Mittwoch, 30. März 2022

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@Das Cabinet des Christian Erdmann:

 

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Donnerstag, 24. Februar 2022

Mark Lanegan, Hamburg 12.11.2013

















Die altpersische Hölle ist leicht zu erreichen: man geht ein Stückchen auf des Messers Schneide und fällt dann kopfüber.

Aus dem 7. Jahrhundert vor Christus stammt die altpersische Vorstellung, daß die Seele nach einem Jenseitsgericht von einem Mädchen und zwei Hunden zu einem Gestade gebracht wird; um auf die andere Seite zu gelangen, in das himmlische Reich, muß eine Brücke überschritten werden. Diese Brücke ist wie ein Schwert beschaffen; schmal wie die Schneide eines Schwertes. Die Seele des Gerechten fällt nicht von der Schneide. Die Seele des Ungerechten aber gelangt nur bis zu dem Punkt, an dem die Schwertbrücke am höchsten ist, von dort aus fällt sie in die Hölle, mannigfaltigen Qualen entgegen.

Zarathustra variierte diese Vorstellung. Die Seele, die beim Tod den Körper verläßt, ist weiterhin der Empfindung und der Bewegung fähig, lehrte Zoroaster. Sie verweilt drei Tage in der Nähe des Leichnams. Am vierten Tag bricht sie zum Gerichtstermin auf, begleitet von einer Schar aus guten Geistern und bösen Dämonen.

Sie erscheint vor drei Richtern, die ihre Taten auf die Goldwaage legen. Wenn entschieden ist, ob die guten oder die bösen Taten überwiegen, steht ihr der Gang über die Brücke der scharfen Schneide bevor. Die Seele, die leicht über die Schneide kommt, verstärkt die Kraft des Guten im Reich des Ahura Mazda. Die böse Seele aber wird von den Dämonen aus dem Gleichgewicht gebracht und fällt in die immerwährende Finsternis der Hölle. Oder wird, nach anderer Version, vom Anblick der Mißgestalt ihrer eigenen dâenâ, ihr eigenen gestaltgewordenen Bosheit, so erschreckt, daß sie fällt. Die Hölle hat den Namen "Haus der Lüge".

1989 erschien ein Stück der Einstürzenden Neubauten mit dem Titel "Haus der Lüge". Blixa Bargeld dürfte keine Beschreibung der persischen Hölle intendiert haben. Bargelds "Haus der Lüge" hat zwar wie die Hölle mehrere Geschosse, ist aber eher Vision des gesamten Weltenbaus. Im obersten Geschoß begeht Gott Selbstmord: "Gott hat sich erschossen / Ein Dachgeschoß wird ausgebaut". Platz für die Willensfreiheit oder die Mächte des Bösen. Eben weil das "oder" zwischen "Willensfreiheit" und "Macht des Bösen" zu oft durch ein Gleichheitszeichen ersetzbar schien, hat man die Hölle erfunden. Bargeld versetzt sich nach ganz unten, in die höllische Unterkellerung: "Untergeschoß / Dies ist ein Keller / Hier lebe ich / Dies hier ist dunkel, feucht und angenehm (…) Dies hier ist ein Schoß." Die sardonische Stimme könnte Swedenborgs Ansicht bestätigen, daß die Bösen im Genuß des Bösen leben.

Jedenfalls bestätigt sie den Schoß als den Ort, der Gott gefährlich wird.

"Ich hatte einen alten Onkel, welcher durchaus geradlinig dachte. Er stellte mich einmal auf der Straße und fragte: 'Weißt du, womit der Teufel die Seelen in der Hölle plagt?' Ich verneinte, worauf er sagte: 'Er läßt sie warten.'" (C.G. Jung, Ulyssses)

"Der Höllenhund sitzt ihm im Nacken", titelte die Berliner Zeitung im März 2012, als "Blues Funeral" erschienen war - heute, November 2013, bereits das vor-vorletzte Album von Mark Lanegan. Man könnte dagegenhalten, daß vielmehr Mark Lanegan dem Höllenhund im Genick sitzt. Immer dem Drachenschwanz nach. Zwei echte Hunde soll er besitzen (remember: ein Mädchen und zwei Hunde), aber alle Fakten zu Mark Lanegan wirken seltsam unwirklich. (So auch seine Vorliebe für das Basketball-Team der L.A. Clippers, ein Team im Schatten der Lakers, das es selten in die Play-offs schafft).

Die Hölle als postmortaler Aufenthaltsort ist ausgetauscht gegen die Idee: wenn wir nicht mehr in die Hölle kommen, kann die Hölle immer noch zu uns kommen. Ob als Privateigentum oder als zwischenmenschliche: die Hölle ist noch heiß. Brennend aktuell sozusagen. Hing früher das Seelenheil von der Frage ab: wie vermeide ich die Hölle?, so plagt den Privathöllenbewohner von heute vor allem die Frage: wie komme ich aus ihr wieder heraus?
Die Hölle ist von einem Ort zu einem Zustand geworden.

Und Mark Lanegan ist von einem Mann zu einem Mythos geworden. Das Mysterium steht ihm besser als Fakten, weil die übernatürliche Tiefe seiner Stimme - und damit meine ich nicht nur "Lanegan's subterranean rumble of a voice, sounding like it's been dragged through the fires of hell more than once", sondern vor allem die Intensität, die quality of being deep - buchstäblich den Abstand zwischen Himmel und Hölle öffnet. Weil sie den Raum zwischen Fegefeuer und Erlösung bebildert mit mythischer Dringlichkeit. 

"They're riding, they're riding / a hellhound down the hill / They're sinking, they're sinking / into the ocean, beautiful and still." - Harborview Hospital 

Weil sie einem gehört, der Höllenqualen ausgestanden hat. Weil sie einem gehört, der das Licht gesehen hat. 

"Greg Dulli and Mark Lanegan", schrieb pitchfork.com 2008, "are two of the most intimidating dudes in rock'n'roll, their lengthy discographies littered with bad drugs, bad women, and the violence (physical, emotional, and spiritual) that surrounds these bad situations." 

Im subterranen Mojo Club ist "When Your Number Isn't Up" das erste Stück. Es war auch 2010 im Uebel & Gefährlich das erste Stück. Vielleicht eine Art Fetisch, mit diesem Song zu beginnen. Du hättest schwören können, daß deine Nummer aufgerufen war. The blood running warm. Overdue to follow. But you're still above the ground. Also ist noch Zeit auf des Messers Schneide. Immer dem Drachenschwanz nach. Muß der Weg sein zu einer sister of mercy, zur Sphinx. Muß. 

Mark Lanegan trägt jetzt eine Brille. Auch so ein Trick. Im Mojo Club stehen Stuhlreihen, und wir sitzen in der ersten Reihe. Schuhgröße 48 oder so. Zwischen Songs wischt er mit diesen Schuhen manchmal über den Boden, als würde er Glut austreten da unten. Sehr weit unten. Zwei unfaßbar brillante Gitarristen: Jeff Fielder aus Seattle, den Lanegan durch Isobel Campbell traf (auf "Imitations" ist Fielder zusammen mit Mark Johnson auf 10 der 12 Stücke zu hören), und Duke Garwood, der als special guest zuvor ein Solo-Set spielte, unfaßbar brillant und bad-ass. Zuweilen steuert Garwood auch eine Art Saxofon-drone bei. Vor Garwood war noch der Belgier Frederic Lyenn Jacques aufgetreten, bei Lanegans Set am Bass, auch schon 2012 in Lanegans Tourband. Veredelt wird der Abend noch durch zwei Streicher, die gelegentlich zu dezenter Percussion wechseln: Jonas Pap am Cello und Sietse van Gorkom, Violinist von Lady Dandelion. 

"The Cherry Tree Carol" von Lanegans "Dark Mark Does Christmas 2012"-EP, dann "One Way Street", dann "The Gravedigger's Song" und "Phantasmagoria Blues" von "Blues Funeral".
"I have given to you Jane / a torn and tattered love / But do you hear the tolling bells / that ring down from above / I thought I'd rule like Charlemagne / But I've become corrupt / Now I crawl the promenade / To fill my empty cup". Wie die Dinge so gehen, immer dem Drachenschwanz nach: das Album Phantasmagoria von The Damned gab dem Song seinen Namen: "That's a favourite record of mine." Von mir zufällig auch. Das Mädchen auf dem Cover von Phantasmagoria ist heute übrigens Missus Nick. Susie Bick, verheiratet mit Nick Cave. Da wir beim Herzerwärmenden sind, hört nur, was Lanegan über den großen, großen, großen John Cale sagt (dessen "I'm Not The Loving Kind" er auf "Imitations" covert): 

"He's been one of my heroes since I was a kid. I love all his records and all his different directions. If there's anyone if I sort of used their career as a guidepost, it would be him because he just does exactly what he wants. It's always interesting. It's always great. He's probably my favorite artist of all time." 

Es folgen fünf Songs aus dem Schwarzen Nachtisch, den Lanegan vor einigen Monaten mit Duke Garwood servierte - "War Memorial", "Mescalito", "Cold Molly", "Driver" und "Pentacostal". Magische Intensität, die einen doch sehr ehrfürchtigen Enthusiasmus auslöst. Falls Sie es nicht wußten: enthousiasmós heißt des Gottes voll.

Dann die "Imitations", die keine sind: "Pretty Colors", "Mack The Knife", "You Only Live Twice" ("the grandeur and drama of the Bond theme replaced by a delicate weariness") und das herzzerreißende "Solitaire", der Neil Sedaka-Song, den auch Andy Williams sang; alles, was jemals cheesy war an diesem Song, ist verflogen, Austreibung der Dämonen schließlich auch eine Spezialität von Lanegans Stimme.

Aus dem Nichts dann "Satellite Of Love", unangekündigt, wozu auch, wer nicht weiß, daß dies ein Song von Lou Reed und ein Salut an ihn ist, der wird auch alles andere nicht wissen, nie. Yours Truly ist den Tränen nah.

Erst recht, als wir mit "One Hundred Days" -> mein Heiligstes betreten. 

"There is no morphine, I'm only sleeping / There is no crime to dreams like this". Wer nicht auf die Knie sinkt, wenn der große, große, große Chris Goss bei Lanegan auf diesem Refrain landet, well, ich werde nicht verraten, in welche altpersische Hölle das führt. "Mirrored" und "On Jesus' Program", für die Zugabe steht Lanegan nur mit Fielder auf der Bühne - ein furioses "Halo Of Ashes".

Keine Ahnung, wie Lanegan durch die Menge an den Merch-Stand gekommen ist. Vermutlich auf übernatürliche Weise. Jedenfalls sitzt er irgendwann da und schreibt seinen rätselhaften Schriftzug auf irdische Produkte.

"Hello!" sage ich.
"Hey man!" sagt er, einer der "most intimidating dudes in rock'n'roll". 
"Wonderful, thank you!" sage ich.
"Pleasure!" sagt er.
And shakes my hand, -> a second time. 


"Und, wie war es?", fragte die Mama im Kindergarten mich heute, aber sie meinte Nick Cave. Ich erzählte ihr, daß ich gestern Mark Lanegan die Hand gegeben habe. Frieda, her 7 year old girl, fragte, ob das Glück bringt. Ich sagte, ja, bestimmt. Frieda und ich gaben uns die Hand, und ich sagte, "Jetzt geht das Glück durch meine Hand in deine Hand." Sie sagte: "Aber dann hast du kein Glück mehr!" Ich sagte: "Ich geb dir mein Glück."

I'll find some more, irgendwo auf des Messers Schneide.







Today's Best Song Ever:







It comes to line the road with scarlet flowers
Creatures begin to stir in a rush
Through summer days that last a thousand hours
'Til nighttime drops down in a hush

A choir brightly sing
Shine like an heirloom ring

Within the tomb that has the light interred
In time will she release her prisoner
No sound at all the cold is swallowing
The rise and fall of some black hooded thing

A solitary bird
Hides beneath its wing

'Til ivy paints the wall with green again
And all God's creatures start to crawl
From when the harvest moon is vanishing
A lonely crow begins to call

A solitary sun
Sleeps above it all



















(erstveröffentlicht / first published: 11/2013)





Dienstag, 22. Februar 2022

Mark Lanegan












SPIEGEL ONLINE Forum 


22.01.2009 

The end could be soon, we'd better rent a room. Mark Lanegan, zur Hölle. Diese Stimme läßt jeden Pfirsichsonnensatelliten fallen, diese Stimme, diese Stimme.








17.07.2009

The Gutter Twins - An Evening with Greg Dulli and Mark Lanegan, Stage Club Hamburg, 16.07.2009 

@ kuechenchef, kpone, Motorpsycho: preaching to the perverted also... was soll ich sagen. Morgen abend werden wir im Berliner Olympiastadion sein, und ich dachte, das wird die surreale Sache.





Aber nein. Es war surreal, plötzlich drei Meter entfernt von Greg Dulli und Mark Lanegan zu sein (der Stage Club HH ist für vielleicht 500 Leute). Bei "Saturnalia" mußte ich mich sozusagen erstmal durch Lanegan durchhören zu Dulli und die von ihm dominierten Songs, live erlebe ich das anders. Dulli ist leutseliger, quasi the life of the party. Lanegan ist komplett ainigmatikós. Schwer zu beschreiben, was für eine Faszination von dem ausgeht. Mit seinen entweder zugekniffenen oder seltsam unfokussierten Augen scheint er like a blind man, aber ihm entgeht nichts, nur ist nicht ganz klar, ob das, was ihm nicht entgeht, auch auf diesem Planeten stattfindet. Ein Techniker ist er auch nicht. Er schaffte es weder, das Lämpchen über seinem Textblattständer zu justieren, noch Dullis Mundharmonikahalter zurechtzuruckeln, der fiel nach Lanegans Versuch während des Songs dann Dulli völlig vom Hals. – Drei Stühle (ein zusätzlicher Gitarrist), Dulli wechselt bei einigen Songs von seiner Akustikgitarre ans Piano, Lanegan sitzt stoisch auf seinem Platz, wirkt keineswegs grimmig, beinahe aufgeräumt, aber unendlich verloren. Dulli bester Laune, ursympathisch, übernimmt die Interaktion mit dem Publikum, Lanegan lächelt zuweilen ein völlig seltsames Lächeln, man hat keine Ahnung, worüber, ansonsten ist er einfach konzentriert, nur seine tätowierten Hände ruhen nie, flirren die ganze Zeit den Takt aufs Bein. Also kurz, es war in etwa das intimste, aber zugleich eins der intensivsten Konzerte, das ich je sah. Setlist ging quer durch Afghan Whigs, Screaming Trees, Gutter Twins, muß aber sagen, daß die Songs von den Lanegan-Soloplatten mir am meisten Boden unter den Füßen wegzogen: "Creeping Coastline Of Lights", "Resurrection Song", "The River Rise" und vor allem "One Hundred Days".








09.05.2010

Wenn er sich zwischen den Songs bewegt: als ob er hinkt, einen Buckel hat und Zuckungen, blind ist und mindestens halbirr. Und dann ergreift er den Mikroständer, mit immer derselben Pose, er ergreift den Mikroständer und wird Gott. Die Stimme wird Gott, der zuviel gesehen und erlebt hat, und der doch, das ist die Ausgießung seiner Gnade, Bilder findet für die unzerstörbare Schönheit, an der er sich festhält, um nicht das ganze Universum mit sich zu reißen.








One Hundred Days

Jetzt, wo ich gerade beschlossen hatte, mich ultimativ in eines der verrufeneren Hotelzimmer von Buenos Aires einzumieten, um nächtelang alte Horrorfilme zu schauen und deren Poesie als Antidot gegen die beschränkten Wirklichkeitsmodelle zu schlürfen, während nebenan eine der luxuriösen Schildwachen vernehmbar ihr Geld verdient, die flirrende Hitze wird flirren, daß es nur so ein Jalousienrunterlassen ist, ich inkorporiere Tangotexte und entferne mich von systemstabilisierender Verblödungsarbeit, Dorothy Lamour singt "Sentimental Sandwich" und ich kriege langsam ein wenig Hunger. 100 Tage entfernt von hier kommt ein Schiff.



















(erstveröffentlicht / first published 03/2011)












Donnerstag, 10. Februar 2022

Zeit macht nur vor dem Teufel halt

 

 

 



 
 
 

SPIEGEL ONLINE Forum 

"Schlager vor dem Comeback?"

 

19.07.2007

 

Parzival v. d. Dräuen: 

Ich halte Schlager für einen gewinnorientierten Ausdruck der Musikindustrie, um an die niedersten Instinkte des Menschen zu appellieren. Das kann ich als Verfechter der Aufklärung und als übergeordnet legitimierter Erzieher des Menschen so nicht hinnehmen.
So werde ich weder Schlager noch seichte Kinderlieder in meinem Haushalt absegnen können, da ich mich in der Pflicht sehe, die abendländischen Kulturwerte zu verteidigen.
Es sind auditive Reize, die den Menschen zur asozialen Vereinzelung zwingen. Der Schlager, als Gattungsbegriff der hörbaren Vereinsamung, lebt der Welt eine Vereinfachung und emotionsüberhöhende simplizistische Seinsentfremdung vor; das autistische Glücksbeharren hedonistisch agierender Selbstverfremdung entgrenzt den Menschen seiner musikalischen Möglichkeiten. Bildungspolitisch sehen wir also eine Verantwortung, die sich nicht nur dem bloßen Wünschen ergeben sollte.

 

 

 


 

ET MOI ET MOI ET MOI:

Die Zeit. Die trennt nicht nur für immer Tanz und Tänzer. Die Zeit. Die trennt auch jeden Sänger und sein Lied. Denn die Zeit ist das, was bald geschieht. Die Zeit. Die trennt nicht nur für immer Traum und Träumer. Die Zeit. Die trennt auch jeden Dichter und sein Wort. Denn die Zeit läuft vor sich selber fort. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Denn er wird niemals alt. Die Hölle wird nicht kalt. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Heute ist schon beinah' morgen. Die Zeit. Die trennt nicht nur für immer Sohn und Vater. Die Zeit. Die trennt auch eines Tages Dich und mich. Denn die Zeit, die zieht den längsten Strich. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Denn er wird niemals alt. Die Hölle wird nicht kalt. Zeit macht nur vor dem Teufel halt. Heute ist schon beinah' morgen. Die Zeit alle Zeit Ewigkeit. Zeit macht nur vor dem Teufel halt.

Die hörbare Vereinsamung, die Zeit im Zeitalter ihrer BarryRyanisierung, da geht ein Mann die Gleise entlang -> in Baden-Oos und im autistischen Glücksbeharren, durch den kalten Nebel der Selbstverfremdung, und der Supptext stellt bohrende, entgretzte Fragen. Wenn heute schon beinahe morgen ist, weil durch die vor sich selbst fortlaufende Zeit ein Loch entsteht, kann Henri Bergson durch das Loch kommen? Was macht den Teufel alterslos? Die Zeit, die zieht den längsten Strich, oder wie Ryan auch formuliert: "Schtrick". Wo ist dieser Strcikc, auf dem wir alle gehen, auf den wir zugehen, auf dem Strich dem Strich entgegen, dem längst gezogenen? "Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß." (Jil Sander). Oder, um Jil Sander zu zitieren: Der problembewußte Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Aber ist der problembewußte Mensch von heute der problembewußte Mensch von heute oder von beinahe morgen? Das eben fragt uns Barry Ryan, dieser Eulenspiegel der Selbstentfremdung, dieser Selbstbespiegler der entfremdeten Eulen, diese, um mit Heidegger zu raunen, Butter in einem Idiotensandwich.

 


 

 

21.07.2007

 

Wenn schon deutscher Schlager, entdecke ich halt lieber die 60er. Ricky Shaynes "Ich sprenge alle Ketten" ist so viel unterhaltender als jedes Stück von, ich weiß nicht, werden Juli und Silbermond auch unter deutscher Schlager verbucht? Marion Maerz hat damals mit "Er ist wieder da" ein Stück abgeliefert, bei dem auch Phil Spector die Pistole in der Tasche gelassen hätte und an dem es nichts zu mäkeln gibt, selbst wenn man das verobjektivierte Trauma, daß da gerade keiner bei Marion anruft, mittlerweile durch den Shakespeare'schen Lyrics-Kosmos eines Peter Hammill ersetzt haben mag.

 

 

 

 

 

25.07.2007

 

Die "CDs der Woche" feiern gerade gebührend die Wiederaufstehung des Marc Almond, nach einem Motorradunfall dem Tod von der Schippe gesprungener Gänsehautverursacher seit 25 Jahren, und bei der Gelegenheit fällt einem auf, daß es diese Tradition in Deutschland, im deutschen Schlager eben einfach nicht gibt, mit extremer äußerer Künstlichkeit extreme Authentizität zu produzieren, den torch song a la Marc Almond, in dem sich die Seele bloßlegt. "Seele" wird im deutschen Schlager nur gespielt, und das neuerdings sehr gruselig.

 

 

 

 

 

 

 

29.07.2007

 

Francoise Hardy. Von mir aus könnte sie auch das Telefonbuch singen.
Francoise Hardy war als BRAVO-Girl und mit diversen Songs in Deutsch Teil der hiesigen Schlagerszene, die damals wiederum, wenn auch mit teilweise sehr kruden Resultaten, Teil der internationalen Schlagerszene war. Marion Maerz aber hat einen Song von Ray Davies (The Kinks) singen können, und das ganz wunderbar.

 

 


 

Ich habe vor einer Weile eine Udo Jürgens-Platte aus den 60ern in die Hände bekommen, und es ist sehr vergnüglich, mitanzuhören, wie er die steifen und praktisch in jeder Zeile zu langen Texte immer noch so gerade um die Ecke kriegt.

 

 


 

 

Jedenfalls, irgendwann fing der deutsche Schlager an, nurmehr in der eigenen Suppe herumzudrögeln. Der "internationale" Touch mutierte für eine Weile noch zur Mischung aus deutscher Tümeligkeit und deutschem Fernweh, dann war der Ofen aus. Währenddessen hat Francoise Hardy, beispielsweise, Mitte der 90er mit einer Rockband ein erstklassiges Album aufgenommen ("Le Danger"), singt so en passant mal ein Duett mit Iggy Pop (das sehr zauberhafte "I'll Be Seeing You" auf dem Sampler "Jazz at Saint Germain") und macht kontinuierlich weiter gute Platten.

Insgesamt sind Schlager hierzulande, statt etwas über das wirkliche Leben zu erzählen, einfach zu sehr Kompensationsangebote für sehr bestimmte Zielgruppen. Es fehlt nach wie vor völlig die Komponente Charisma, Authentizität, was auch immer, die über den Song hinausgeht, die auch das Genre transzendiert. Wenn Johnny Cash den Mund aufmachte, war die Kategorie "Country" weggewischt.

 

 

 

Muffin Man:

... das hat in der Tat noch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem frz. Chanson, dessen Liedgut gewissermaßen das Schattendasein der Gosse auf der Bühne thematisiert - ähnlich dem Brecht'schen Theater. Es würde einen langen Dialog über das Showbiz im allgemeinen und Unterhaltung der frühen Nachkriegszeit im besonderen erfordern, hier alle nennenswerten Aspekte zu ergründen...

Das hierbei vermittelte Frauenbild ist jedoch, daß die Frau ob ihrer Rolle als Opfer der Verhältnisse sich betrübt und wehmütig Ausdruck verschaffen darf (...)

 

 


Francoise Hardy ist nun sicher ein Spezialfall französischer weiblicher Melancholie, aber warum zum Beispiel war Emma Peel in den 60ern so populär? Ich vertrete ja die These, daß es im popkulturellen Diskurs eine Kombination von betont femininer Weiblichkeit und Stärke gab, die sich zu behaupten wußte. Sicher reden wir da nicht vornehmlich von Deutschland, in Frankreich kann man eine Reihe von Frauen entdecken, die sehr eigene bis eigenwillige Vorstellungen künstlerisch umgesetzt haben, die hatten einfach ihren eigenen Plan; sie haben mindestens genau das Bild vermittelt, das sie selbst vermitteln wollten.

Das Seltsame ist, daß die Proklamierer selbst das Proklamierte, das zuvor durchaus existent war, abschaffen. Die "Girl Power" proklamierenden Spice Girls haben genau das getan: als bloßes Marketingtool sozusagen die Girl Power der Sixties abgeschafft. Auch diese immer weitere Verschiebung zur Pose spricht eigentlich dafür, daß in den Erscheinungsformen, die Sie wahrscheinlich mit dem "vermittelten Frauenbild" meinen, vielfach sehr viel mehr Subjekthaftigkeit als Objekthaftigkeit lag.

Sich in den Songs zum Subjekt über die eigene Geschichte machen
– das ist, was man im deutschen Schlager halt vergeblich sucht.