Montag, 7. Januar 2019

Stefan Zweig












SPIEGEL ONLINE Forum
"Literatur - was lohnt es noch, zu lesen?"




18.09.2006 

BerSie: 
Nennen Sie mir das aufregendste Buch, das Sie je gelesen haben!







Also, ich empfinde bei Filmen wie bei Büchern viel zu häufig "Das ist das Beste, was ich je...", um die Frage wirklich beantworten zu können. Sehr aufregend war aber, als ich mit 20 Rimbaud entdeckte, seine Werke in zwei Tagen und zwei Nächten las, das Essen vergaß, direkt danach Enid Starkies Rimbaud-Biographie "Das trunkene Schiff" aus der Bibliothek entlieh und nicht mehr zurückgab ("Weiß nicht... muß mir jemand im Bus aus der Tasche gezogen haben...") (später aber ein Exemplar legal erworben) (Verbrechen aus Leidenschaft, schon die griechischen Götter haben da ein Auge zugedrückt).

Sehr aufregend war auch die Lektüre von Stefan Zweigs "Ungeduld des Herzens", weil ich sie mit durch hohes Fieber bedingte Visionen ergänzte. Zwei andere Romane, deren Lektüre auch sehr intensiv für mich war, die aber beide in eine Art goldenes Herbstlicht getaucht sind, in milde Septembersonne, sind Jens Peter Jacobsens "Niels Lyhne" und Rilkes "Malte Laurids Brigge". Sehr aufregend fand ich es auch, nach einem Film, durch den ich den Tänzer Vaslav Nijinsky entdeckte, die Biographie zu lesen, die seine Frau Romola verfaßt hat. Bulgakows "Der Meister und Margarita". Nick Caves "And The Ass Saw The Angel", eben weil dieser von mir sehr geliebte Sänger auch noch mit einem Roman daherkam, obendrein einem großartigen. Sade, "Die Philosophie im Boudoir", aber wie gesagt, ich bin leicht erregbar... also, es gibt sehr viele "aufregendste" Bücher, aber wenn ich mich auf EINS beschränken soll: die Romane von Dostojewskij.










09.07.2007 

thedirtydozen: 
Nicht zu vergessen die Sternstunden der Menschheit! Eine Sternstunde der deutschen Literatur: ein Buch voller Lieblingssätze.







Wir sollten doch noch als Garcia & Cave tingeln, IN DER ERSTEN ABTEILUNG nehmen wir uns gegenseitig die Sätze aus dem Mund, und dann sehen wir weiter. Ähnlich erging es mir bei Zweigs Schriften über Hölderlin, Kleist, Nietzsche / Dostojewski, Balzac, Dickens. Zweigs Ruf, ein "Frauenversteher" zu sein, muß in den Hintergrund treten gegenüber der Tatsache, daß er ein Alleversteher ist. Bei Dostojewskij wünsche ich mir immer, man könnte wie Wanja in "Erniedrigte und Beleidigte" ständig von einer Romanfigur zur anderen gehen, aber des Gesamtoeuvres; bei Zweigs Sprache ist es einfacher - man möchte einfach ein Buch von Zweig sein.







fabi82: 
Hätte man nicht besser sagen können.










05.09.2009


Siebziger:
Forschere Seelen würden vielleicht "Sensibelchen" meckern (...) Jeder seiner Sätze ist reif fürs Poesiealbum, und bei Stefan Zweig hat man nie das Gefühl, daß das gekünstelt ist, es klingt alles wahrhaftig und originär, also glaubwürdig.







Zitat von Siebziger:
Forschere Seelen würden vielleicht "Sensibelchen" meckern (...)


Dann hätte man aber Stefan Zweig nicht nur als Mensch, sondern auch als Schriftsteller nicht verstanden, denke ich. Alles, woran er je glaubte, und wovon jede seiner Zeilen Zeugnis ablegt, ging im Inferno unter. Damit ist ja nicht allein die sichtbare Zerstörung gemeint, nicht allein

"Wie kann ich arbeiten, wenn ich las, daß über einer englischen Stadt soundsoviele Bomben abgeworfen sind, daß im Atlantischen Ozean ein französischer Dampfer torpediert wurde, der dann mit soundsovielen Passagieren unterging. Ich mag die Zeitungen nicht mehr aufschlagen..." - "Wie kann ich atmen, schlafen, essen, wie kann ich arbeiten, wenn ich weiß, daß diese sinnlose Zerstörung am Werke ist, daß tausende und abertausende unschuldiger Menschen von ihr dahingerafft werden."

Wir haben von seinen Essays gesprochen – wie selbstlos hat er geistige Größe und Schöpfertum bei anderen bewundert. Welch anderer Schriftsteller war so sehr geistiger Kosmopolit, war so sehr von feiner, zarter, einfühlsamer Empathie. Wie recht hat Zweig mit diesem Satz:

"Nie hat eine Generation einen solchen moralischen Rückfall aus solcher geistigen Höhe erlitten wie die unsere."

Auch wenn es tausend historisch relevante Dinge dazu zu sagen gibt: das bleibt doch Teil eines Unbegreiflichen auch für uns – wie war der Nationalsozialismus möglich nach Thomas Mann, nach Stefan Zweig, nach Rilke, nach nehmen Sie, wen Sie wollen, nach all diesen Büchern, die von Deutschen gelesen worden sind. Thomas Mann war über Zweigs Suizid ungehalten, auch Werfel klagte, Zweig habe mit dieser Tat dem Erzfeind zum Triumph verholfen. Aber man muß einfach sehen, von wo aus gerade Zweig stürzte, wenn er sagte (zu Zuckmayer), die Welt, "die wir geliebt haben, ist unwiederbringlich dahin".

Joseph Roth hatte ihm, Zweig, schon 1933 geschrieben: "Inzwischen wird Ihnen klar sein, dass wir großen Katastrophen zutreiben. Abgesehen von den privaten - unsere literarische Existenz ist ja vernichtet - führt das Ganze zum neuen Krieg. Ich gebe keinen Heller mehr für unser Leben. Es ist gelungen, die Barbarei regieren zu lassen. Machen Sie sich keine Illusionen. Die Hölle regiert." – Zweig hat das lange nicht glauben wollen. Dieses Nichtwahrhabenwollen dessen, was da geschieht, ich kann es nachvollziehen bei einem, der so sehr versuchte, die Höhe des Menschen für die Menschen festzuhalten. Die Vernichtung von Humanität und Toleranz war die Vernichtung seiner geistigen Heimat. Er muß gefühlt haben, daß sein ganzes Werk durchgestrichen ist. Wer hätte ihm sagen können, dort in diesem Bungalow in Petropolis, was er uns heute noch bedeutet.










26.07.2010 

Meine Freundin saß mal im Café mit ihrem Buch, und ein Typ sprach sie an mit: "Warum lesen SIE Stefan Zweig?"


















Dienstag, 18. Dezember 2018

Videotrailer "Aljoscha der Idiot"














Die Welt ist alles, was der Fall ist, sagte Wittgenstein. Die Welt ist nichts, was der Normalfall ist, davon handelt dieser Roman. Er beschreibt jenen quasi-pathologischen Zustand, den die Wissenschaft unter dem Fachbegriff "Begegnung mit einer Frau" kennt.

Wer ist diese Frau? Was hat sie mit einem Horrorfilm aus dem Jahre 1942 zu tun? Was weiß sie über den Studenten Aljoscha? Und warum geschieht nichts, außer daß Aljoscha ihr wieder und wieder begegnet, als wären es geheime Verabredungen?

Warum scheint SIE alles über den Sinn dieser Begegnungen zu wissen und er nicht? Manipuliert SIE den Ablauf der linearen Zeit? Wie fühlt es sich an in der Realität hinter der Realität, wo die Welt gar nicht entzaubert ist? Ist die Wirklichkeit in Wirklichkeit voller verborgener Muster? Von welcher Art ist dieser Blick, der die Vernunft in 1000 Stücke schlägt?

Warum ist SIE anders, unvorstellbar anders?

Was haben der alte Matthäus, Gott, Immanuel Kant, Hilfssheriff Iggy Pop, der Herzausreißer Nick Cave, ein Saufaus namens Aristophanes, die unentzifferbare Wahrheit des Schauerlichen, Isis, Iris, Orpheus, ein dunkles Geschlecht, Maria Magdalena, Caravaggios Messer, Dantes Begegnung mit Beatrice, die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler, die Gedichte von Majakowski, ein säbelrasselnder Hauptmann, ein Satz von Rilke, der Wäscheberg von André Breton, die Metamorphosen des Ovid und die des Apuleius, Professor Pfropfnapf und seine aufregende Assistentin Marie-France, Rembrandt, Dürer und Poussin, die Zahl 7, der Fels, von dem es hieß, er würde niemals bröckeln, eine Blüte vom Grab der Kameliendame, ein Vers des Dichters Percy Shelley, die Marionette Petruschka, der Scheitel des Rowland S. Howard, sieben Köpfe aus Ton, Schillers Schreibtisch-Schublade, ein Opfermädchen aus "Le Sacre du Printemps", Vaslav Nijinsky, menetekelnde Gelehrte und merkwürdige Kommilitonen in dieser Geschichte zu suchen?

Ist Liebe die höchste Form der Magie? Warum sieht Leda im Traum, daß Aljoscha sie verläßt? Gibt es Katzenmenschen? Warum ist Aljoscha ein Idiot? Und was sagt eigentlich Aljoschas Freund Pjotr zu alldem?

Fragen, auf die der Roman eine Antwort gibt. Manchmal auch mehrere Antworten.













Frans Masereel, Holzschnitt aus "Mein Stundenbuch", Cover der Erstausgabe von "Aljoscha der Idiot" 
"Cat People", Filmplakat, USA 1942
Edward Burne-Jones, Study for "The Garden Court", Detail 
La Dame à la licorne: Le goût, Detail, Tapisserie, zwischen 1484 und 1538 
Giovanni Battista Piranesi, Carceri d'invenzione, Blatt XIV, 1761
All other images C.E.

Fatal Injection - Still Dreaming




















Montag, 10. Dezember 2018

2018 - Odyssee im Weltraum
































































God bless you Conway Savage















God bless you Dale Barclay










"Alle Morgen der Welt sind ohne Wiederkehr."










Don't take me away from this dream / Even though it's not what it seems
Please let me continue this dream / Even though it can't be believed









Killing Joke, Markthalle Hamburg, 15.10.2018

Jaz Coleman ab 5:00















Stadtpark, 02.06.2018

































Sonntag, 2. Dezember 2018

"Aljoscha der Idiot" - Review 18





20. November 2018

Überwältigend!

Von F.H.



Ein Kunstwerk in jeglicher Hinsicht! Danke, Christian Erdmann, für dieses beeindruckende Geschenk.
































Montag, 22. Oktober 2018

ES





Psychodramaverlorenes Mädchen
zum unzeitgemäßen Nachmittag
beschattet von der großen Blume
aus Metall.
Ein Neugeborenes, um Gnade flehend,
ein anderes Baby winkt der toten Mutter.
Lebensspenderin mit
Totenschädel.
Da sind die Körper, vom Körpersein verzerrt,
da sind die Farben, die wühlen Leiber auf.
Und da schweben Wunden.
Selbstseher, seht selbst:
sie sind irr, die Pilgerbrüder.
Da ist ein Sitzender, mit wehendem Haar:
er fährt auf die Erde nieder.
Haut
über dem Rückgrat zusammengenäht.
Ausbruch wilder Wahrheit.
Alles was ich wollte war
daß sie sich umarmen
die Mutter und die Tochter
meine Wunden fanden mich.

















[Schiele-Ausstellung 1996]