reading the script, she insisted in not speaking a single word of dialogue, as she found the story completely awful. She starred in some more B-movies, but not one of them would achieve the popularity of Wood's anti-masterpiece, still hilarious and cherished today.
Maila became the owner of an antique shop, creating her own line of clothing and jewels. Renewed interest in Wood's films at the end of the seventies would make her once again popular for a new generation of fans. Musical groups like The Damned and The Misfits honored her in songs. As Vampira, Maila even turned up singer for a punk band. In 1981, seems like a television station contacted her for a renewal of the Vampira concept. According to Maila, many discussions took place in the following months and she remains convinced that her ideas were stolen for the Elvira character. She sued for ten millions.
Apparently, there remains some rare footage of the Vampira show in the KABC archives, as it remains extremely difficult to view her in the media that made her so popular. A Finnish documentary about Maila was shot in 1995, entitled DEATH, SEX AND TAXES.
It remains intriguing to guess what kind of cultural impact she could have made if her career would have been longer and more profitable. As an immortal cult figure, who knows what kind of importance she would have enjoyed in fully becoming mistress of her own destiny?
(cultsirens.com)
From any traditional entertainment perspective,
Orgy of the Dead
is inexplicable.
(Ed Wood, Mad Genius, A Critical Study of the Films by Rob Craig, p. 217)
In die besten Orientteppiche wird auch immer ein winziger Fehler im Muster eingearbeitet, weil, nur Allah ist vollkommen. :)
ray05
Zitat von Aljoscha der Idiot
[...], weil, nur Allah ist vollkommen.
... und der Fernsehfilm Movin' With Nancy von Jack Haley, jr. für NBC aus 1967. Wir begleiten ein Lederstiefelmädchen durchs Wunderland. Middle-of-the-Road, freilich, aber wir lernen auch, dass die meisten Menschen und Dinge allein schon deshalb gut sind, weil sie gut aussehen. :)
Undsoweiter ... göttlich.
"Göttlich" ist ja wohl das Mindeste. Apropos. Damals, als der Papst, der entfernte Ähnlichkeit mit Gollum hat, nach Köln kam, blies ihm der Wind als erstes mal das Käppi vom Kopf. Ein böses, böses, böses Omen, Leute. Im Mittelalter gehörte es noch zum Allgemeinwissen: wenn eine Hexe ihre Strümpfe auszieht, kommt Sturm auf. Aber diese Zusammenhänge will ja niemand wissen. Anstatt mal zu fragen, wer von den Mädels da verantwortlich war. Naja, Deutschland. Wir haben hier eine Serie produziert wie "Raumpatrouille", und die Leute reden seit 40 Jahren über das Bügeleisen. Spring über Deinen Schatten oder zur Not meinen und gönn' Dir die DVD-Box. Nix mit "Trash". Avantgarde plus Ironie, High Art, Frauen in Führungspositionen, Worte wie "anthropozentrisch" in den vergleichsweise noch nonchalantesten Dialogzeilen. Die Macher hatten Schönherr vorher gewarnt: wir wissen, Sie sind ein guter Schauspieler, aber, bitte, nehmen Sie es uns nicht übel, Sie müssen hier am laufenden Band sehr, ähm, ungewohnten Text abliefern. Die gaben ihm also einen Probetext und 10 Minuten. Und der haute das dann in einem Tempo raus, daß sie abbrachen: ähm ja danke, natürlich haben Sie die Rolle.
Claus Holm hat kurz vor seinem Tod noch gesagt: verglichen mit dem Schotter von heute waren wir ziemlich gut. Sie waren sogar verdammt gut.
Eva Pflug, in the year 2000: "Ich hab mich also immer gewundert, ich kriegte ja waschkörbeweise Briefe und es waren fast immer Mädchen. Und da hab ich dann mal eine, die jetzt 3 Staatsexamen hat, gefragt, 'Du sag mal, wieso wart ihr eigentlich so auf mich konzentriert, ich dachte das würde sich alles auf den Schönherr...' Aber dann sagt sie, 'Ne, du warst das, was wir sein wollten. Du hast dich durchgesetzt. Du warst ein völlig neuer Typ, was wir gar nicht fassen konnten, dass man so sein könnte. Und dann haben wir alle versucht, so zu werden.' Aber es ist nicht vielen geglückt, glaube ich. Mir ja auch nicht."
ray05
Zitat von Aljoscha der Idiot
[...] Wir haben hier eine Serie produziert wie "Raumpatrouille", und die Leute reden seit 40 Jahren über das Bügeleisen. Spring über Deinen Schatten oder zur Not meinen und gönn' Dir die DVD-Box. Nix mit "Trash". Avantgarde plus Ironie, High Art, Frauen in Führungspositionen, Worte wie "anthropozentrisch" in den vergleichsweise noch nonchalantesten Dialogzeilen.
Ist bei mir offenes Scheunentor eingerannt.
Zitat von Aljoscha der Idiot
waschkörbeweise Briefe
... bekam ja auch eine deutsche ÖR-Sendeanstalt, die es irgendwann Ende der 80er wagte, eine Produktion vorzulegen, die auf dem Konzept von Movin' With Nancy aufsetzte. Das war die Sache mit Ute Lemper, die in ganz Westeuropa fast jeder, in D-Land, ihrer Heimat, aber bis dahin keine Sau kannte, weil sie - wie man gehört zu haben glaubte - irgendwas Schmuddeliges in Paris mit Cabaret und Chanson machte. Ich glaube, diese deutsche Produktion [Pfleghar?], die nicht wirklich gut, aber auch nicht so schlecht war, dass man mit der Empörung von zigmillionen Teutonendeppen rechnen musste, ruinierte die Karriere der Lemper beinahe völlig.
BerSie
Schon allein die Namensgebung! Marshal Kublai-Krim.
General Lydia van Dyke, Helga Legrelle, Tamara Jagellovsk -> pure Erotik
09.05.2010
Zitat von ray05
Ist bei mir offenes Scheunentor eingerannt.
Dachte ich mir schon, wollte nur noch sagen, und ganz gewiß nicht Dich damit ansprechen, dieser Raumpatrouille-Schmooze à la "jo kultig höhö" beelendet mich einfach. Wolfgang Büttner und Dietmar Schönherr in Folge 6, "Die Raumfalle", da gibt es eine Szene, da denkst du nur noch, so, die könnten da jetzt nahtlos zu "Faust" übergehen, das ist große Theaterbühne, nur eben mit Fritz Lang-Expressionismus-Kamerawinkel. Natürlich gibt es immer ein paar Durchhänger, besonders wenn in Nebenrollen der Bavaria-Slang durchbricht, aber das ist so dermaßen unbedeutend, verglichen mit dem Feuerwerk, das da auf diversen Ebenen abgebrannt wird. Eva Pflugs Karriere hat die Tamara Jagellovsk-Rolle übrigens auch gekillt. Soviel Selbstbewußtsein plus
Zitat von BerSie
pure Erotik
war in D dann wohl doch zu unheimlich, dabei war sie geradezu purer Charme, verglichen mit der intergalaktischen Dominatrix Lydia van Dyke, deren strenge Befehlsgewalt sich darin äußert, daß sie praktisch nur in wie von Eric Stanton gezeichneten Posen agiert. :)
Ute Lemper. Karasek hat sie doch mal niedergeschrieben? Diese typisch deutsche Süffisanz des ehemals "gehobenen" Feuilletons, die nie irgendwohin führte, weil sie bloßer Schutzmechanismus war/ist. Moral von der Geschicht, Lemper emigriert, Karasek schwitzt in Günther Jauch-Sendungen. Treffen wir uns beizeiten unter der Dusche wieder mit der Frau, für die Nick Cave, Scott Walker, Elvis Costello und Tom Waits Songs geschrieben haben. (wunderbar Track 14 aus Michael Nymans Soundtrack für Peter Greenaways "Prospero's Books", "The Masque". Sowieso phantastische 12 Minuten, aber gerade Ute Lempers Part in diesem Stück fand ich immer zauberhaft.)
Aus den sieben "Raumpatrouille"-Folgen mußte man dann ja auch noch einen Film zusammenschnippeln und – Elke Heidenreich darin unterbringen. Jo kultig höhö.