Sonntag, 13. September 2020

Wim Wenders Werkschau II

 

 

Impressionen zur Wim Wenders-Werkschau in der ARD-Mediathek. Exzerpte aus -> "111 Lieblingsfilme", Kommentarsektion

Über "Paris, Texas": -> hier

Über "Der amerikanische Freund": -> hier

Wim Wenders Werkschau I: -> hier

 

 

 

 
 
 
 
13.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Wie war es Dir bei "Im Lauf der Zeit"? Der Film hat ein paar Momente/Szenen, bei denen ich das Bedürfnis hatte, ihm zu widerstehen, und dann setzte er doch wieder ein, dieser hypnotische Sog. Beide, Bruno wie Robert, haben eine ganze Reihe verdammt guter Gründe, irgendwann auf einen Zettel zu schreiben "Es muß alles anders werden", ich meine, man erwärmt sich nicht gerade für sie, trotzdem folgt man ihnen drei Stunden lang wie in Trance. "Über die Bildgewalt zuendemythologisiert", der Rhein sah nie so mystisch aus in der Dunkelheit, sieht aus wie der verdammte Mississippi oder der Fluß in "Die Nacht des Jägers". Sand und Kies knirschen unter ihren Stiefeln/Schuhen, als würde nur noch Morricone fehlen. Stattdessen Pink-Floyd-artige Musik dieser ex-Roy-Black-Begleitband, als Robert den Geräuschen in dieser Industrieruine folgt und den Mann, der seine Frau verlor findet. Marquard Bohms "Es gibt doch nur das Leben. Den Tod gibt's doch gar nicht.", schnitt tief, damals, blieb immer. Sogar ein David Lynch-Moment, der alte Mann, der schweigend und rätselhaft dasitzt, bei "Ich brauche Wasser für meinen Wagen." Was für ein Film, was für Bilder, dieses Schwarzweiß so makellos, aus untergehender Provinz Kupferstiche für die Ewigkeit, im Banalsten faszinierende Fremdartigkeit auffindend. Diese Projektorräume, überall im Film hängen Fotografien, Filmstars, Pin-Ups, sterbender Glamour auf blätterndem Putz. Was neu für mich ist, Lisa Kreuzer, die etwas so subversiv Leidendes hat, in "Der amerikanische Freund" zumal, und hier war ich geradezu in sie verliebt plötzlich. In diesem Verschlag von Kinokasse, eine der allerbezauberndsten Szenen, als Vogler das kleine Türchen öffnet und mit ihr spricht, eingerahmt von Karin Baal und Dr Hillers Pfefferminz. Vogler erfindet den Endlosloop für sie ("Härte! Action! Sinnlichkeit!"), ihre Geste bei 1:39:21 (TV-Geschwindigkeit), wie sie sich kurz die Stricknadel an die Nasenspitze tickt, so bezaubernd, hat fast ähnliche Wirkung auf mich wie die Träne an Nastassja Kinskis Kinn. (Die übrigens auch Wenders im Audiokommentar nicht übergeht.) So sweet, so sad, und in Schwarzweiß sogar irgendwie, als wäre sie die Dritte neben Marianne Faithfull und Anita Pallenberg, if you get my drift. "Möbel Traurig". Sehr schön, wie Zischler von der Zeit spricht, in der Buchstaben und Ziffern noch Abenteuer waren, von dem Jungen, für den die Zeilen wie Wege waren, auf dem die Buchstaben mit Hilfe eines Motorrads einfuhren. Erinnert mich daran, wie ich Dich mal fragte, wieso eigentlich ray05? Und Du sagtest, weil es aussieht wie eine kleine Dampflok, stell Dir hinten in der 5 den Lokführer vor. :)
 
 
 
 
 

 
 
 
 
14.08.2020
 
 
 
ray05:
In meinen Augen ist Wenders ein radikaler Platoniker, Platonist. In jedem seiner Filme - Meisterwerk oder genial missglückt - versucht er, uns die kosmologische Welt der reinen Ideen, des Guten-Schönen-Wahren, näherzubringen, das ist sein Eschaton. Dieser "Sog" entsteht im steten Wechselspiel vom Akzidenziellen zum Substanziellen und umgekehrt, das Beiläufige wird plötzlich zum Sprungbrett für das große performative "Weltbild" (das auch im kleinsten Kabuff noch welthaltig sein kann, wie Wenders beweist); und das kann nur geschehen, wenn man dem Beiläufigen den ihm gebührenden Platz einräumt. "Lauf der Zeit" zeigt Dich und mich und uns alle aus platonischer Weltsicht. Alles aus dem Film, das Du anführst, hat auch mich affiziert oder erschüttert existenziell. Nur ein Unmensch würde sich in Lisa Kreuzer nicht verlieben. Für den Platoniker ist die Elbe tatsächlich der Mississippi und der Rhein bei Bingen ist es auch. Die Kinematographie von "Lauf der Zeit" ist skandalös gut, dieses Available-light-Verständnis gefällt mir grundsätzlich, als Rezipient von Wendersfilmen gewöhnt man sich an derlei Approaches aber immer allzu schnell. Musste mir zwischenzeitlich "2001" reinziehen, zur Läuterung gewissermaßen. :)
 
 
 
 
 





 

 
 
 
 
15.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Haha, Werner Herzog am Anfang der "Wim Wenders, Desperado"-Doku, die gerade im Ersten läuft: "Ich würde einem 18jährigen Filmstudenten sagen: SCHAU DIR WIMS FILME AN, DU DEPP!" :)
 
 
 
ray05:
Solche Lehrer oder Professoren habe ich immer geliebt. :)
 
 
 
 
 





 
 
 
20.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Daß die Wenders-Doku mit purem Wernerismus einsetzt, ist natürlich von schlagender Richtigkeit und kam doch herrlich aus dem Nichts. Herzogs enragiertes DU DEPP!, einfach weil neben Wenders jeder ein Depp ist. Und die ganze Generation von Filmstudenten erst recht ein Depp ist. :) Und weil laut Herzog ja schon immer gilt: wo man hintritt, knirscht ein Depp. Danach war alles gewissermaßen nur noch Anmerkungsapparat. Direkt Amen rufen mußte man schon auch bei Herzogs Bemerkung, diese Filme, die deutsche Wirklichkeit der 70er und 80er darstellen wollten, "die stauben einem heute zu den Ohren heraus", soviel Mittelmäßiges und Prätentiöses, da müsse man sich an einen Stuhl fesseln lassen, um das durchzustehen. Sehr schön, wie Wenders und Herzog da in den Lederpolstern als Freunde sitzen, wiewohl auch als heroische Einzelgänger, Herzog: "Ich wollte mit diesem ganzen Sauhaufen nichts zu tun haben."
 
 
 
 
 







 
 
Du meinst, ein Fluß ist ein Fluß und wird zugleich Idee des Fluß-Seins? Ich weiß nicht arg viel von Paul Klee, der Dich gerade so in Bann schlägt, aber sein Satz, Kunst reproduziere nicht das Sichtbare, sondern Kunst macht sichtbar, ist natürlich erstmal die 10 Gebote. Wenders hat Jan Vermeer (in "Bis ans Ende der Welt" stellt er ja in einer Szene ein Vermeer-Bild her), Edward Hopper sowie Paul Klee tatsächlich als die Maler bezeichnet, die ihn am tiefsten berühren. Patti Smith in der Doku: Wenders gelingt es, die Dinge in einem völlig anderen Licht zu präsentieren; normale Dinge, die uns in seinen Filmen ihre Magie offenbaren. Kunst als Sichtbarmachung einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Ein Himmel ist ein Himmel ist ein Himmel? Ry Cooder: sky has meaning, bei Wenders. Filme zu machen, um zu verstehen, was den Menschen und das Leben im Innersten ausmacht, sagt Vogler, aber Wenders sagt auch, wie soll man leben? – ist die eine Frage, die man nie beantworten kann. Die Antwort immer neu zu finden, immer neu in Frage zu stellen,- "das ist mein Beruf."
 
"Unablässig bringt Wenders Mythen zusammen und erschafft so neue Mythen. Wenders ist wie THE EVER WATCHFUL EYE, schwebend über der Welt, beobachtend und miteinander verbindend, was in seiner Schönheit / Wahrheit für ihn miteinander korrespondiert": glaube, Willem Dafoe meint dasselbe, als er das Talent von Wenders bewundert, Elemente zusammenzubringen, die normalerweise nicht zusammengehören. Nicht zusammenzugehören scheinen. :) – Der rühmende Wenders: der über die Meisterwerke unter seinen Werken sagen kann, ja, ich habe unendlich viel dafür getan und darum gekämpft, aber unendlich viel wurde mir auch geschenkt. Nur hätte nicht jeder bekommen, was er bekam, von Schauspielern, von Mitarbeitern, von der Realität, die er möglichst unmittelbar einfangen wollte (wie Bruno Ganz noch sagen darf) wie von der Welt hinter der Welt. Was man ahnte, wird in der Doku, eigentlich besonders von Donata, relativ nüchtern analysiert. Erzählen als Wagnis und Abenteuer, das sich auf die Dinge und die Menschern einläßt, das selbst eine Art von on the road mit offenem Ausgang ist, ein Erzählen, das spontan reagieren kann auf das Unvorhergesehene: das gibt es in der Filmindustrie eigentlich nicht mehr. Wenders sagt selbst, es würde mir ja niemand mehr gestatten, einen Film so zu machen wie "Der amerikanische Freund". Wenders versucht immer noch, Spielfilme zu machen, die unmißverständlich seine Filme sind, aber Dokumentarfilme zu machen, entspricht ihm mittlerweile mehr. Als nächstes für mich wohl "Pina", endlich. :)
 
Gesehen habe ich nun "Die linkshändige Frau"; war eigentlich froh, daß es kein Wenders-Film ist. Schwer, schwer, schwer. Oft faszinierend, oft unerträglich. In "Das Gewicht der Welt" schreibt Handke irgendwo: "Die vorsichtig schönen Lebensformen der alten Literatur wiederfinden, fürs Leben." Mal so ("Stefan würde sich freuen, wenn du ihm einmal schriebest"), und fast allzu virtuos darin, mal freudloses Deklamieren. Allzu meta, weil sowieso die Schwierigkeit, sich wirklich aufeinander zu beziehen. Bruno Ganz hat ein paar vitriolische Sentenzen, die er mit maliziöser Freude ins Gedächtnis ätzt ("Wie eitle Fotos von euch selber lümmelt ihr in euren wohlaufgeräumten Wohnungen! Entmündigungsmaschinen für alles Lebendige!"), und Bernhard Minetti ereignet sich natürlich. Wir wissen nichts wirklich über den anderen, alright. Manchmal ist mir der Selbstfindungssymbolismus zwischen Dysfunktionalität und Befreiung zu regieanweisungshaft angestrengt (Frau trinkt ein Glas Wasser. Frau geht im Kreis. Frau würgt Kind.). Was manchmal feinfühlig und empfindsam scheint, wirkt manchmal phlegmatisch und dull. It's only me, aber ich glaube, für mich paßt Handkes Sprache perfekt und zuvörderst in einen poetischen Gesamtzusammenhang wie "Wings of Desire". Handke zum Einrahmen: wenn Angela Winkler davon spricht, wie sie ihre eigene leidenschaftslose Freundlichkeit verachtet. Muß den vielleicht nochmal sehen.
 
Tatsächlich zum ersten Mal gesehen auch "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Filme verlieren etwas von ihrer Anziehungskraft, wenn Erika Pluhar nurmehr tot auf dem Bett liegt. :) "Thriller ohne jede Spannung", sagt Wenders selbst? Yeah, schon. Psychopath ohne Psychopathologie auch. Charakterstudie ohne Charakter. In der Zeitung steht: "Hinten aus seinem Kopf flog eine Fledermaus heraus und klatschte gegen die Tapete. Mein Herz übersprang einen Schlag." Gibt keine Erklärung für den Mord, das ist wohl vergleichbar mit Camus, sonst nichts vergleichbar mit Camus. Arthur ("Art") Brauss, falls wir noch zu "55 Mehrteiler und Serien" ansetzen, wäre der Weihnachtsvierteiler "Lockruf des Goldes" natürlich auf meiner Liste, Brauss ist Charles Clayton, der in Dawson City das "Tivoli" eröffnet, skrupellos und bad-ass, nie den Plan gehabt, selber Gold zu suchen, sieht einfach zu, wie die Goldgräber ihm die Taschen füllen für Alkohol und Damen und wie sie den Rest einfach verprassen. :) Der Mord an G-L-O-R-I-A hat keinen Kontext und findet faszinierenderweise auch keinen mehr. Sein Platzverweis verrät schon einen jähen Zorn, aber worauf? Weil er nicht verführt werden will? Zu Teilnahme überhaupt? Unvermittelte Aggression, weil er es nicht ertragen kann, wenn man ihm seine Kaltblütigkeit nimmt? Circulus vitiosus. Drücken Sie Q4. Vielleicht ist die Erklärung auch, daß hinten aus seinem Kopf eine Fledermaus herausflog. Nichts für die Attention Span-Gehandicapten.
 
 
 
27.08.2020
 
 
 
ray05:
Die Geschichte vom Derangement (Persönlichkeitsverlust) des Tormanns Bloch erinnert mich an die Verwandlung des Gregor Samsa einerseits, und dann auch an das paranoisch-psychotische Tierchen in einer weiteren Kafkageschichte: "Der Bau". Die Phase, in der die Grenze zwischen normalem und pathologischem Verhalten überschritten wird, beschreibt Handke ohne jede Rücksicht auf die Sensationslust des Lesers, und Wenders macht den eins-zu-eins-Film daraus, er macht also dezidiert keinen "Psychothriller". Zur mentalen Regression passt, dass der Psychiotiker in seiner eingeschränkten Wahrnehmung von "Welt" irgendwann zum Steinzeitmenschen wird, dessen Flucht- und Angriffsverhalten mit unseren Maßstäben freilich nicht mehr gut in Einklang stehen kann. Blochs Herumgetigere im Wirtshaus seiner Freundin, seine Unfähigkeit, Sprachduktus und Verhalten der Menschen in seiner direkten Umgebung noch adäquat einzuschätzen - bis zum Ende kann Bloch nicht internalisieren, dass er wegen Mordes gesucht wird, der Mord an Erika Pluhar selbst ist gewissermaßen bereits ein Steinzeitmenschenmord, einer aus der totalen Überforderung heraus. :) - Warum ist der Psychiotiker Bloch ein Fußballtormann in Roman und Film? Vermutlich weil der Tormann als einziger keinen großen Bewegungsspielraum hat im Spielgeschehen, weil er als einziger die gegnerischen Angriffe immer ganz subjektzentriert auf sich selbst gemünzt erleben muss, weil seiner Erfahrung nach alle nur eines wollen: ihn zu einer falschen Bewegung verleiten. Vor dem Mord erzählt er Pluhar von einem Eigentor, das waren Blochs letzte zusammenhängenden Sätze.
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Torhüter und Linksaußen haben eine Macke, hieß es einst. Was ausgerechnet den Linksaußen zum Psychofall prädestinieren soll, weiß ich nicht, aber das latent paranoische Welterleben des Tormanns auf dem Spielfeld hast Du ganz wunderbar beschrieben. Abgesehen von seinen Beiträgen zur Spieleröffnung erfährt er als Grundsituation, daß immerfort Geschehen auf ihn zurollt, Geschehen, das darauf abzielt, Unheil anzurichten, und zu einem bestimmten Zeitpunkt ist er der Einzige, der dieses Unglück noch verhindern kann. Sogar in "Hier war der Torwart machtlos" liegt immer der stille Vorwurf, ein besserer Keeper hätte das Unheil womöglich verhindert. Geschehen, das immer darauf abzielt, gerade ihn zu prüfen; für jeden Fehler eines anderen gibt es einen, der es noch richten kann, ein Fehler des Tormanns bedeutet fast immer Tragödie, unausweichliches Schicksal. Torhüter sind Held oder Trottel, als Einzelkämpfer stets unter besonderem Druck, gleichzeitig in ihrem Radius eingeschränkt, so daß ihnen das Ex-Zentrische geradezu notwendig ist, der spektakuläre Ausbruch aus der Restriktion.
 
Als versierte Exzentriker haben sie immer das Potential zum Kult, zugleich sind sie in der Konstellation des Spiels immer auch Spielverderber. Ihre Aufgabe ist es, zu verhindern, was zuletzt den Wert eines Spiels bestimmt, Spiele zuweilen gar legendär macht, die Tore. Zwar bleibt ihnen die Glanzparade für Ruhm und Verehrung, aber by default wohnt in jedem Keeper ein bad guy. Oder gar ein evil motherfucker. Remember Uli Stein, der "Kobra" Wegmann unmittelbar nach dessen Torerfolg eine zimmert, die Faust direkt ins Gesicht. Einmal im Jahr muß man sich den Scorpion Kick von René Higuita ansehen: all the world's a stage, für den Torhüter.
 
Vielleicht probiert Bloch also aus, in aller Konsequenz das zu sein, was ohnehin alle in ihm sehen, zumal durch den Platzverweis, der ja sagt: du bist kein Bestandteil mehr, Bloch, und der sein bad guy und outcast-Sein nur für alle sichtbar macht.
 
Als Türhüter ist der Torhüter eigentlich eine mythische Gestalt. Wenn ein Ball an ihm vorbei die Torlinie überquert, ist er eigentlich kein Hüter mehr. Er verliert also seine Identität. Damit gehen auch Moralsinn und rationales Verhalten perdu. Herumgetigere, schönes Wort. Er zählt die 1 nicht mehr mit, sagt er. Er würde jetzt immer erst bei 2 anfangen zu zählen. Unklar, ob er einen zweiten Mord plant, was eigentlich nicht zu seiner Planlosigkeit paßt, oder ob er den ersten Mord damit "auslöscht", den ja ohnehin niemand begangen hat, wenn er ohne Identität ist, wenn er, wie Du sagst, nicht internalisieren kann, daß er wegen Mordes gesucht wird, obwohl er mit den Zeitungen den Versuch zu unternehmen scheint, sich klarzumachen, daß eben dies jetzt seine Identität ist: gesuchter Mörder. Daß er in der Provinz als ebensolcher irgendwie so gar nicht auffällt, ist auffällig.
 
Fahrstühle, für die man einen Schilling braucht. Those were the days. :)
 
 
 
29.08.2020
 
 
 
ray05:
"Er zählt die 1 nicht mehr mit, sagt er. Er würde jetzt immer erst bei 2 anfangen zu zählen" - das ist ein schönes Beispiel für's magische ("wilde") Denken von 4jährigen. Nur dass der 4jährige nach und nach hineinwächst ins rational-diskursive Denken & Sprechen und den Unsinn vergisst, während Bloch gegenläufig in einem kognitiven Regress befangen ist, der ihm auch poco a poco schlankweg die Fähigkeit zur Rezeption von Sprache wegschlägt. Wie schon die konkrete Mordtat imgrunde für Bloch "Traumarbeit" war, so rezipiert er später auch die Berichte der Suche nach ihm wie eingespannt in seinen eigenen Traum, in den sich immer auch die Suche nach dem verschwundenen mysteriösen Schüler einwebt. Aber nur der Träumende könnte seinen Traum zum Beispiel aufschreiben und einer Bewertung unterziehen, also "internalisieren", und das ist ein Ding der Unmöglichkeit. - Im Zusammenhang mit der Figur Bloch in "Angst des Tormanns" fielen mir die bruitistisch-sprachreduktionistischen Gedichte des Till Lindemann ein. Es ist kein Wunder, dass nur jene "funktionieren", in denen der Autor seiner Gewaltphantasien freien Lauf lässt, sobald er dieses Level verlässt, wirken seine elliptischen Reime so rührend unreflektiert wie improvisierte Stanzerln von Kindern. - Was haben sie eigentlich vor 50.000 Jahren geträumt? Zum Beispiel die Leute von Lascaux, die ihre Höhlen mit riesigen Tierabbildungen ausstatteten und in denen der Mensch ja nur in einer einzigen winzigen Strichmännchenzeichnung vorkommt. :)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Donnerstag, 10. September 2020

Wim Wenders Werkschau I

 

 
 
Impressionen zur Wim Wenders-Werkschau in der ARD-Mediathek. Exzerpte aus -> "111 Lieblingsfilme", Kommentarsektion

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18.07.2020
 
 
 
ray05:
Eine Wenders-Retrospektive ist zugänglich gerade in der Mediathek des Ersten. Stehe gerade bei "Paris, Texas", der Streifen ist womöglich besser noch als wir ihn je hielten. Handkes "Linkshändige Frau" sah ich gestern überhaupt zum ersten Mal, die Zeit wird sicherlich kommen, in der so ein Kunstwerk mal adäquat gewürdigt werden kann mit Worten. "Die Angst des Tormanns" gefällt mir immernoch gut in jedweder Hinsicht, "Der Amerikanische Freund" ist in meinen Augen heute ein unsterbliches Meisterwerk, wie konnte ich das je missachten. Geh jetzt direkt auf den Himmel/Berlin-Komplex zu, Gott sei meiner lieben Seele gnädig. :)
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
"Paris, Texas" und "Der Himmel über Berlin" hattest Du ja schon zielsicher in Deinen 111. "Die linkshändige Frau" sah ich auch noch nie, das wird sich nun ändern. "Alice in den Städten" noch zu Schulzeiten mehrmals in Programmkinos gesehen. "Im Lauf der Zeit" zuletzt in einer heißen Sommernacht im TV, 2015. Kinoprojektoren reparieren im Zonenrandgebiet, eigentlich Traumjob prä-Strumpfnahtgeraderücker im Pariser Lido. Rüdiger Vogler. Hanns Zischler, der mal ein Buch über Kafka geschrieben hat.
 
Orte und Entortetsein. Am falschen Ort sein und den richtigen Ort suchen. Unterwegssein, zerbrochene Träume, wiedergefundene Träume. Träume. Am anderen Ende der Welt bin ich mal zu einer Handleserin gegangen, sie hieß Ruth. Sie sagte mir, "You travel a lot, and you will travel a lot, but you don't travel blindly, you go with a purpose." Travel / finding a purpose. Und dabei: Obsession mit Rock'n'Roll und seiner Bedeutung. Musik als plot development. Als Begleitstimme des Schicksals, vgl. "From Her To Eternity", Damiel, Marion. Such a dear man, Wenders. Daß "La sirène du Mississipi" auch der liebste Truffaut-Film von Wenders ist, hielten wir hier ja schon fest, und bringt ihn an den Rand der Unfehlbarkeit. :)
 
"Bis ans Ende der Welt". Einer dieser Filme, den alle hassen oder mißlungen finden, und ich finde ihn phantastisch. Gerade ausgekramt, was ich 2010 schrieb auf SPON:
 
"Ich fand schon die Kinofassung klasse, schon, weil Wenders sich so furchtlos mit fast jedem Bild dem Unglaublichen nähert. Es war in den 90ern opportun, Wenders und Herzog hierzulande zu bashen, vielleicht gelingt es ja in den Zeiten von Zweiohrküken und Einsacktüten, auch Wenders über das Renommee, das er ebenso wie Herzog im Ausland genießt, auch hier wiederzuentdecken, über Herzog-Filme fällt einer neuen Generation schon längst die Kinnlade runter. Die Protagonistin aus 'Bis ans Ende der Welt' heißt Claire Tourneur – Hommage an den genialen Jacques Tourneur, Regisseur u.a. eben des 'Cat People'-Originals. Gespielt wird sie von Solveig Dommartin, die ja auch in 'Der Himmel über Berlin' erschien, und die leider Anfang 2007 verstorben ist."
 
Zum ersten Mal eines Nachts in Dänemark gesehen, mir unvergeßlich die Euphorie, als am Ende die Musik von U2 einsetzt und die Credits durchrauschen. Wollte immer schon die 100-Stunden-Langfassung sehen, und jetzt bringst Du mich da hin. Love you, man. :)
 
 
 
 
 

 
 
 
 
19.07.2020
 
 
 
ray05:
Mein cineastischer Traum ist: Wenders, Herzog und Jarmusch verfilmen parallel Kafkas Schlossroman. Die Werke werden dann weltweit einen Monat lang konkurrenzlos in den Kinos gezeigt, täglich abwechselnd. Dann können die Leut' sich mal über was Or'ntliches die Köpfe heißreden und produzieren nicht mehr ihren üblichen Scheiß. :) - Alle drei sind ja absolute Großmeister im genauen Austarieren von Weltwissen und Heilswissen, sie rechnen - so mein Eindruck - stets mit dem namenlosen Reisenden, der plötzlich an der Tür klopft und dem du stumm eine Mahlzeit bereitest. Das ist die Story. In meinem Kopfkataster stehen Jarmusch, Wenders und Herzog nebeneinander, flankiert von Antonioni und Godard. Dieser Komplex des zugleich skrupulösen und intuitiven Weltbildererfindens hat mich geprägt, das kann ich heute sagen. Ein komplettes Wunderwerk sind die ersten 40 Minuten von "Falsche Bewegung". HC Blech, Nastassja Kinski ("Mignon") und Vogler ("Wilhelm Meister") im Bahnabteil, und auf der Parallelstrecke verfolgen wir mit Vogler den Zug mit Schygulla am Abteilfenster. Das ist mehr als genial gemacht, das ist überhaupt keine "Mache", die Szenenfolge rührt intuitiv und locker ausgreifend an voraristotelische Dinge. Es ist schwer, über Wenders zu reden, so wie es schwer ist, über seinen eigenen großen Bruder zu reden.
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ein Malerfreund und ich erörtern immer, wenn wir uns auf der Straße begegnen, Pläne zur Weltverbesserung, über unseren Köpfen eingeblendeter Titel: Die wohlwollenden Diktatoren. Der Plan, die drei Verfilmungen von "Das Schloß" einen Monat lang alternativlos aufzuführen, ist jedoch unübertrefflich in seiner despotischen Philanthropie. :)
 
Traumprojekt, ernsthaft. Stach spricht bei K. / Das Schloß von "Da ist nur ein Mann, der mit unbegreiflicher Beharrlichkeit versucht, in einem Dorf Fuß zu fassen." Großmeister die drei tatsächlich auch im Vorstellen dieser unbegreiflichen Beharrlichkeit. "Die Unenträtselbarkeit des Nicht-Untergehns" (Kafka). People are strange when you're a stranger. Dem Schloß näherkommen, Annäherung an ein Absolutes, das verborgen bleibt, Mächte, die mächtig sind, ohne sich zu zeigen, Sein, Identität, Glück, Erlösung, alles muß Mächten entrissen werden, irgendein Graf Westwest hat aristotelische Rationalisierungen überlebt, irgendein Deus absconditus hat das Buch der Liebe geschrieben.
 
"Die Oma wohnt gar nicht in Wuppertal." Gestern nacht also meine Dir verdankten Wenders-Festspiele begonnen mit "Alice in den Städten", zum ersten Mal wiedergesehen nach 156 Äonen. Wie unsentimental dieser Film. Das Italienische Eiscafé beschwor meine Kindheit in Schwarzweiß, direkt daneben hätte das Metropol-Kino in Remscheid stehen können, in dem ich Barbara Steele verfiel, mit 7 oder so. Rüdiger Vogler, verbindungsloser Outsider, seine leicht schnöselige Verschrobenheit, still belustigt und troubled. In irgendeiner internationalen Produktion, in der er sich selbst synchronisiert mit seiner unverwechselbaren Stimme und Diktion (hab vergessen was, spielt er irgendwo einen König oder so?), sagt er "Potzblitz! Das ging schnell." Immer, wenn ich "Potzblitz!" sage oder denke, ist es quasi Rüdiger Voglers Stimme. Alice: "Traum. Solche Sachen gelten nicht. Nur Sachen, die es wirklich gibt." Alice stellt auch die Frage, die ein Teil von mir eigentlich jederzeit und überall stellt: "Warum ist hier eine andere Zeit?" Heute nacht "Falsche Bewegung", hopefully.
 
 
 
21.07.2020
 
 
 
ray05:
Die ersten knapp drei Stunden von "Bis ans Ende der Welt" gerieten heute nacht zum beinharten Exerzitium, weil dieses Springen von Kontinent zu Kontinent mir vorderhand unzureichend motiviert schien, weil halt allzu lange im Dunkeln blieb, worauf der Sohn des Erfinders hinauswollte. Im Moment des Erscheinens von Jeanne Moreau und Max von Sydow im australischen Busch änderte sich dies schlagartig. Fühlte mich erinnert an die Rezeption von "Faust II", in dem auch der Nachvollzug der vielen Etappen langwierig schwer wurde, bis dann endlich Philemon & Baucis auftraten an ihrem Deich und sich der Komplex zu fügen begann. Werde mir die ersten zwei Drittel nochmals ansehen müssen. :)
 
Übrigens nahm Wenders mit der Darstellung von Claires Suchtverhalten bzgl. ihres kleinen Traumreproduktionsrechners die Smartphonesucht von heute um zwanzig Jahre vorweg. Eine 18jährige, der man das Smartphone wegnimmt, wird kaum anders reagieren als Claire im Wendersfilm. Ja, am Anfang war das Wort, aber der Schriftsteller schreibt seine Geschichte rekapitulierend vom Ende her. Gerne hätte ich noch ein Stündchen dabei zugesehen wie er Claire von der Traumtechnobildersucht befreit durch Re-Alphabetisierung, aber der Schluss ist natürlich großartig: das Buch erscheint und alle sind glücklich, in Raumstation und auf Erden. :)
 
 
 
 
 

 
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
"Falsche Bewegung" funktioniert tatsächlich genau wie ein Roman aus dem 19. Jahrhundert, in dem es lange Abschweifungen gibt, theoretische Erörterungen und Dialoge, von denen eine bestimmte Art von Lesern behauptet, daß sie den Plot nicht voranbringen. Dabei gehören sie natürlich konstitutiv zum Plot. Völlig unmöglicher Film eigentlich, diese Charaktere aus Wilhelm Meister-Zeit, die in Bonn das Sternhotel verlassen und den Mauspfad hochspazieren. Und dabei nur noch ein paar hundert Meter entfernt sind übrigens von "Aljoschas Ankunft in B*** vollzog sich kurz vor Mitternacht."
 
Peter-André Alt bemerkt irgendwo zu "Das Schloß", daß es eine Reihe von "handwerklichen Unebenheiten, Abstimmungsfehlern und Versehen" gibt. Das kann man natürlich so formulieren für ein, technisch gesehen, Fragment gebliebenes Werk, das trotzdem ein unangreifbares Meisterwerk ist. Vielleicht gehören diese scheinbaren Aussetzer schöpferischer Macht aber einfach zum Abbild einer Wirklichkeit, die nicht den Gesetzen von Logik und Linearität gehorcht, in der das Sinnhafte ständig abbricht usw. So sie stehenbleiben als ungewollt Gewolltes, sind sie doch wieder etwas anderes als "Aussetzer". In "Falsche Bewegung" verspricht sich Hanna Schygulla an einer Stelle, als sie zu Vogler sagt: "Deine läch... deine sachliche Miene ist nämlich sehr lächerlich." Diese Momente scheinen awkward, Wenders läßt sie stehen, weil in ihnen das Leben selbst sich offenbart. Auch darin ist er sehr furchtlos. Zumindest in seinen frühen Filmen gibt es diese Momente des Nichtschauspielerhaften der Schauspieler.
 
Ich dachte, ich hätte den Film vor langer Zeit schon gesehen, aber nein, ich kannte ihn gar nicht. Oh, ja, diese Zugfahrt, Vogler, HC Blech, Nastassja Kinski, im Parallelzug Hanna Schygulla. Blechs Nasenbluten, sein leicht unheimliches Lächeln, das ist schon recht nah am Slapstick des Unverständlichen bei Kafka. Nastassja Kinski, die Jongleuse, die nicht jonglieren kann. Wunderbar die Szene, in der sie Vogler / "Wilhelm" beim Lesen des "Taugenichts" zusieht, als würde er ihr vorlesen.
 
"Die Rückkehr der reitenden Leichen" im Glückstadter Kino. "Ich möchte etwas schreiben, das ganz und gar notwendig ist." Die Einsamkeit in Deutschland immer maskiert "mit all diesen verräterisch entseelten Gesichtern". Hanna Schygulla zwischen "Dir ist so vieles fremd. Das gefällt mir an dir." und ihrem Schauder davor, daß Wilhelm sich von nichts berühren läßt. Existentieller Romantizismus ohne Romantik.
 
Sah dann gestern abend, weil schon Wenders-süchtig, "Tokyo-Ga", auch zum ersten Mal. Das Gespräch mit Ozus langjährigem Kameramann endet genau so bewegend, wie man sich das Gespräch mit Ozus langjährigem Kameramann vorstellt, dieses respektvolle Weinen, damn. Schön auch der Kurzauftritt von Werner Herzog, der von der Schwierigkeit spricht, in dieser "beleidigten Landschaft" noch Bilder zu finden, Bilder, die rein und klar sind. A true Wernerism. Ach, und wie Atsuta, der Kameramann, erzählt, wie sie die Locations immer auf langen Fußmärschen gesucht haben, woraus sie dann irgendwann den Witz gemacht hätten: "Motivsuche dauert so lange, bis man umkippt." So mittelwitzig, der Witz, aber in seiner Mittelwitzigkeit wieder sehr witzig. – Dann 1,5 Stunden "Bis ans Ende der Welt", parallel zu Deinem Exerzitium. :) Aber ich muß nochmal von vorn anfangen, ich kann nicht fassen, wie unfaßbar gorgeous die 4-K-Restaurierung aussieht, was jedes Bild da hergibt, ich war nach anderthalb Stunden völlig fertig. :)
 
Ja, Wenders hat eine ganze Menge vorweggenommen, non? Satelliten-Navigation fürs Auto mit Frauenstimme. :) Rüdiger Vogler wieder (wie in "Alice") mit Kopfschmerzen im Flugzeug die Stewardess um Aspirin bittend, Werkschau-Binge hilft doch sehr, die Querverbindungen im Werk zu erkennen. :)
 
Die Macht des Unterwegsseins, die Macht der Bilder, die Macht von Geschichten, die Macht der Obsession.
 
SEEING THINGS.
 
Die Macht der Musik. Wenders hat damals die Künstler darum gebeten, ihre Musik 10 Jahre in die Zukunft zu projizieren. Patti Smith hat das hingekriegt. :)
 
Hab gelesen, daß Wenders nach einer Aufführung der Langfassung von "Until The End Of The World" im Museum of Modern Art in New York 2015 standing ovations & cheers entgegennehmen durfte. Das wärmt mir das Herz.
 
 
 
23.07.2020
 
 
 
ray05:
Der schönste Wernerismus ist ja "Also ich zieh mir erstmal die Schuhe aus, denn so eine Frage kann man nur ohne Schuhe beantworten". Gesagt, getan; "Chambre 666". Herzog ist auch der einzige der vielen befragten Filmemacher, der autoritativ die Flimmerkiste ausmacht neben sich. :) - Von den non-fiction works ist "Tokyo-Ga" sicherlich derjenige, der am ehesten ein Essayfilm ist in der Tradition von Chris Marker, und nicht umsonst kommen Marker (und auch Herzog) vor in diesem Film. Klasse sind ja auch die wundersamen Sequenzen aus der Manufaktur für Speisen-Attrappen. Vielleicht der "dialektischste" Film von Wenders. Leider hat er nicht erkannt, dass die speziell japanische Adaption des Golfspiels der uralten Tradition der vielfältigen Konzentrations- und Meditationsübungen dienstbar gemacht wurde, also kulturell einverleibt, es geht tatsächlich nicht ums Einlochen. - Non-fiction days: ich bin gleich weitergegangen zu den "klassischen" Dokumentarfilmen. "Buena Vista Social Club" hat vermutlich mehr getan für die kubanische Tourismusindustrie als alles andere. Der Streifen gefällt mir immernoch sehr gut, aber mit den heutigen Augen kann ich auch die damalige Leftwing-Kritik ansatzweise nachvollziehen, die ja einen "kolonialistischen Blick" am Werke sah. Wie auch immer, jedenfalls kommt Wenders in diesem Film dem verwandten "touristischen Blick", den er ja mal als "tödlich" bezeichnete, gefährlich nahe. - Dann "Pina": Nummer 112. Hier ist Wenders der beste Wenders, womöglich ist "Pina" der Scheidepunkt von mittlerem und Spätwerk. Der Auftakt mit "Sacre" ließ mir schon Wasserfontänen aus den Augen schießen, und auch im weiteren Verlauf trat kaum Beruhigung ein.
 
 
 
25.07.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Wasserfontänen aus den Augen bei "Sacre" in "Pina" und auch weiterhin kaum Beruhigung, sagst Du. Es ist einfach so, daß Wenders, wie David Lynch, wenn auch ganz anders, dich, deine Psyche, dein Herz, dein Unbewußtes auf eine Weise ansprechen kann, die Sturzbäche auslöst. Seine Waghalsigkeit kann mißglücken, maybe sometimes he tries too hard, I don't know. Nach "In weiter Ferne, so nah!" verlor ich Wenders aus den Augen, ich sah noch "The Million Dollar Hotel" und "Palermo Shooting", aber ich drang nicht mehr durch zu der Magie, vielleicht war da auch keine. Weiß noch, daß Du und Monika schon zu SPON-Zeiten "Pina" sehr geliebt habt. Und daß Ihr Pina sehr geliebt habt. Habe ja eher klassisches Ballett und die Neumeier-Werke in meiner DNA, Nijinsky-Obsession und vor allem meine ewige Faszination mit "Sacre", -> so gespannt schon auf "Pina".
 
Chambre 666, bester Wernerismus, ja. :) Im Grunde hätte er die Frage auch beantworten können mit: ich habe gerade "Fitzcarraldo" gemacht, wovor sollte ich Angst haben. – Cannes, Mai 1982, Fassbinder auch zu sehen, das kann doch nur ganz wenige Tage vor seinem Tod sein. - Godard: Film heißt, das Unglaubliche zu zeigen.
 
Ja, Ähnliches dachte ich auch, bzgl. der speziell japanischen Adaption des Golfspiels, dachte, es geht um die Schönheit der Bewegung bzw um die Bewußtheit in der Bewegung als Schönheit, Zen, something like that. In "Bis ans Ende der Welt" erscheinen die beiden Ozu-Schauspieler Chishû Ryû und Kuniko Miyake als Mr und Mrs Mori, um William Hurt zu heilen. Ich war fasziniert bei Kuniko Miyake von der unfaßbaren Grazie und Anmut ihrer Haltung und Bewegung, sie ist 75 und die wenigen Sekunden in Wenders' Film, das ist der letzte Auftritt dieser Frau, die ihre Filmgeschichte als Mädchen von 12 Jahren begann. Und ich dachte, vielleicht ist Wenders da sogar noch eigentlicher Dokumentarist als in seinem Dokumentarfilm, da wir diese grazile Bewegung einer japanischen Schauspielerin jenseits der 70 sehen, die etwas nie verliert, was schon eine Geisha 100 Jahre vor ihr nie verlor.
 
"Was passiert mit dem Werk von Goethe! Überlegen Sie mal! Goethe! Weg für immer!" Dieser Moment, Claire und Trevor/Sam im Propellerflugzeug, und man hört/fühlt diesen sound, der Erde und Himmel erschüttert. Die Stille danach. "Sie haben es getan. Sie haben den Satelliten abgeschossen." Dieser Moment, Claire steigt aus dem Zug, Sung Li Station, nachts um 3 Uhr 20, der einsamste Ort der Welt. Dieser Moment, als der Computer die ersten Traumbilder aus dem Gehirn überträgt. "Bis ans Ende der Welt" ist eine Abfolge eindringlicher Momente. Eine Abfolge von Bildern, die Bildersucht erklärt, zugleich Warnung vor der Verführungskraft des Bildes. Diese australische Landschaft, da würde ich auch Aborigine werden. "Wir müssen uns in unseren Träumen ein Bild von der Zukunft machen." (Eugene). Ich hoffe, daß die 20-Stunden-Version auch noch zugänglich gemacht wird. :) "Nur Wunder machen Sinn." (Eugene). Claires Bericht aus China, den sie per Videofax sendet, die Sachen hat Solveig Dommartin tatsächlich auf eigene Faust aufgenommen, nur in Begleitung eines einzigen Kamerahelfers, weil das Budget auf dem Nullpunkt war. Man weiß so wenig über sie? Was für eine Heldin.
 
 
 
 

 
 

 
 
 
ray05:
Dommartin scheint irgendwie durch die Schubladen gefallen zu sein. Schwerer kosmischer Irrtum. Leider haben wir keinen Peeperkorn mehr, der alles in die richtigen Verhältnisse zueinander bringt. :)
 
"Bis ans Ende der Welt" werde ich mir ganz am Ende dieser Werkschau nochmal geben, tagsüber und ausgeschlafen, Business kann warten. :)
 
 
 
 

 
 

 
 
 
 
Es sind erst zehn Tage vergangen seit ich "Paris, Texas" wiedersah, aber mir kömmt diese kurze Zeitspanne vor wie ein ganzes Jahr. Wenders müsste mal einen Film machen über einen Mann, der Werkschau betreibt. Milesdaviswerkschau, Albertaylerwerkschau, Thomaspynchonwerkschau, Werkewerkschau. Es wäre ein Film über die Zeit, wie sie sich dehnt und wie sie zusammenschnurrt, ganz so wie der Zauberberg ein Roman ist über all das. :) - Als Werkschauender wirst du zum Landvermesser K.; du kannst dir fast schon selber bei der Verstrickung zusehen in die Verhältnisse, die du schaust. So manches vom Wim Wenders der 90er Jahre entzieht sich mir, ganz so, wie sich die Schlossbeamten dem Landvermesser entziehen. So wie K. unaufhörlich rätselt über die Bedeutung Klamms oder der ihm zugesellten Gehilfen oder über den Boten Barnabas, so rätsele ich über Streifen wie "Am Ende der Gewalt" und "Million Dollar Hotel". Im ersteren scheint Wenders tatsächlich den Lynchkosmos bereisen zu wollen - aber sollen doch die Aliens, die dereinst hermeneutische Archäologie und Anthropologie auf der Erde betreiben werden darüber befinden, ob ihm das gelungen ist. :) - "Hotel" hat Milla Jovovich zu bieten. Allerorten wurde damals von Milla Jovovich gesprochen. Ein Gegengesicht, eine Botin. Der "Soundtrack" ist stark, jedenfalls immer dann, wenn die "MDH-Band" zu hören ist. Unfassbar: Brian Eno und Bill Frisell in derselben Band. - Wenders wäre allerdings nicht der große Künstler, der er ist, wenn er nicht auch manchmal groß gescheitert wäre, aber selbst seine Idiosynkrasien - dieses "too much" - sind es wert, dass dereinst in den Bibliotheken Regale freigeräumt werden für Zeug, das sich nur damit beschäftigt. - Über der Wenders/Lynch-Verschränkung müsstest Du ein ganz eigenes Kataster im Tempel eröffnen. Danke für Ry Cooder, Kamerad. :)
 
 
 
29.07.2020
 
 
 
ray05:
In "Lisbon Story" (1994) sehen wir Rüdiger Vogler nochmals als "Philipp Winter", diesmal ist er ein Tonmeister und -ingenieur, auch einer dieser seltsamen Feldforscher des Klangs der Welt für den Film. Wie viele Berufe hat "Philipp Winter" eigentlich in den Wendersfilmen ausgeübt, und in wie vielen fahrbaren Untersätzen ist er unterwegs gewesen, sogar die Wuppertaler Schwebebahn hat er mal benutzt; in wie vielen Flugzeugen ist er gesessen - in diesem wundervollen low-swinging movie kommt die altehrwürdige Lissaboner Trambahn hinzu. :) - In meinen Augen gehören die Passagen, in denen Winter mit Stabsurroundmikrophon und Rekorder durch Lissabon zieht, um den Sound der Stadt einzufangen zum besten, was Wenders gelungen ist. Und hier der Klang des Scherenschleifers, des Schuhputzers, der Klang der Fähre beim Ablegen vom Kai - "und hier der Klang der Tauben im Tonstudio und jetzt ein Mann mit gebrochenem Bein... und jetzt der Klang der Abwesenheit". Genial ist die Szene, in der Winter mit einem Schulkind auf einer Mauer sitzt, Winter bewegt sein Mikrofon hoch oben in der Luft hin und her, das Kind hat die Kopfhörer auf und errät die Klangquellen, die es dabei hört. - In "Lisbon" nutzen Kinder wie selbstverständlich das Stadthaus, in dem Winter seine Filmtonsynchronisationsarbeit verrichtet, für Explorationen mit eigener Videokamera, und dann ist da ein New-Folk-Quintett - eine Art portugiesisches "Pentangle" -, das unter gleichem Dach bewegende Songs aufnimmt für einen Filmsoundtrack. Manoel de Oliveira spricht Winter sein Credo ins Mikrofon. Der ganze Prospekt ist entfaltet in ein affirmatives Weltsituationsbild, wie es auf diese Art & Weise nur Wim Wenders gelingen kann. Aber der Grat ist extrem schmal, auf dem Wenders sich bewegt, vermutlich wurde er immer schmaler zeitläuftig und Wenders hat seiner eigenen Weltimagination nicht mehr recht getraut. Dass der Schluss gleichsam in eine medien- oder bilderkritische Coda münden musste, kann ich eingedenk der damals zirkulierenden Diskurse über Postmodernismus nachvollziehen. Heute wirkt das aber wie aufgepropft, vor allem der nachgängige Slapstick hätte unbedingt überflüssig sein müssen. Aber gut. Vielleicht ist Wenders ein Hölderlin, aber einer, der unter allen Umständen keiner sein will. :)
 
 
 
31.07.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
"Lisbon Story" vorgezogen, um zu verstehen, was Du sagst. :) "Bewegte Bilder können immer noch bewegen", sagt Winter/Vogler am Ende, und da beginnt meine Pein: das zu fühlen und es auszusprechen, ist Sache des Zuschauers, nicht des Films, der den Zuschauer soeben dazu gebracht hat, das zu empfinden. Auch wenn es im Kontext - Winter ist ja auch Zuschauer, und er trotzt Friedrich mit dieser Bemerkung - Sinn macht, der Film klingt, als würde er über sich selbst sprechen, und ich fühle Pein dabei. :) Eine Nuance, nur ein µ, ist mir dieser Film zu sehr berechneter Zauber. Noch nicht Wohlfühlfilm für die Bionade-Bourgeoisie, aber doch zu sehr inszenierte Magie. Voglers versonnenes Lächeln bei Madredeus, stellvertretend für unser versonnenes Lächeln bei gepflegtem Arthouse-Kino. :) Vergib mir, ich bin völlig auf Deiner Seite, was die brillanten Momente angeht. Aber als die Madredeus-Sängerin Winter den Schlüssel zum Haus gibt und Winter sagt: "Ist das auch der Schlüssel zu Ihrem Herzen?" – Gasch! Gasch! :) -, verlor mich dieser Film, der mich nach einer Viertelstunde so packte, als Winter das Haus betrat. Ich würde Wenders sogar verstehen, wenn er eines Tages sagte, ich habe diesen Film nur gemacht, um in diesem Haus filmen zu können. Die Kacheln! Die alte Stativkamera vor diesen Kacheln! UND! DIE KUNST DES GERÄUSCHEMACHERS! Compadre! Allein das! Ich liebe das so sehr, ich wäre gar nicht ich ohne dieses Pütschern des Geräuschemachers in der Wasserschüssel bei Szenen in "Der Seewolf". Überhaupt war in diesen Weihnachtsvierteilern der Geräuschemacher mein geheimer Held. "Manchmal, wenn Aljoscha aufs Meer hinaus sah, meinte er sich an sein Schiff erinnern zu können, an das Ächzen und Knarren der Planken und Spanten." Aber zuerst hörbar machte es der Geräuschemacher. :) Die Geräusche des Geräuschemachers machten die große weite Welt, die voller Abenteuer war, zu a cozy place. Ich sah auch schon früh einen Bericht im TV über diese Kunst, und weiß daher schon seit meiner Kindheit, wie Pferdegalopp mit Kokosnußschalen erzeugt wurde. :) So, yeah, das bleibt das perfid-Schöne an Wenders-Filmen, Du hast es ja schon formuliert, selbst wenn er scheitert, scheitert er grandios, und er bleibt turmhoch über den daily Peinlichkeiten der Gegenwart. Völlig d'accord, was den Slapstick am Ende angeht.
 
Sah auch "Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten", dindu much for me, filmisch, aber Leda liebte Yamamoto sehr, und das war, was ich nachvollzog, zum Beispiel, als Yamamoto von seiner Faszination für alte Fotografien spricht und erklärt, auf alten Fotos tragen die Menschen keine Kleider, sie tragen Wirklichkeit. Es gibt auch eine Stelle, wo er quasi sagt: Männer sind D-Dur, Frauen sind A-Dur. :) Vom Anrührenden des Nichtperfekten sprechen und dann das Nichtperfekte perfektionieren wollen. Man versteht, wie sehr es Yamamoto nicht um MODE geht.
 
 
 
08.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Kurzer Exkurs: habe mir "Supermarkt" von Klick angesehen. Muß ihn damals irgendwann im TV gesehen haben, weil ich sofort diesen Song erkannte, "Celebration". Das Beste, was Marius West je gemacht hat. :) Hatte damals verstanden "I want my celebration day before I die", und der Satz war irgendwie in mein Notenbüchl gelangt. Er singt aber "Babe" und nicht "day", methinks. Jedenfalls, über diesem Hamburg steht tatsächlich wie über Dantes Höllentor: die ihr hier eintretet, laßt alle Hoffnung fahren. :) Das Schönste war der PEZ-Automat nach 3 Minuten. Roh, schmutzig, und, nunja, nicht mehr ganz leicht anzusehen (Alfred Edel als Chefredakteur? Excuse me?) :) Im Vergleich nur noch deutlicher die so überragende Kunst von Wenders, einen Ort nicht nur Kulisse sein zu lassen. – Früher kämpfte man für das Recht auf Bildung, heute geht man auf die Straße für das Recht auf Verblödung, da kommt die alte Dame wie gerufen, die irgendwo mault: "Man hat doch ein Recht als Staatsbürger, zu wissen, was hier los ist!" :)
 
In den letzten Tagen auf den DVDs mehrmals den Trailer zu "Der Himmel über Berlin" gesehen, die Szene, in der Curt Bois sagt: "Ich kann den Potsdamer Platz nicht finden", und man denkt unwillkürlich, ach Curt. Du würdest ihn auch heute nicht finden. :)
 
 
 
10.08.2020
 
 
 
ray05:
Curt Bois ist nur ein Jahr jünger als Vladimir Nabokov und nur drei Jahre jünger als Bertolt Brecht und nur 11 Jahre jünger als Fritz Lang, alle auch im Berlin der Weimarer Republik unterwegs, dieser hypermodernsten denkbaren Stadt neben New York damals. :) - Wikipedia gibt in aller Breite einen schönen faktischen Überblick über Bois. Obwohl ich mich stets als umfassenden Kenner der Weimarer Republik selbstbezeichne, sind mir doch Bois' Erinnerungen und Lebenszeugnisse, die ja seit den 1960er Jahren durchaus vorliegen und verschiedentlich weitergeführt wurden, bislang entgangen. Epoche, hier tut sich wieder ein Feld auf. :) - Bruno Ganz und Otto Sander - so lese ich - haben einen Dokumentarfilm über Curt Bois und Bernhard Minetti gemacht, der hängt freilich schon rein zeitlich mit "Himmel über Berlin" zusammen, womöglich muss man den Wendersfilm und den Dokumentarfilm zusammenschauen. - Wollte "Himmel über Berlin" ursprünglich "übergehen" in der Werkschau, gleichsam so, wie ich heuer meine alljährliche Rilkesaison ausfallen lasse. Sah ihn dann doch, aber gewissermaßen schwermütig-kontraindikatorisch; der Film vermochte es nicht, mir die Zeichnung Paul Klees vom Menschen in Engelsgestalt (allerdings in sensationell zerzauster und ruinöser Verfassung, Tagebücher, 1905) aus dem Kopf zu schlagen; versehen mit Klees Notat: "Dieser Mensch im Gegensatz zu göttlichen Wesen mit nur einem Flügel geboren, macht unentwegt Flugversuche. Dabei bricht er Arm und Bein, hält aber trotzdem unter dem Banner seiner Idee aus." Aber vielleicht ging es Wenders gerade um das. :)
 
 
 
13.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Ein Dokumentarfilm von Bruno Ganz und Otto Sander über Bois / Minetti? Wenn Du drauf stößt, bitte 4-Minuten-Alarm bei mir losgehen lassen.
 
Die Weimarer Republik, mhm, ich bin beileibe kein umfassender Kenner, aber umfassend fasziniert. Las kürzlich "Lulu in Berlin und Hollywood" von Louise Brooks. In meiner Vorstellung sieht Berlin 1928 genau so aus, wie sie es schildert. :)
 
"Im Eden Hotel, wo ich in Berlin wohnte, bevölkerten die Luxusflittchen die Café-Bar. Draußen vor der Tür gingen die Mädchen der preiswerteren Kategorie auf den Strich. An der Ecke standen die Mädchen in Stiefeln und annoncierten ihre flagellantischen Dienste. Agenten der Schauspieler verkuppelten die Damen in den Luxusappartements des Bayrischen Viertels. Tipgeber vom Pferderennen in Hoppegarten arrangierten Orgien für ganze Sportlergruppen. Der Nachtclub Eldorado präsentierte eine ganze Reihe verlockender Homosexueller in Frauenkleidern. Im Maly standen Lesbierinnen – feminine und in Schlips und Kragen – zur Auswahl."
 
Wunderbar und fesselnd ihre Beschreibungen der Dreharbeiten mit Pabst. Vermutlich Dir bekannt, falls nicht, 4-Minuten-Alarm.
 
Klees Notat rüttelt mir grad die Knochen durch.
 
Schrieb ja, Wenders bringe unablässig Mythen zusammen und erschaffe so neue Mythen, beileibe nicht nur von Menschen die Rede da, aber Otto Sander auf der Bühne neben Nick Cave in "Der Himmel über Berlin" – das ist schon ein prägnantes Bild dafür.