Sonntag, 13. September 2020

Wim Wenders Werkschau II

 

 

Impressionen zur Wim Wenders-Werkschau in der ARD-Mediathek. Exzerpte aus -> "111 Lieblingsfilme", Kommentarsektion

Über "Paris, Texas": -> hier

Über "Der amerikanische Freund": -> hier

Wim Wenders Werkschau I: -> hier

 

 

 

 
 
 
 
13.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Wie war es Dir bei "Im Lauf der Zeit"? Der Film hat ein paar Momente/Szenen, bei denen ich das Bedürfnis hatte, ihm zu widerstehen, und dann setzte er doch wieder ein, dieser hypnotische Sog. Beide, Bruno wie Robert, haben eine ganze Reihe verdammt guter Gründe, irgendwann auf einen Zettel zu schreiben "Es muß alles anders werden", ich meine, man erwärmt sich nicht gerade für sie, trotzdem folgt man ihnen drei Stunden lang wie in Trance. "Über die Bildgewalt zuendemythologisiert", der Rhein sah nie so mystisch aus in der Dunkelheit, sieht aus wie der verdammte Mississippi oder der Fluß in "Die Nacht des Jägers". Sand und Kies knirschen unter ihren Stiefeln/Schuhen, als würde nur noch Morricone fehlen. Stattdessen Pink-Floyd-artige Musik dieser ex-Roy-Black-Begleitband, als Robert den Geräuschen in dieser Industrieruine folgt und den Mann, der seine Frau verlor findet. Marquard Bohms "Es gibt doch nur das Leben. Den Tod gibt's doch gar nicht.", schnitt tief, damals, blieb immer. Sogar ein David Lynch-Moment, der alte Mann, der schweigend und rätselhaft dasitzt, bei "Ich brauche Wasser für meinen Wagen." Was für ein Film, was für Bilder, dieses Schwarzweiß so makellos, aus untergehender Provinz Kupferstiche für die Ewigkeit, im Banalsten faszinierende Fremdartigkeit auffindend. Diese Projektorräume, überall im Film hängen Fotografien, Filmstars, Pin-Ups, sterbender Glamour auf blätterndem Putz. Was neu für mich ist, Lisa Kreuzer, die etwas so subversiv Leidendes hat, in "Der amerikanische Freund" zumal, und hier war ich geradezu in sie verliebt plötzlich. In diesem Verschlag von Kinokasse, eine der allerbezauberndsten Szenen, als Vogler das kleine Türchen öffnet und mit ihr spricht, eingerahmt von Karin Baal und Dr Hillers Pfefferminz. Vogler erfindet den Endlosloop für sie ("Härte! Action! Sinnlichkeit!"), ihre Geste bei 1:39:21 (TV-Geschwindigkeit), wie sie sich kurz die Stricknadel an die Nasenspitze tickt, so bezaubernd, hat fast ähnliche Wirkung auf mich wie die Träne an Nastassja Kinskis Kinn. (Die übrigens auch Wenders im Audiokommentar nicht übergeht.) So sweet, so sad, und in Schwarzweiß sogar irgendwie, als wäre sie die Dritte neben Marianne Faithfull und Anita Pallenberg, if you get my drift. "Möbel Traurig". Sehr schön, wie Zischler von der Zeit spricht, in der Buchstaben und Ziffern noch Abenteuer waren, von dem Jungen, für den die Zeilen wie Wege waren, auf dem die Buchstaben mit Hilfe eines Motorrads einfuhren. Erinnert mich daran, wie ich Dich mal fragte, wieso eigentlich ray05? Und Du sagtest, weil es aussieht wie eine kleine Dampflok, stell Dir hinten in der 5 den Lokführer vor. :)
 
 
 
 
 

 
 
 
 
14.08.2020
 
 
 
ray05:
In meinen Augen ist Wenders ein radikaler Platoniker, Platonist. In jedem seiner Filme - Meisterwerk oder genial missglückt - versucht er, uns die kosmologische Welt der reinen Ideen, des Guten-Schönen-Wahren, näherzubringen, das ist sein Eschaton. Dieser "Sog" entsteht im steten Wechselspiel vom Akzidenziellen zum Substanziellen und umgekehrt, das Beiläufige wird plötzlich zum Sprungbrett für das große performative "Weltbild" (das auch im kleinsten Kabuff noch welthaltig sein kann, wie Wenders beweist); und das kann nur geschehen, wenn man dem Beiläufigen den ihm gebührenden Platz einräumt. "Lauf der Zeit" zeigt Dich und mich und uns alle aus platonischer Weltsicht. Alles aus dem Film, das Du anführst, hat auch mich affiziert oder erschüttert existenziell. Nur ein Unmensch würde sich in Lisa Kreuzer nicht verlieben. Für den Platoniker ist die Elbe tatsächlich der Mississippi und der Rhein bei Bingen ist es auch. Die Kinematographie von "Lauf der Zeit" ist skandalös gut, dieses Available-light-Verständnis gefällt mir grundsätzlich, als Rezipient von Wendersfilmen gewöhnt man sich an derlei Approaches aber immer allzu schnell. Musste mir zwischenzeitlich "2001" reinziehen, zur Läuterung gewissermaßen. :)
 
 
 
 
 





 

 
 
 
 
15.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Haha, Werner Herzog am Anfang der "Wim Wenders, Desperado"-Doku, die gerade im Ersten läuft: "Ich würde einem 18jährigen Filmstudenten sagen: SCHAU DIR WIMS FILME AN, DU DEPP!" :)
 
 
 
ray05:
Solche Lehrer oder Professoren habe ich immer geliebt. :)
 
 
 
 
 





 
 
 
20.08.2020
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Daß die Wenders-Doku mit purem Wernerismus einsetzt, ist natürlich von schlagender Richtigkeit und kam doch herrlich aus dem Nichts. Herzogs enragiertes DU DEPP!, einfach weil neben Wenders jeder ein Depp ist. Und die ganze Generation von Filmstudenten erst recht ein Depp ist. :) Und weil laut Herzog ja schon immer gilt: wo man hintritt, knirscht ein Depp. Danach war alles gewissermaßen nur noch Anmerkungsapparat. Direkt Amen rufen mußte man schon auch bei Herzogs Bemerkung, diese Filme, die deutsche Wirklichkeit der 70er und 80er darstellen wollten, "die stauben einem heute zu den Ohren heraus", soviel Mittelmäßiges und Prätentiöses, da müsse man sich an einen Stuhl fesseln lassen, um das durchzustehen. Sehr schön, wie Wenders und Herzog da in den Lederpolstern als Freunde sitzen, wiewohl auch als heroische Einzelgänger, Herzog: "Ich wollte mit diesem ganzen Sauhaufen nichts zu tun haben."
 
 
 
 
 







 
 
Du meinst, ein Fluß ist ein Fluß und wird zugleich Idee des Fluß-Seins? Ich weiß nicht arg viel von Paul Klee, der Dich gerade so in Bann schlägt, aber sein Satz, Kunst reproduziere nicht das Sichtbare, sondern Kunst macht sichtbar, ist natürlich erstmal die 10 Gebote. Wenders hat Jan Vermeer (in "Bis ans Ende der Welt" stellt er ja in einer Szene ein Vermeer-Bild her), Edward Hopper sowie Paul Klee tatsächlich als die Maler bezeichnet, die ihn am tiefsten berühren. Patti Smith in der Doku: Wenders gelingt es, die Dinge in einem völlig anderen Licht zu präsentieren; normale Dinge, die uns in seinen Filmen ihre Magie offenbaren. Kunst als Sichtbarmachung einer Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit. Ein Himmel ist ein Himmel ist ein Himmel? Ry Cooder: sky has meaning, bei Wenders. Filme zu machen, um zu verstehen, was den Menschen und das Leben im Innersten ausmacht, sagt Vogler, aber Wenders sagt auch, wie soll man leben? – ist die eine Frage, die man nie beantworten kann. Die Antwort immer neu zu finden, immer neu in Frage zu stellen,- "das ist mein Beruf."
 
"Unablässig bringt Wenders Mythen zusammen und erschafft so neue Mythen. Wenders ist wie THE EVER WATCHFUL EYE, schwebend über der Welt, beobachtend und miteinander verbindend, was in seiner Schönheit / Wahrheit für ihn miteinander korrespondiert": glaube, Willem Dafoe meint dasselbe, als er das Talent von Wenders bewundert, Elemente zusammenzubringen, die normalerweise nicht zusammengehören. Nicht zusammenzugehören scheinen. :) – Der rühmende Wenders: der über die Meisterwerke unter seinen Werken sagen kann, ja, ich habe unendlich viel dafür getan und darum gekämpft, aber unendlich viel wurde mir auch geschenkt. Nur hätte nicht jeder bekommen, was er bekam, von Schauspielern, von Mitarbeitern, von der Realität, die er möglichst unmittelbar einfangen wollte (wie Bruno Ganz noch sagen darf) wie von der Welt hinter der Welt. Was man ahnte, wird in der Doku, eigentlich besonders von Donata, relativ nüchtern analysiert. Erzählen als Wagnis und Abenteuer, das sich auf die Dinge und die Menschern einläßt, das selbst eine Art von on the road mit offenem Ausgang ist, ein Erzählen, das spontan reagieren kann auf das Unvorhergesehene: das gibt es in der Filmindustrie eigentlich nicht mehr. Wenders sagt selbst, es würde mir ja niemand mehr gestatten, einen Film so zu machen wie "Der amerikanische Freund". Wenders versucht immer noch, Spielfilme zu machen, die unmißverständlich seine Filme sind, aber Dokumentarfilme zu machen, entspricht ihm mittlerweile mehr. Als nächstes für mich wohl "Pina", endlich. :)
 
Gesehen habe ich nun "Die linkshändige Frau"; war eigentlich froh, daß es kein Wenders-Film ist. Schwer, schwer, schwer. Oft faszinierend, oft unerträglich. In "Das Gewicht der Welt" schreibt Handke irgendwo: "Die vorsichtig schönen Lebensformen der alten Literatur wiederfinden, fürs Leben." Mal so ("Stefan würde sich freuen, wenn du ihm einmal schriebest"), und fast allzu virtuos darin, mal freudloses Deklamieren. Allzu meta, weil sowieso die Schwierigkeit, sich wirklich aufeinander zu beziehen. Bruno Ganz hat ein paar vitriolische Sentenzen, die er mit maliziöser Freude ins Gedächtnis ätzt ("Wie eitle Fotos von euch selber lümmelt ihr in euren wohlaufgeräumten Wohnungen! Entmündigungsmaschinen für alles Lebendige!"), und Bernhard Minetti ereignet sich natürlich. Wir wissen nichts wirklich über den anderen, alright. Manchmal ist mir der Selbstfindungssymbolismus zwischen Dysfunktionalität und Befreiung zu regieanweisungshaft angestrengt (Frau trinkt ein Glas Wasser. Frau geht im Kreis. Frau würgt Kind.). Was manchmal feinfühlig und empfindsam scheint, wirkt manchmal phlegmatisch und dull. It's only me, aber ich glaube, für mich paßt Handkes Sprache perfekt und zuvörderst in einen poetischen Gesamtzusammenhang wie "Wings of Desire". Handke zum Einrahmen: wenn Angela Winkler davon spricht, wie sie ihre eigene leidenschaftslose Freundlichkeit verachtet. Muß den vielleicht nochmal sehen.
 
Tatsächlich zum ersten Mal gesehen auch "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Filme verlieren etwas von ihrer Anziehungskraft, wenn Erika Pluhar nurmehr tot auf dem Bett liegt. :) "Thriller ohne jede Spannung", sagt Wenders selbst? Yeah, schon. Psychopath ohne Psychopathologie auch. Charakterstudie ohne Charakter. In der Zeitung steht: "Hinten aus seinem Kopf flog eine Fledermaus heraus und klatschte gegen die Tapete. Mein Herz übersprang einen Schlag." Gibt keine Erklärung für den Mord, das ist wohl vergleichbar mit Camus, sonst nichts vergleichbar mit Camus. Arthur ("Art") Brauss, falls wir noch zu "55 Mehrteiler und Serien" ansetzen, wäre der Weihnachtsvierteiler "Lockruf des Goldes" natürlich auf meiner Liste, Brauss ist Charles Clayton, der in Dawson City das "Tivoli" eröffnet, skrupellos und bad-ass, nie den Plan gehabt, selber Gold zu suchen, sieht einfach zu, wie die Goldgräber ihm die Taschen füllen für Alkohol und Damen und wie sie den Rest einfach verprassen. :) Der Mord an G-L-O-R-I-A hat keinen Kontext und findet faszinierenderweise auch keinen mehr. Sein Platzverweis verrät schon einen jähen Zorn, aber worauf? Weil er nicht verführt werden will? Zu Teilnahme überhaupt? Unvermittelte Aggression, weil er es nicht ertragen kann, wenn man ihm seine Kaltblütigkeit nimmt? Circulus vitiosus. Drücken Sie Q4. Vielleicht ist die Erklärung auch, daß hinten aus seinem Kopf eine Fledermaus herausflog. Nichts für die Attention Span-Gehandicapten.
 
 
 
27.08.2020
 
 
 
ray05:
Die Geschichte vom Derangement (Persönlichkeitsverlust) des Tormanns Bloch erinnert mich an die Verwandlung des Gregor Samsa einerseits, und dann auch an das paranoisch-psychotische Tierchen in einer weiteren Kafkageschichte: "Der Bau". Die Phase, in der die Grenze zwischen normalem und pathologischem Verhalten überschritten wird, beschreibt Handke ohne jede Rücksicht auf die Sensationslust des Lesers, und Wenders macht den eins-zu-eins-Film daraus, er macht also dezidiert keinen "Psychothriller". Zur mentalen Regression passt, dass der Psychiotiker in seiner eingeschränkten Wahrnehmung von "Welt" irgendwann zum Steinzeitmenschen wird, dessen Flucht- und Angriffsverhalten mit unseren Maßstäben freilich nicht mehr gut in Einklang stehen kann. Blochs Herumgetigere im Wirtshaus seiner Freundin, seine Unfähigkeit, Sprachduktus und Verhalten der Menschen in seiner direkten Umgebung noch adäquat einzuschätzen - bis zum Ende kann Bloch nicht internalisieren, dass er wegen Mordes gesucht wird, der Mord an Erika Pluhar selbst ist gewissermaßen bereits ein Steinzeitmenschenmord, einer aus der totalen Überforderung heraus. :) - Warum ist der Psychiotiker Bloch ein Fußballtormann in Roman und Film? Vermutlich weil der Tormann als einziger keinen großen Bewegungsspielraum hat im Spielgeschehen, weil er als einziger die gegnerischen Angriffe immer ganz subjektzentriert auf sich selbst gemünzt erleben muss, weil seiner Erfahrung nach alle nur eines wollen: ihn zu einer falschen Bewegung verleiten. Vor dem Mord erzählt er Pluhar von einem Eigentor, das waren Blochs letzte zusammenhängenden Sätze.
 
 
 
Antirationalistischer Block / Christian Erdmann:
Torhüter und Linksaußen haben eine Macke, hieß es einst. Was ausgerechnet den Linksaußen zum Psychofall prädestinieren soll, weiß ich nicht, aber das latent paranoische Welterleben des Tormanns auf dem Spielfeld hast Du ganz wunderbar beschrieben. Abgesehen von seinen Beiträgen zur Spieleröffnung erfährt er als Grundsituation, daß immerfort Geschehen auf ihn zurollt, Geschehen, das darauf abzielt, Unheil anzurichten, und zu einem bestimmten Zeitpunkt ist er der Einzige, der dieses Unglück noch verhindern kann. Sogar in "Hier war der Torwart machtlos" liegt immer der stille Vorwurf, ein besserer Keeper hätte das Unheil womöglich verhindert. Geschehen, das immer darauf abzielt, gerade ihn zu prüfen; für jeden Fehler eines anderen gibt es einen, der es noch richten kann, ein Fehler des Tormanns bedeutet fast immer Tragödie, unausweichliches Schicksal. Torhüter sind Held oder Trottel, als Einzelkämpfer stets unter besonderem Druck, gleichzeitig in ihrem Radius eingeschränkt, so daß ihnen das Ex-Zentrische geradezu notwendig ist, der spektakuläre Ausbruch aus der Restriktion.
 
Als versierte Exzentriker haben sie immer das Potential zum Kult, zugleich sind sie in der Konstellation des Spiels immer auch Spielverderber. Ihre Aufgabe ist es, zu verhindern, was zuletzt den Wert eines Spiels bestimmt, Spiele zuweilen gar legendär macht, die Tore. Zwar bleibt ihnen die Glanzparade für Ruhm und Verehrung, aber by default wohnt in jedem Keeper ein bad guy. Oder gar ein evil motherfucker. Remember Uli Stein, der "Kobra" Wegmann unmittelbar nach dessen Torerfolg eine zimmert, die Faust direkt ins Gesicht. Einmal im Jahr muß man sich den Scorpion Kick von René Higuita ansehen: all the world's a stage, für den Torhüter.
 
Vielleicht probiert Bloch also aus, in aller Konsequenz das zu sein, was ohnehin alle in ihm sehen, zumal durch den Platzverweis, der ja sagt: du bist kein Bestandteil mehr, Bloch, und der sein bad guy und outcast-Sein nur für alle sichtbar macht.
 
Als Türhüter ist der Torhüter eigentlich eine mythische Gestalt. Wenn ein Ball an ihm vorbei die Torlinie überquert, ist er eigentlich kein Hüter mehr. Er verliert also seine Identität. Damit gehen auch Moralsinn und rationales Verhalten perdu. Herumgetigere, schönes Wort. Er zählt die 1 nicht mehr mit, sagt er. Er würde jetzt immer erst bei 2 anfangen zu zählen. Unklar, ob er einen zweiten Mord plant, was eigentlich nicht zu seiner Planlosigkeit paßt, oder ob er den ersten Mord damit "auslöscht", den ja ohnehin niemand begangen hat, wenn er ohne Identität ist, wenn er, wie Du sagst, nicht internalisieren kann, daß er wegen Mordes gesucht wird, obwohl er mit den Zeitungen den Versuch zu unternehmen scheint, sich klarzumachen, daß eben dies jetzt seine Identität ist: gesuchter Mörder. Daß er in der Provinz als ebensolcher irgendwie so gar nicht auffällt, ist auffällig.
 
Fahrstühle, für die man einen Schilling braucht. Those were the days. :)
 
 
 
29.08.2020
 
 
 
ray05:
"Er zählt die 1 nicht mehr mit, sagt er. Er würde jetzt immer erst bei 2 anfangen zu zählen" - das ist ein schönes Beispiel für's magische ("wilde") Denken von 4jährigen. Nur dass der 4jährige nach und nach hineinwächst ins rational-diskursive Denken & Sprechen und den Unsinn vergisst, während Bloch gegenläufig in einem kognitiven Regress befangen ist, der ihm auch poco a poco schlankweg die Fähigkeit zur Rezeption von Sprache wegschlägt. Wie schon die konkrete Mordtat imgrunde für Bloch "Traumarbeit" war, so rezipiert er später auch die Berichte der Suche nach ihm wie eingespannt in seinen eigenen Traum, in den sich immer auch die Suche nach dem verschwundenen mysteriösen Schüler einwebt. Aber nur der Träumende könnte seinen Traum zum Beispiel aufschreiben und einer Bewertung unterziehen, also "internalisieren", und das ist ein Ding der Unmöglichkeit. - Im Zusammenhang mit der Figur Bloch in "Angst des Tormanns" fielen mir die bruitistisch-sprachreduktionistischen Gedichte des Till Lindemann ein. Es ist kein Wunder, dass nur jene "funktionieren", in denen der Autor seiner Gewaltphantasien freien Lauf lässt, sobald er dieses Level verlässt, wirken seine elliptischen Reime so rührend unreflektiert wie improvisierte Stanzerln von Kindern. - Was haben sie eigentlich vor 50.000 Jahren geträumt? Zum Beispiel die Leute von Lascaux, die ihre Höhlen mit riesigen Tierabbildungen ausstatteten und in denen der Mensch ja nur in einer einzigen winzigen Strichmännchenzeichnung vorkommt. :)
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen