Dienstag, 13. März 2012

Vorweihnacht mit Cured Catherine (9): R.E.M.








Ich schreibe Ihnen von REM, aber erstmal wünsche ich eine gute Zeit in Berlin und mit Killing Joke!








The weather's fine, the sky is blue, it's perfect for our seminar. Grounded, 5 a.m., the nightlite is comforting, hoffentlich, bevor wir dann den Siebenuhrmorgensbus zurück nehmen. Nach dem Konzert ist sowieso alles egal. Hier ist das Siouxsie-Alice-in-Wonderland-Ripoff, leider in schlechter Qualität, mit Robert in prominenter Position. Erwarte dann bei Rückkehr Ihren REM-Report, Miss Secret Agent!









Oh, nein, kannte ich nicht, sehr amüsant... hab mich nie so mit Siouxsie befasst, ehrlich gesagt.
 
Berlin in einer Donnerstagnacht dürfte zu bewältigen sein. Notfalls bieten die Bahnhöfe 24h Coffee. Der Siebenuhrmorgensbus war auch unser am 21. April. Bericht wird angefertigt, Sir.









Nie so mit Siouxsie befasst? Sie sehen mich gerade ziemlich befassungslos!
 
Genau, am Nachtende stehen immer die Vanilleshakes bei NaSiewissenschontodsünde im neuen, an eine Escher-Zeichnung gemahnenden Bahnhof, der mit den irgendwie irrealen Ebenen, wir haben das schon 2x für Nine Inch Nails hinter uns. Erzählte ich Ihnen schon, daß ich beide Male ein Jeordie White-Plektron erwischte? Manchmal hab ich Sauglück.









Zwischen zwei Menschen wird in den ersten zwei Sekunden ihres Zusammentreffens entschieden. Alles. Zwischen Siouxsie und mir – nichts. "Israel" lässt mich tanzen, aber sonst - nichts. So ist es eben. Roberts Zeit bei Siouxsie schien mir immer wie Verrat an The Cure. Außerdem höre ich einfach lieber Männerstimmen – love is not an option, love is never free.

REM live. Hätte nie gedacht, dass es mich so mitreißt. Bin eigentlich eher aus Freundschaft mitgegangen. Die Freundin, wohl der größte REM-Fan Hamburgs, wollte unbedingt in die erste Reihe, wir waren um 16 Uhr vor der Absperrung und sind mit viel Glück zeitgleich mit den Bändchen tragenden Hardcore-Fans in die Halle gelaufen (ein Security Mann hat uns aus Versehen mit den Bändchenträgern verwechselt, vielleicht fand er die Regelung genauso bescheuert wie ich, und so standen wir tatsächlich ganz vorn, direkt vor der Treppe, die Michael dann auch hinabsteigen sollte. We Are Scientists lieferten keine besonders interessante Musik, dafür eine ganz liebe und charmante Ausstrahlung.

In der Umbaupause ging meine Freundin Bier holen und in der Zeit riefen Nachbarinnen die Ordner herbei, sie sollten eine Frau aus der Menge ziehen, die betrunken und kurz vor Unwohlsein sich nicht mehr halten könne. Der Ordner kam zu mir und meinte, meine Freundin sei betrunken und ich solle sie aus der Halle bringen. Sie können sich mein Erstaunen und gleichzeitige Belustigung nicht vorstellen. Ich sagte, dass es sich ganz gewiß nicht um meine Freundin handelte. Er sah mich zweifelnd an (Nicht?) und ich konnte nur noch lachen. Der hatte keine Lust, seinen Job zu machen. Als Paula zurückkam, erzählte ich ihr die Story und zeigte ungeniert auf den Kerl, der sich dann erstmal im Hintergrund hielt. Hah, wir waren bestens gelaunt. Und so auch Michael. Sein Auftritt nahm alles und alle in seinen Bann und die Show war unfassbar kraftvoll und gleichzeitig entspannt. Eine Live Band, die sich nicht mehr groß beweisen muß, es aber dennoch mit Leichtigkeit tut. Die aufgestellten Gummi- und Plastikdinosaurier erhielten auf den Boxen nicht nur ihren Stammplatz, sondern auch ihre Bedeutsamkeit. Politische Ansagen, Erinnerung an die Reagan/Bush-Ära (ja, er verglich die beiden und sah keinen Unterschied), der er einen Song widmete, Amnesty International vor Ort und in Erwähnung. Und schließlich sehr persönliche Erinnerung an seine Jugend, in der er hart arbeiten musste, um sich über Wasser zu halten, der er den Song Time After Time widmete. Am Ende des Songs hatte er Tränen in den Augen, drehte sich für einen Moment weg. Bester Song von der Accelerate für mich: Hollow Man.

Außerdem sämtliche Hits, großartig immer noch Drive (Tausend Hände folgen Michaels "tickenden" Händen, ein großartiger Moment!), The Great Beyond (I'm looking for answers...), The One I Love (FIRE!!!!), Losing My Religion sowieso. Der genauso wie die Dinos immer vorhandene, aber nie benutzte Notenständer flog im hohen Bogen, nachdem die Lyrics in unsere Richtung geschleudert waren. Paula bat einen freundlichen Roadie um diese und erhielt eine ganze Handvoll der kostbaren Papiere. Sogar der schüchterne Mike kam einmal zu uns hinunter und grinste uns breit an, was wohl ein äußerst seltenes Ereignis ist. Michael schritt besagte Treppe dreimal hinab, hielt Hände, umarmte, riß die Arme hoch, riß sein Hemd hoch, tanzte. Als er beim letzten Mal zu uns zurück kam, blieb er neben Paula stehen und hielt singend und grinsend etwa eine halbe Minute ihre Hand. Sie können sich vorstellen, wie gerührt sie war, noch Stunden später, (nach Hause gehen kam nicht in Frage), aufgedreht, losgelöst, entrückt im Kaiserkeller tanzend, den wir mit nur etwa 8 weiteren Besuchern teilten und uns darum nicht genierten, den DJ beständig um REM Songs zu beschwatzen. Wir waren wieder 16 in der Nacht und es war gut.









Beautiful report! Sie wissen ja, welche Bedeutung R.E.M. mal für mich hatten, vor allem in einem bestimmten Interim, sagen Sie Paula, ich besitze ein Tape von dem R.E.M.-Konzert in der Großen Freiheit 1989. Wir waren präsent, und mir bleibt unvergeßlich, wie plötzlich, weiß nicht wieso, Bill Berry, wohl auf dem Weg für Kleine Mädchen, vor mir stand und mir einen großen freundlichen Blick schenkte. Oh doch, ich kann mir vorstellen, wie gerührt Paula war. "Reckoning" mit "Time After Time" (und vor allem mit "Seven Chinese Brothers") war meine erste, ich hatte einen Artikel gelesen über die Band, und Stipe war mir aus 2 Gründen sofort ultrasympathisch: er erzählte von sich, daß er a) überallhin mit dem Fahrrad fahre und b) alles Mögliche mit der Schreibmaschine abtippe. "Lifes Rich Pageant" wird aber immer besonders sein, weil sie teilhatte an den rapiden Bewegungen polierter Augen.

Dann kamen "King Of Birds" und "You Are The Everything". Ich bin aber nicht Mainstream-R.E.M. Ich liebe "Me In Honey" mehr als "Losing My Religion" und "Sweetness Follows" mehr als "Everybody Hurts", "Suspicion" und "Hope" von "Up" sind fast am allerwichtigsten von allen und zu "Monster" habe ich so manches, was dann "Aljoscha" wurde, in eine Schreibmaschine gehackt.
 




















































Freitag, 9. März 2012

Noel Gallagher's High Flying Birds, Hamburg, 08.03.2012















Von einer der schönsten Locations der Welt, dem Grand Rex in Paris, kam Noel Gallagher in die häßlichste Location der Welt, die Hamburger Sporthalle, zudem hatte der Veranstalter die glorreiche Idee, im Innenraum Stuhlreihen aufstellen zu lassen, vor dem Konzert kämpfte man dementsprechend mit der Impression, daß die Menge sich für einen Kongreß vom Turnvatter versammelt. Da die Sporthalle auch nicht für brillante Akustik bekannt ist, ahnte man Schlimmes. Versuche, die fehlende menschliche Wärme mit "Wer unter euch wirft den ersten Stuhl?" zu kompensieren, landeten im Off. Die Vorband - Folks, coole dünne Männer aus Nordwestengland - war überraschend gut und schloß dem nichtswürdigen Ambiente wenigstens halbwegs den Schlund.

Noel höchstdarselbst kam von einer "brilliant night out" und "the next day was spent nursing a rather sore head" in Paris also direkt ins Hamburger Katerfrühstück, das aber sein Bestes tat, um die Sache zu retten. Unter anderem mit, so behauptet der soeben vom NME zum "Godlike Genius" Gekürte wenigstens auf seinem Tourblog, hartnäckigen "Kevin Keegan!"-Rufen. Oy. Kann ich nicht bestätigen, von hinter der Lady & mir kamen dagegen hartnäckige "So ein geiler Bastard schalalalala"-Rufe. "Ein blitzsauberes, ein durchweg wunderbares Konzert" des begnadeten Songschmieds, schreibt die eine Hamburger Postille, "Das Genie läßt's krachen" und "Riesenjubel schallt dem 44-jährigen entgegen, als er die Bühne betritt" die andere. Alles richtig. Die 4000 stehen, sobald der Gottgleichere Gallagher sichtbar wird, die Stuhlreihen funktionieren jetzt ähnlich wie die Kettenkugeln einer Sträflingskolonne, "Zeit für ein neues mittelgroßes Konzerthaus, Hamburg" schreibt eine Konzertbesucherin der MoPo. Auch richtig, aber mag man sich ein neues mittelgroßes Konzerthaus in Hamburg wirklich vorstellen? Mein' nur, bei den Perlen hiesiger Architektur.

Es is' ja wie es is', und der Abend kriegte zwar aufs Schönste die Kurve, was man einem gottgleichen Genius ja auch schuldig ist, und der sich selbst schließlich auch, aber trotzdem blieb ein Gefühl von: Böller in die Pfütze geworfen. Es machte buff, aber es hätte noch viel mehr buff machen können.
Bis auf das wunderschöne "Stop The Clocks" spielt Noel mit seinen High Flying Birds - der Schlagzeuger erinnert schwer an John Bonham, boiler suit & bowler hat - alle Songs des phantastischen Albums, mit "The Good Rebel" gibt es eine der brillanten B-Seiten, einen neuen Song, und natürlich ausgewählte Oasis-Stücke. Daß da am Anfang gleich "(It's Good) To Be Free" steht, läßt sich als Mitteilung an den Rotzlöffelbruder verstehen, der im Rahmen seiner Tiraden Noel ja auch als "Kevin Keegan" bezeichnete. Moment mal. "Mich ziehst du da nicht rein, Freundchen." (Liam).

Feinstes Mancuniangeknurr zwischen den Songs, man will es schließlich auch gar nicht anders, "AKA... What A Life!" widmet Noel an diesem Abend Mario Balotelli. Grumblegrumble aus dem Publikum, wahrscheinlich innerenglisch, Noel: "Fuck off. The greatest living human being." Manchester City verliert zur selben Zeit im CL-Achtelfinale das Hinspiel bei Sporting Lissabon mit 0:1.


(It's Good) To Be Free
Mucky Fingers
Everybody's On The Run
Dream On
If I Had A Gun
The Good Rebel
The Death Of You And Me
Freaky Teeth
Supersonic
(I Wanna Live In A Dream In My) Record Machine
AKA... What A Life!
Talk Tonight
Soldier Boys And Jesus Freaks
AKA… Broken Arrow
Half The World Away
(Stranded On) The Wrong Beach
Encore:
Whatever
Little By Little
The Importance Of Being Idle
Don't Look Back In Anger





























Mittwoch, 7. März 2012

Zweige











Die Blätter sind vom Baum gefallen,
die Luft im Herbst ist kalt und klar.
Der an Bildung und Tugend hervorragende Mann
wird den Zen-Tempel verlassen.
Hoffentlich kehrt er bald zurück
und erzählt,
was sein Herz bewegt.






"Zweige" von Jörn Bünning

With very special thanks














Montag, 27. Februar 2012

Kurosawa Painting for "Ran"





















Akira Kurosawa, Gemälde für "Ran" & Filmszene, Ausstellung im Centre Pompidou, Paris 1985 

Akira Kurosawa, Painting for "Ran" & Film Scene, Exhibition at Centre Pompidou, Paris, 1985

Photo C. E.

(Tsurumaru, dem Fürst Hidetora die Augen ausstechen ließ.)

(Blind musician and Buddhist ascetic Tsurumaru, the brother of Lady Sué [Hidetora's daughter-in-law], whom Hidetora had ordered blind.)




















Dienstag, 14. Februar 2012

Road Dust On Her Ankle Boots






Der Zug rast in den Sandsturm
Im Schatten einer Klapperschlange
Spielt sich nicht viel ab
Schwarzes Kleid auf heller Haut
Woher kommt das Mädchen?
Woher kommt das Mädchen?

Der Horizont verbiegt sich in der Hitze
Skelette klopfen an die Hintertür
Pferdeschrecken frißt den Klang
Von Bottleneck auf E
Wohin geht das Mädchen?
Wohin geht das Mädchen?
                                      
Reptilien kriechen durch den Korridor
Wolken brennen an den Rändern
Jemand sein im Niemandsland
Gefährte dieser Steppenhexen
Das Mädchen kommt zu mir
Das Mädchen kommt zu mir

Chiffon zitterte vom Herzschlag
In einem nie gedrehten Louise Brooks-Film
Der Mond hat einen Doppelgänger
Kein Organ ist kälter als Gehirn
Wohin führt das Mädchen?
Wohin führt das Mädchen?

Was ist es, das sie tun in Zimmer 16
Todesvogel landet hier auf ihrem Arm
Und flattert wieder fort
Das ist es, was sie tun in Zimmer 16
Das Mädchen macht
Das Mädchen macht
ihn ab, den Himmellack

















Sonntag, 29. Januar 2012

Vorweihnacht mit Cured Catherine (8): Seelenumwanderungen









Tihii... von einer Qualle sprachen Sie!? Schrecklich! Ich musste in Bio komplett kapitulieren und schrieb, soweit ich mich erinnere, nur die Fragen zu Antworten um. Brachte mir gnädige 2 Punkte ein, die mir vollkommen ausreichten. Ich weiß bis heute nicht, welches Thema es war, hab ich noch am selben Tag vergessen.
Ich hielt Sie weder für einen Künstler, noch für einen Musiker, aber ich ahnte doch, dass der Karren nur Tarnung war. Ersteres Faustzitat ist ja nun, als wusste Goethe von Ihrer Existenz. Vielleicht waren Sie sich wohlbekannt!?
                                                
Heute hielt ich Lenzens Werk in Händen und nun raten Sie mal, wie der Protagonist heißt!? Kihiii...

Ich sehe in der Oper schon gern etwas Schönes, aber oft haben Inszenierungen nicht mehr viel mit der Vorgabe gemein. Ich hab da auch schon Böses gesehen. Die Zauberflöten-Aufführung im Februar wirkte allerdings wie reformiert. Eine blasse Pamina mit langen dunklen Haaren trug ein leichtes schwarzes Kleid, auf welchem ein rotes Herz prangte und dazu schwarze Samtschühchen. Die Tiere waren allesamt mit Pappmachémasken dargestellt. Diese begrüßten uns schon im Foyer, was als Willkommen für eine kleine Opernerstbesucherin perfekt inszeniert war. Papageno war ein richtiger Papageno und trug keine merkwürdige Straßenarbeiterweste, alles schon gesehen. Zudem stellte ich mit Freuden fest, dass der Zuschauerraum der Oper nunmehr in rotem Samt erstrahlt und nicht wie einst in langweiligem Beigebraun. Als ich vor vielen Jahren auf einer studentischen Reise in der Wiener Oper von einem Stehplatz aus nicht viel von der Aufführung sah, die ich ohnehin nicht kannte und auch nicht kennen wollte, schaute ich mir lange die Raumausstattung an, wandelte später durch sämtliche Foyers und Treppenhäuser und verbrachte so einen glücklichen Abend.









Goethe, zufällig ist er an einem 22. März gestorben und ich geboren, kein Grund, mit Seelenwanderungstheorien zu flirten, wie kann man denn als Geheimrat den "Werther" so verschmähen hernach. Übrigens hat Goethe mal ein Vampirgedicht geschrieben, "Die Braut von Korinth" (3 Pluspunkte), jedoch den Begriff der "Inneren Form" von Shaftesbury geklaut, ohne dies zu gestehen (5 Minuspunkte). Gut: Goethe von hinten, von Tischbein (1 Pluspunkt). Der Protagonist von Lenzens Werk heißt? naja ich ahne es.
 
In der Hamburger Oper war ich zu ballettomanen Tagen praktisch zuhause, wir hielten die Klappsitze im 4. Rang quasi psychomagisch besetzt, war aber schon lang nicht mehr im Zuschauerraum, now. Die Pariser Oper verschaffte mir einmal ein ähnliches Erlebnis wie Ihnen die Wiener – Wien ist schön, nein? Hätte ich nur, als ich da war, schon gewußt, wo Alida Valli endlos (vorbei)ging –, und plötzlich spähte ich durch ein Bullauge, hinter dem Nurejew probte. Andächtig stand ich auch mal vor dem Théâtre des Champs-Elysées, wo "Le Sacre du Printemps“ 1913 uraufgeführt wurde, über das Ballett schrieb ich mal ca. 1000 Seiten an der Uni im Rahmen des Themas Kunst vs. Das Schöne, und doch – und doch wußte ich nicht einmal, daß Quallen je so weit kommen, um im Winter woanders zu sein als im Sommer. Es paßt alles nicht zusammen, Watson.

Alles Liebe zum Geburtstag!









Danke schön! So ein hübscher Robert, die Farben... seufz.

Wien ist mächtig und überladen. Mächtig überladen. Es ist berauschend. Psychotraumanalyse und Traumpsychoanalyse zwischen alten Mauern, die zuviel wissen und ich kehrte jedes Mal als eine andere zurück. Aber so ist es ja immer. Sie wissen, dass "Before Sunrise" einer der Filme ist, die in meinem Regal stehen. In meinem Regal passt auch nichts zusammen. Aber, Holmes, wenn ich Sie an Ihre eigenen Worte...: "Trauen Sie niemals allgemeinen Eindrücken, sondern konzentrieren Sie sich auf Einzelheiten." Goethe schrieb auch das Hexeneinmaleins und überhaupt wusste er von Dingen, die Generation Keine Ahnung nicht mal erahnen würde, wenn sie sich ihr auf den Schoß setzten.

Geklaut? Goethe? So. Jede kreative Leistung entsteht zunächst mal aus Nachahmung, hörte ich. Goethe kannte seine Schatten - sicher. Aber was wissen wir, was damals war? Zu Lebzeiten C.G. Jungs steckte die Menschheit bewußtseinstechnisch in den Kinderschuhen. Wenn Sie und er mich fragen würden, sie hat sich seit Erfindung der Spielkonsole noch deutlich zurückentwickelt. Sagte die Resignation, wurde alt und starb. Aber wenn dies so wäre, dann entwickelt sie sich vielleicht schon länger rückwärts? Und wenn Sie 1913 in Paris mit Alida Valli "Le Sacre du Printemps" durch ein Bullauge uraufgeführt sahen, dann wissen Sie genau, wovon ich rede.
 
And now to something completely different. Bringt Phillip Lahm heim.









Mächtig, überladen, berauschend – schön. Ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Ein auf Seite 36 stehengebliebener pornographischer Roman, den ich "Menschen im Hotel" zu nennen gedachte, spielt in Wien. Sie wissen auch genau, wovon ich rede: so, wie Sie Uraufführungszeugenschaft beschreiben, ist einmal eine Frau aus einem Film gestiegen. Potenziert synkretistischer Impressionismus. Kennen Sie eigentlich die Last Shadow Puppets? Geniale Synkretisten, mit dem ganz frühen Bowie und Scott Walker als Göttern. Und natürlich tun die genau, was Sie sagen: eine neue Maschine bauen aus Teilen, die schon rumliegen. 
 
Im Vorordner Hensson 1240 müßten sich noch zwei Uralt-Cure-Artikel befinden, dachte ich. Einer ist aber futsch, der hieß: "Wir machen depressive Musik, weil wir nicht lügen wollen". Wieso eigentlich depressiv? Die Hitparade ist depressiv. Der andere heißt "Seeumwanderungen mit schlafenden Kindern". Soll ich den mal für Sie scannen? Nicht sehr ergiebig, aber nett. Phillip Lahm? The eternal Stimmbruch? Finden Sie nicht, daß Sergio Ramos aussieht wie Marilyn Manson, als er noch Brian Warner war? Finden Sie nicht, daß Fernando Torres der Saint-Just der Sturmreihen ist?









Ja, Ramos-Manson habe ich auch erkannt, Torres habe ich meistens ignoriert. Perfektion langweilt doch nur... Slaven Bilic erinnerte mich an einen älteren Ian Curtis – ein interessanter Mann, denken Sie nicht? Die Kroaten sind unbedingt weiter im Auge zu behalten, ebenso die Russen natürlich. Eternal Stimmbruch war für mich der Mann der EM, trotz oder vielleicht gerade wegen seiner fehlenden Attraktion. Seiner unermüdlichen Lauferei verdankt die deutsche Mannschaft sehr viel. Wurde ja auch geehrt für seinen Einsatz. Insgesamt eine sehr schöne EM.

Seeumwanderungen mit schlafenden Kindern würden mich sehr interessieren, ich habe nur wenige Artikel aus den 80er Jahren aus Jugendmusikzeitschriften (mit Titeln wie "Würmer zerfressen sein Gesicht."). Die meisten Interviews mit Robert sind ja voller Unsinn, weil er immer wieder solchen erzählt hat. Heute geben sich The Cure so düster, wie man sie damals dachte, es aber nicht waren. "Wir machen depressive Musik, weil wir nicht lügen wollen?" *lach* Gelogen hat Robert in Interviews immer gern, aber in der Musik war alles so grundehrlich, dass sie in die Tiefen trifft, zu denen die Hitparade keinen Zugang hat. Ja, die Hitparade gibt heute wie damals immer Anlässe für Spontandepression und Suizidgedanken, während The Cure und all "die anderen" (Sie wissen schon) genau das Gegenteil bewirken.

Nein, ich kenne bisher weder Ladytron noch die Schattenpuppen. Ich bin in eine Art Apathie gefallen, seit ein paar Wochen, die mich eher in Rückschau zwingt, als in Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem. Außerdem erfolgt etwas Innenschau, das Gefühl nicht mehr weiter zu können und hauptsächlich erschöpft zu sein, genauer betrachtend und schauend, wo all das hin soll, während Aufgaben warten und während Positivismus bzw. dessen Fehlen mir hilft, nicht ganz aus der Realität zu rutschen. I'm alive and dead. Aber ich fotografiere zur Zeit gern, es ist interessant, was man sehen kann, wenn man etwas mehr als einmal betrachten kann, was sonst nur ein Moment ist, der vorübergeht im Alltag. Ich habe früher viele Häuser aus Legosteinen gebaut, aus Teilen, die schon rumliegen. Das ganze Leben geht so, oder? Ich baute immer Häuser und heute baue ich Seelenhäuser. Synkretisten. Immer wieder neu zusammenbauen und dann fällt es wieder zusammen oder wir bauen es auseinander, weil es nicht mehr passt und dann wieder neu. Ja, das muß so sein, so sind wir wohl. Eine Frau stieg aus einem Film, ja, eine DER Stellen aus "Aljoscha", als er dessen gewahr wird. ("Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein, Realität? Soll ich Sie nach Hause bringen?...") :)









"Würmer zerfressen sein Gesicht"? Das ist groß. Gibt's auch einen mit "Spiderman schlürft sein Hirn"? Kürzlich bat ich einen Synchronizitäts-Interessenten im SpOn, mir meinen Lieblings-Cure-Song zu sagen. Von anderer Seite kam dann "Pornography, über Kopfhörer!" Was soll man denn davon halten? Mein Lieblings-Cure-Song ist natürlich "The Perfect Girl". Manchmal.
 
Slaven Bilic ist schon deshalb gut, weil er sich politisch unkorrekt rauchend von Stadionkameras erwischen läßt. – Eine DER Stellen aus "Aljoscha", sagen Sie? Ein paar Stellen aus "Aljoscha" verwandeln sich gerade in Russisch und Englisch, inoffiziell und überdies stelle ich fest, daß ich mich schlecht übersetze. – Photographie ist auch etwas, wohin ich zurück will, ich habe zuweilen mit eigenem Entwicklungsgerät und Chemieschalen unsere Küche dekonstruiert. Apathie nicht, insgesamt ein noch diffuses Verlangen nach dem wahren Jakob, manches "Zurück" darin, in solcher Rückschau können sich ja Wege ins Neue anbahnen, ich wünsche es Ihnen. "An sich neigt der Mensch dazu, sich zu verzetteln", wie Camus mal sagte, an sich habe ich aber auch die Neigung, all die Zettel mal zusammenzucamusen.









Was man davon halten soll? Ihr Interessent kannte noch keine Einzelheiten, wie mir scheint. "Pornography" würde wohl kaum jemand als Lieblingssong bezeichnen. "The Perfect Girl" – jawohl, außerdem würde ich Ihnen Songs wie "Bird Mad Girl" zuschreiben. Aber das ist ja auch nur mein Synchronizitätsempfinden dann. Es freut mich immer, wenn Menschen Werke wie "Pornography" überhaupt noch erinnern oder sogar wertschätzen.

Neue Wege, genau. Es geht voran. Die Zeit als Aljoscha im Ungewissen weilte, ob Synchronizität ihm zuteil werden würde, soweit ich es verstehe, war ja auch eine Zeit, in der starke Zweifel ihn heimsuchten. Können Sie folgen? Also, was ich eigentlich fragen will, wie beurteilen Sie die Fähigkeit des Menschen, zu lieben, ohne etwas zu fordern oder zu wünschen? Liebe, um ihrer selbst willen. Willen? Ach. Leben wir denn in einer Gesellschaft, in der das Ego größer ist als der Wunsch nach Spiritualität? Ja. Und es ist auch menschlich. Aber ist das nicht furchtbar langweilig auf Dauer? Natürlich ist auch das Ego ein erforderlicher Teil der Existenz und dauerhaft ist es vernünftig und evolutionär gegeben, nicht zu verweilen, wenn Liebe unerwidert bleibt. Die Liebe ist ein Wunder, das zwischen zwei Menschen entstehen kann, wenn einige Vorraussetzungen erfüllt sind.

Wenn dieses Wunder aber einseitig bleibt oder gar nicht mehr entsteht und Zweckgemeinschaften Vorzug gegeben wird, weil es rein äußerlich (und ich meine nicht optisch) zu passen scheint, was sagt es über Menschen?

Was sagt es über die Gesellschaft? Vermeiden Sie dann, jemanden zu finden, der Sie zurückliebt? Vermeidet die Gesellschaft Empfindung? Werden Menschen zur Black Box, in die gewünschte Verhaltensweisen indoktriniert werden können und dann verhalten die sich auch so? (Die immer stärker vertretene und lobgepriesene Verhaltenstherapie, die aus Kostengründen stark begrüßt wird von Seiten der Politik und vieler Therapeuten, basiert im Grunde auf dieser Idee, wie Sie vielleicht wissen. Sie erzielt aber nachweislich nur begrenzt anhaltende Erfolge.) Und ist dies etwas, das man überwinden kann? Am Ende geht es um Selbstwert, nicht wahr? Sich selbst wert sein, das zu finden und zu empfinden, was man sich wert ist.

Aljoscha sagt in einem Absatz, dass er zurückkehrt zu denen, die ihm teuer waren. Des Nachts, in der Stille und sie werden es nicht bemerken, aber es ist so. Und dies hat mich eben so beeindruckt, weil ich etwas Ähnliches immer empfand, aber nie in Worte gefasst habe. Ich empfinde Dankbarkeit für Begegnungen mit denen, die ich in mein Herz nahm und nie vergesse und all die Trauer über den Verlust des einen oder anderen ist dann überwunden, wenn sie in Dankbarkeit, dass überhaupt Begegnung, Austausch, Entwicklung gewesen, konvertiert. Ach, ich könnte einen Pjotr gebrauchen, der mir Mut und Willen leiht, damit Athene... naja, Sie wissen schon.

By the way, vielleicht müssen verzetteln und camusen sich abwechseln, denn das Leben ist eine Reihe von Phasen, wie mir immer deutlicher wird. Nothing lasts, but nothing is lost.









So viele Fragen. Das Unkryptische. Sie erinnern sich an unser erstes Gespräch beim Brunnen. Ich erzählte Ihnen, daß ich glaubte, etwas sei vorbei, und daß ich glaubte, etwas würde beginnen. Damals war beides wahr. Der Flughafen Fuhlsbüttel gehört mir, wissen Sie. Viermal habe ich dort auf sie gewartet und ihn zu meinem gemacht, und dann machten wir dieses Leben zu unserem. Ich bin irgendwann in diese Bude hier gezogen, weil ich es schuldig war. Allen und allem. Allein, Gods will be Gods but my one forgot I was made out of skin. Und das, als es nur noch die Entscheidung gab: Hochzeit oder nichts. An meinem Geburtstag, vor ein paar Monaten, war die letzte Station erreicht, die Lokomotive, die so viele Berge verschoben hatte, konnte nicht mehr. Doswidanja, Brombeermädchen, eines Tages wird ein Geist die Hütte finden, die wir bauten am versteckten Fluß. Eiszapfen am erfrorenen Kalender. Das letzte, was wir noch in Händen hielten, das Jahr, das nicht mehr kam. In deinen Augen sah ich unsere Zukunft. Wir waren Gottes dunkle Hoffnung.

Es gibt keine Liebe, die nicht wünscht. Es gibt Menschen, die nicht fordern. Aber wenn eine Frau sich wünscht, daß du der Mann ihres Lebens bist, verdichten sich Wünsche. Erst recht im 3000 Kilometer langen Zwischenraum, im Korridor des spell. Und ich meine ziemlich genau Nick Caves "Spell": genau so war es, vor vier Wintern. Der Poet ohne Mittel ist nur ein Spiegelbild, unwichtig für sie. Die Macht des Daß-sie-SIE-ist war distanziert, hatte aber keine Entfernung. Vermeidung? Zu wenig nicht vermieden. Am Ende war es ein Clash von Lebensweisen, nehme ich an.

Das nächtliche Zurückkehren, eine der cat skills. Wünschte, ich könnte ausdrücken, was es mir bedeutet, wenn Sie sagen, was Ihnen eine solche Passage bedeutet. Der Trick ist, man durchquert immer Unendlichkeiten, wenn man mit einer anderen Seele ist.






















Donnerstag, 26. Januar 2012

Nick Cave, And The Ass Saw The Angel







SPIEGEL ONLINE Forum "Literatur - Was lohnt es noch, zu lesen?"

März 2007






Mixolydian:
Und übrigens: eine ähnlich verstörende Atmosphäre wie McCarthys Anti-Western versprüht Nick Caves notorisch unterschätztes Swamp-Delirium "Und die Eselin sah den Engel". Cave schreibt wie im Rausch, rüstet seine Prosa immer wieder zu Feuerreden auf, die wie aus dem Mund eines wahnsinnig gewordenen Predigers gefallen wirken. Das literarische Äquivalent zu seinen frühen, völlig zerballerten Blues-Vergewaltigungen.







Aljoscha der Idiot / Christian Erdmann:
 
Diese Empfehlung kann ich nur unterschreiben, aber wenn's geht, das Original lesen, "And the Ass saw the Angel"... "Sucked by the gums of this toothless grave, ah go" rollt besser als "Der Gaumen dieses zahnlosen Grabs saugt mich hinab", Swamp-Idiom, wo jedes "I" zu "ah", jedes "my" zu "mah" wird. Zerballerte Dramatik schon, aber ein erstaunlich strukturierter Roman, konzipiert mit einer Disziplin, die man Cave zur damaligen Zeit wohl nicht zugetraut hätte. Lohnt sich eben doch, wenn der Papa (Englischlehrer) dem kleinen Nick Dostojewski und Nabokov vorliest. Cave ist nicht nur musikalisch ein Meister im Heraufbeschwören einer unheilschwangeren Atmosphäre ("The Carny"!) und wartet mit so alttestamentarischer Sprachgewalt auf, als hätten sie damals sein Kapitel aus der Bibel rausgeworfen. Ukulore Valley ist ein böser, böser Ort, wo bei der Geburt gestorbene Zwillingsbrüder (klar: God help Tupelo) in Pappkartons begraben werden, Junkyard-Göttinnen Cosey Mo heißen und vergöttlichte Mädchenheilige Beth, und wo die Krähen nicht einfach nur so kreisen.







Mixolydian:
 
Das "zerballert" war auch eher auf den Inhalt bezogen: kaum eine Figur, die nicht wahnsinnig, vom Alkohol zerfressen, gewalttätig oder zutiefst bigott und böse ist. Caves Beschreibung des schrecklichen Todes der Mutter Euchrids ("a scum-cunted, likkered-up, brain-sick swine") hat mich damals um den Schlaf gebracht, so aufwühlend ist die Passage. Und das Zwiegespräch mit dem totgeborenen Bruder fand sein Echo kürzlich auf Scott Walkers "The Drift" (im Song "Jesse", in dem Elvis den Geist seines "stillborn brother" anruft). Weitere Szenen von ähnlicher Intensität sollten folgen...

Cave hat einmal in einem Interview gesagt, dass das Schreiben ihm leicht von der Hand ging, aber dass es die Hölle war, Struktur in die Aufzeichnungen zu bringen. Deshalb lasse auch ein weiterer Roman immer noch auf sich warten: er, Cave, wolle sich diesen Wahnsinn nicht noch einmal antun. Das Interview hat er vor ca. 8 Jahren gegeben, mittlerweile arbeitet er mit Beamtenmentalität an seinen Alben, von Rock 'n' Roll-Exzessen keine Spur mehr. Das hat er alles durch. Eigentlich eine perfekte Ausgangsposition für kommendes Großschriftstellertum. So wie bei Cohen, nur anders herum.
 

Von einem neuen Buchprojekt habe ich aber leider noch nix gehört. Vieleicht nagt ja das Euchrow-Trauma immer noch allzu arg am Gemüt des Meisters...







Christian Erdmann:
 
Ich hatte das Vergnügen, einer Lesung von Cave beizuwohnen, als der Roman noch nicht erschienen war (unter anderem las er das "Atra Virago"-Kapitel), er las im Stehen, und klang wirklich wie der Wanderprediger zwischen Sumpfland und Strumpfband. Außerdem ist meine englische Ausgabe von Nick signiert – eines meiner kostbarsten Bücher fürwahr.







Mixolydian:
 
DAS lässt mich jetzt aber wirklich vor Neid erblassen! Gerade weil ich immer noch Trauer trage, da der Meister kürzlich auf Solotour auch meine Stadt beehrte, während ich mir grippekrank die Seele aus dem Leib kotzen durfte :-(.
Aber wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, geht er demnächst mit "Grinderman" auf Tour.







Christian Erdmann:
 
Neues Buchprojekt wohl noch nicht, aber er hat ja jüngst das Drehbuch für "The Proposition" geschrieben, ein Film, der im australischen Outback am Ende des 19.Jahrhunderts spielt. Nach eigener Aussage mit Skrupeln, da er das Narrative als seine Stärke ansieht und nicht wußte, ob er überzeugende Dialoge schreiben könne. Scheint aber gut gelungen, betrachten wir es als Fingerübung für sein Großschriftstellertum.
 

Bevor er dazu ansetzt, hat er sich selbst und drei der Bad Seeds aber ja nun erst einmal genötigt, für Grinderman wie Nebenfiguren aus einem Italo-Western auszusehen (früher oder später landen ja alle bei Morricone), und der hier besser nicht zitierte Text der ersten Single legt nah, daß Nick erst noch ein paar Dinge dringend ventilieren muß, die ihm in der Einsamkeit seines berühmten "Büros" offenbar schwer zu schaffen machen.
 

Wünsche Dir jedenfalls, daß es klappt mit einem Konzertbesuch; ich habe ihn zuletzt auf der "Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus"-Tour gesehen, mitsamt Frauengospelchor; wenn deren "Get Ready! Get Ready! Get Ready!" durch den Rabatz von ca. 20 (gefühlten) Bad Seeds schnitt, während Cave "Praise Him till you've forgotten what you're praising Him for!" stöhnte, war klar: in den Zug zu Jesus steigst du niemals ein... aber du hängst hinten am Seil am ratternden Zug, polterst über die Gleise... und du genießt es. :)
 

Cave hat auch mal einen Essay zum Markus-Evangelium geschrieben, als Einleitung für eine Ausgabe der King-James-Bible, und es ist interessant, daß seine Lyrics von englischsprachigen Theologiestudenten mittlerweile zu seriöser Arbeit herangezogen werden.