Mittwoch, 11. Juni 2014

IT'S IN THE BACK OF THE NET!








Im Mittelpunkt der Eröffnungsfeier der 20. Fußball-Weltmeisterschaft auf Antirat stand erwartungsgemäß Sara Carbonero.






















Daß Iker Casillas bei der spanischen 0:1-Niederlage gegen die Schweiz im Vorrundenspiel 2010 von seiner am Spielfeldrand stehenden Missus abgelenkt wurde, ist eine hartnäckige englische Theorie, die wir hier nicht verifizieren können, aber die Katrin-Müller-Hohenstein-Geplagten unter uns, also alle, halten sie für plausibel. Fürderhin aber wollen wir vor allem nicht davon abgehalten werden, diesem Mann zu huldigen, Andrea Pirlo. Italienischer Renaissancekünstler. Mit der Fähigkeit, einen 20-Meter-Paß präzise an den Mann zu bringen, während er mit seinem "Ich bin die Butter in einem Idiotensandwich"-Gesichtsausdruck in die andere Richtung schaut.













Brasilien - Kroatien 3:1. Aha. Soso. Kurioses Eröffnungsspiel. Der Druck ist natürlich immens, die Anfangsnervosität erklärlich, trotzdem hatte man zunächst das Gefühl, daß die Brasilianer mit behäbigem Ballbesitzspiel irgendwie prinzipiell in der Marmelade feststecken. Nach 11 Minuten mußte man Schlimmstes befürchten, als Marcelos entgeisterter Blick nacheinander 3 Dinge zu suchen schien, 1) eine Erklärung, 2) Dani Alves, 3) den Kamerun-Medizinmann, der ihn gerade verhext hatte. Wobei ich jetzt gar nicht weiß, ob das Team von Kamerun schon in Brasilien ist, oder ob die noch vorsätzlich Flieger verpassen wegen Prämienfeilscherei.

Gut also, daß Neymar, ohne sensationell zu glänzen, von Anfang an Dinge aus dem Feuer zu holen gewillt war. Fred bekommt den Oscar für Schauspielkunst, Oscar den Fred für ein Tor mit der Pike, Niko Kovac die Goldene Kleopatra für die beste neue Nase, Nishimura-san schreibt zur Strafe 1000 Haiku.

Das Eröffnungsspiel
des Gastgebers leiten, da
will man nicht stänkern.

Gruppe A: Brasilien muß aus allen erdenklichen Dramaturgiegründen weiterkommen, nichts gegen Kroatien, aber meine Sympathiebonüsse liegen bei Mexiko und Kamerun. Für den, äh, nicht unwahrscheinlichen Fall, daß Kamerun Weltmeister wird, erstmal noch angemessene Entlohnung fordern, während die Flugzeugmotoren schon brummen, das hat Stil. Kamerun und Mexiko, zum Diktat: Pletikosa überwindet man mit Flachschüssen in die Ecke. Oscar mit der Pike. Garrincha rotiert im Grab.








Mexiko - Kamerun 1:0. Kamerun noch sichtlich erschöpft von den harten Prämienverhandlungen, Mexiko wach, präsent, präzise, auch von zwei rätselhaft aberkannten Toren nicht entmutigt. Schönes Ergebnis. Klasse für sich die mexikanischen Zuschauer, auch bei Regen schwer wie Hund. Was auch immer sie zur "Cielito Lindo"-Melodie singen, ins Achtelfinale mit ihnen. Was "Puto!" heißt, weiß jeder, "Alabio, alabao, alabimbomba, México, México, ra ra ra" ist wahrscheinlich aztekisch für "Quetzalfedern und Kakao, was will man mehr". Eto'o bleibt Spaltpilz und zunehmend Pißnelke. Bei einem 0:1-Rückstand der eigenen Mannschaft Zeit zu stehlen, weil man ungefoult am gegnerischen Strafraum liegenbleiben muß, um ein akutes Aufmerksamkeitsdefizit auszuleben - ich als Alexandre Song hätte dem Schiedsrichter diesen Freistoß-Rasierschaum entwendet und Eto'o eine Ladung davon verpaßt.


 




 
Spanien - Niederlande 1:5. Uh, ist das gerade passiert? Was bedeutet das? Furia Roja einfach nur mal in Salvador abgesoffen? Oder haben wir auf Fußballebene das Erdbeben von 1755, jene verheerende Katastrophe, die Lissabon in Schutt und Asche legte und das gesamte europäische Geistesleben erschütterte?  Unter anderem stürzte sie den Kontinent in das Theodizeeproblem, die Frage, wie ein gütiger Gott das zulassen konnte. Zugegeben: sensationelles Spiel der Niederländer, dem Spanien nur einen so mittelberechtigten Elfmeter entgegensetzen konnte, wenngleich die Spanier schon für den Spielzug ein Tor verdient hätten. Schwer zu verstehen, was nach der Pause seinen Lauf nahm. Diego Costa fremdelt noch, das dritte Tor hätte nicht zählen dürfen, Glühwürmchen Iniesta leuchtet nicht wie gewohnt, dies, das, aber mit 5 Toren in Schutt und Asche gelegt - bedeutet dies nicht, daß wir uns von einem vertrauten Weltbild verabschieden müssen?

Verabschieden muß man sich jedenfalls spätestens im Achtelfinale von einem dieser drei Großen, Brasilien, Spanien oder Niederlande, so will es der Spielplan, mein eigener Plan sah allerdings vor, daß Chile der Niederlande schon in der Gruppenphase ein Bein stellt. Als ich sah, wie der Mutant Robben mit zittrigen Fingern vergeblich versuchte, seine Schnürsenkel aufzufrickeln, dachte ich daran, wie mein Vater, ich war so 13, Hawkwind mit "Silver Machine" im TV sah und erklärte: "Die nehmen doch alle Drogen." Hoffe, man erspart Iker Casillas dieses Mal ein Interview mit Sara Carbonero. Scheißtag im Büro und dann noch die Missus mit dem Mikrofon? Super. Die andere Missus sagt, es ist eh alles aus, man hat ihr Pudel genommen. Sie meint Puyol. 









Chile - Australien 3:1. Dunkles Pferd gegen Unterhund. Chile, als dark horse, als möglicherweise überraschender Außenseiter gehandelt, gegen den underdog Australien, aber was heißt schon underdog, das waren die Aussies vielleicht 1974, als ungeklärt war, welches Verhältnis zum Fußball Teilnehmer wie Haiti, Zaire und Australien eigentlich hatten. Chile hat natürlich meine volle Unterstützung, und die Taktik, völlig irrational auf Angriff zu spielen, ging auf. Nach einer Viertelstunde sah es nach dem zweiten Massaker des Tages aus, das Quartett Vidal - Valdivia - Entengesicht - Sanchez gab dem dark horse die Sporen, und es galoppierte so wild durch die Arena, daß in Spanien auch der letzte Fußballfan das Licht ausmachte und deprimiert zu Bett ging.

Dann wurde aus unwiderstehlicher Brandbeschleunigung ein Spiel mit dem Feuer. Die aggressiv nach vorn ausgerichtete Taktik der Chilenen erklärt sich natürlich auch daraus, daß ihre Abwehrspieler recht, erm, kleingeratene Menschen sind, quasi ein kollektives Diminutiv, das man beim Spielgeschehen am besten gleich ganz außen vor läßt, und das gegen einen Lufthoheitler wie Tim Cahill, der seine Birne bis in alle Ewigkeit gegen alles Erreichbare hält, noch zu schrumpfen scheint. Jean Beausejour, das klingt fast so schön wie Toussaint Louverture, Jean Beausejour also, dieser Stürmer mit dem Namen eines haitianischen Voodoozauberers, Jean Beausejour durfte dafür sorgen, daß Chile lebend aus dem Spiel rauskam. Fein.

Die Katar-WM bitte nach Argentinien umsiedeln, oder nach Chile, oder nach Uruguay, oder nach Mexiko. So wohltuend diese euphorische, intensiv am Spielgeschehen orientierte Stimmung, die aus nervtötend dahinleiernden Dauergesängen selbsternannter "Ultras", dieser Fortsetzung der Vuvuzela mit anderen Mitteln, nur noch eine ferne Erinnerung macht. 








Kolumbien - Griechenland 3:0. War das ein herrliches Turnier, die EM 2004 in Portugal. Waren das überhaupt herrliche Zeiten, als Pippo Inzaghi, Alessandro Nesta und Paolo Maldini noch spielten. Ich wurde gerade gezwungen, das zu schreiben. Ich werde auch gerade gezwungen, zu schreiben, eine WM ohne Radamel Falcao beweise, daß der Fußballgott ja wohl der Arsch vom Dienst sei. Die EM 2004 also, wunderbares Turnier, und am Ende gewinnt Griechenland. Die Mannschaft mit dem allerlangweiligsten Stil. Das sind Dinge, die man nicht verzeiht, nie. Es ist immer noch die Mannschaft mit dem langweiligsten Stil. Was rede ich, es gibt bei den Griechen überhaupt keinen Stil, außer, daß Karagounis und Katsouranis immer irgendwo rumstehen, daß wir alle dazu verdammt sind, immer noch ein Turnier mit Theofanis Gekas zu erleben. Leider haben die party pooper auch keine Lust darauf, sich prägnante Künstlernamen zuzulegen, und man wird von Christodoulopoulossen und Fetfatzidissen heimgesucht. 

Kolumbien unter dem Argentinier José Pekerman ist eine ziemlich straighte Mannschaft, gut für Kolumbien, ein wenig schade für Leute, die einmal im Jahr "Rene Higuita Scorpion Kick" bei youtube eingeben. Die kolumbianischen Fans gestalten einen brillanten Krachkessel, was für eine Atmosphäre schon wieder. Und schon nach 5 Minuten gehen sie durch die Decke, Blitzstart für Kolumbien, was für ein herrliches Turnier, die WM 2014. Sehenswertes Impromptu-Tänzchen nach dem 1:0, der Schiedsrichter hätte dafür mit seinem Spray mal ein LOL! auf den Rasen zeichnen können. Griechenland nicht in der Lage, mit diesen Kolumbianern Schritt zu halten, die sich offenbar pudelwohl fühlen. So denkt man in der Halbzeit, und dann fällt einem 2004 ein. Aber bei den durchaus hinreißenden Kolumbianern gelingt es den Griechen nicht mehr, ihr einziges fußballerisches Begehr, to fuck shit up, in die Tat umzusetzen. Die Karmapolizei schlägt zu in Gestalt von Teofilo Gutierrez, James Rodriguez darf Sahnehäubchen machen. Und es kann natürlich überhaupt keine Rede davon sein, daß der Sieg Kolumbiens zu hoch ausfiel. Das war mindestens gerade richtig. Beseelter Auftritt. So straight und blitzsauber die Kolumbianer nach vorn spielen können, mein Favorit ist natürlich Mario Yepes, Innenverteidiger, Kapitän, El Rey, steht kurz vor dem 100. Länderspiel für Kolumbien. Möge es ein Fest werden, denn mein Vorschlag für den Arsch vom Dienst bezüglich Gruppe C lautete vorab: Kolumbien und die Elfenbeinküste ins Achtelfinale. Der Tag ließ sich also gut an.




  




Uruguay - Costa Rica 1:3. Wie gönnt man Costa Rica so einen Triumph. Aber doch nicht gegen Uruguay! Alles sah so verheißungsvoll aus in Gruppe D: Italien und Uruguay ziehen weiter, Costa Rica sorgt für eine Sensation gegen England... und nun das. Uruguay! Geliebtes Uruguay! 2010 war -> das hier einer meiner Lieblingsfilme, Uruguay - Ghana mein Endspiel des Herzens, Luis Suárez die neue Hand Gottes, fühlte mich wie ein nasser Teebeutel hinterher, und wer möchte nicht umgehend nach Montevideo ziehen, wenn man diese schönste, bekloppteste, opernhafteste, endloseste aller Nationalhymnen hört? Bis auf den verrückten Sebastián Abreu sind eigentlich alle Spieler von 2010 noch dabei, und wie hatte ich damals gehofft, daß da eine Generation der Celeste aufgetaucht ist, die vier Jahre später auf dem heimischen Kontinent für Furore sorgen würde. Und nun scheinen sie plötzlich so... oldschool. So nicht mal mehr in Rufweite vom Zenit. Forláns Auswechslung, die schlagartig in Erinnerung rief, daß er nur noch bei Cerezo Osaka spielt, war der bislang traurigste Moment der WM. Meine Messung in diesem Moment ergab, daß er 5000 Jahre alt ist und eigentlich Mojique heißt. Was war der Plan? Sich ohne den noch angeschlagenen Suárez irgendwie durchslacken? (Für Denglisch-Kritiker. Stefan Zweig in "Sternstunden der Menschheit", "Die Entdeckung Eldorados": "Schließlich, einigermaßen gesettlet, siedelt er sich in einem Wirtshaus an, verkauft es wieder und zieht, dem magischen Zug der Zeit folgend, nach Missouri.". 1927.)

Diese engen Trikots ließen nichts Gutes ahnen (es gab Gegenstimmen), außerdem hatte ich 5 Euro auf Uruguay gesetzt, dabei bin ich der geborene Pech im Spiel-Typ. Diego Lugano, der auf ursympathische Weise so aussieht wie ein Charakter aus einer 70er-Serie wie "The Persuaders" ("die 2"), spielte wie ein Charakter aus einer 70er-Serie. Ich weiß wieder, der Plan war, so zu spielen wie 1950, als Uruguay 200.000 Brasilianer in einem Stadion in tödliches, nur von leisem Schluchzen unterbrochenes Schweigen stürzte. Den Scheißwitz, vom Tempo her paßte es, sparen wir uns.

Bei Costa Rica spielt ein Yeltsin Tejeda. Das ist schon ein lustiges Völkchen, wo sich Mütter bei Vergabe der Vornamen von Boris Jelzin inspirieren lassen. Joel Campbell, lernen wir, kauft pfundweise Panini-Bilder, ohne sich selbst zu finden. Also, seinen eigenen Sticker. Dem Reporter Bartels scheinen die beiden Teams bei seiner Lobhudelei für den deutschen Schiedsrichter irgendwann zur störenden Nebensache zu geraten. Maxi Pereira beschwört dann in dieser verunglückten Zeitreise am Ende auch noch das bad boy-image der "Urus", die man sogar in Deutschland die Celeste zu nennen sich angewöhnt hatte. Glückwunsch, Costa Rica. Intelligent und smart, nach anfänglich ehrfürchtigem Gewackel. Joel Campbell, nette Fußarbeit. Scheißspiel.










England - Italien 1:2. Den Abend retten konnte nur noch einer, und natürlich tat er es. All in a day's work für Andrea Pirlo.

Das war kein übles England, da hat man schon weit Schändlicheres gesehen, Raheem Sterling und Daniel Sturridge scheinen eine Wohltat für die Three Lions, und Wayne Rooney hat man mit dem neuen Haaransatz ja auch eine neue Mannschaftsdienlichkeit eingepflanzt. Furchtlos und konzentriert, direkt und schnell das englische Spiel, das Italien sichtlich in Schwierigkeiten brachte, bis - nun, bis der Magier meinte, jetzt sei es Zeit für ein wenig Magie, bis Pirlo diese Hereingabe nicht einfach durchließ für Marchisio, nein, er bestimmte in diesem Moment auch den Bewegungsablauf Marchisios, auf daß dieser nicht mehr fehlgehen könne. Mittels Magie. So machen Magier das nämlich. Cool as fuck.

Für die gefürchteten Bedingungen im Stadion von Manaus, an dessen Rasen von unten die Amazonaskrokodile nibbeln, ein veritables Spektakel. Seit man italienische Geduld mit Balotellis Unberechenbarkeit kreuzen konnte, dürfen die Italiener sich wieder als das sehen, was sie per Jupiterbeschluß sind, eine Turniermannschaft aus dem Bilderbuch. Wenn es England weiterhin gelingt, die Unausweichlichkeit ihrer rätselhaften Mißgeschicke von Torhütern auf Physiotherapeuten zu transferieren, sollten sie es mit Uruguay und Costa Rica aufnehmen können.

Wäre nicht Phil Jagielka im letzten Moment aufgetaucht, hätte Balotellis "Uh, ich weiß nicht, ich mach mal das hier"-Schlenzlupfer (Lupfschlenzer?) über Joe Hart hinweg, als alle mit einem gelangweilten Paß rechneten, die Szene des Spiels werden können, naja, fast, denn das war zweifelsohne Pirlos Freistoß in der Nachspielzeit, der zwar nur die Latte traf, aber bitte, wer will das kritisieren. Das war die Schön wie Cinderellas Ankunft beim Fest-Szene, insane, wie der Ball die Richtung ändert und Joe Hart ungefähr eine Meile von dem Punkt entfernt landet, wo der Ball ankommt. Das ist, wofür wir jetzt Fitzcarraldos Grammophon ankurbeln, Puccini zu Ehren Pirlos.















Elfenbeinküste - Japan 2:1. YESS! Man war froh, daß die Elfenbeinküste nach 2006 und 2010 endlich Glück bei der Gruppenauslosung zu haben schien. Dann fürchtete man, daß es für die Generation um Drogba, Zokora und die Touré-Brüder zu spät sein könnte. Dann fürchtete man, daß die flinken Japaner für die Elfenbeinküste ein Problem sein könnten. Dann war die Elfenbeinküste primär sich selbst ein Problem. Dann waren die Japaner nach ihrer 1:0-Führung zeitweise wie vom Erdboden verschluckt. Und dann kam ein Lehrstück über numinose Präsenz. Ich weiß nicht, wie es mit anderen Bibeln ist, in meiner Bibel steht: Du sollst keinen Didier Drogba draußen lassen.

Nuff said. Didier Drogba ist nicht nur ein Spieler, an den man immer mit Ehrfurcht denken wird, nicht nur ein großartiger Mensch, der, übertreiben wir ruhig, aber nur ein bißchen, den Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste praktisch im Alleingang beendete, er ist auch ein stilbewußter dude, der für andere stilbewußte dudes gerade seine erste Kollektion auf den Markt gebracht hat, pro verkauftem Produkt geht 1 Euro an The Didier Drogba Foundation.









Schweiz - Ecuador 2:1. Lange Zeit eher das Spiel zum Kartoffelschälen. Nicht, daß es nicht spannend gewesen wäre. Nur sieht Gruppe E auf dem Spielplan wie die langweiligste Gruppe aus. Und dieses Spiel sah auf dem Spielplan ganz unbeschreiblich nach Unentschieden aus. Es schrie Unentschieden. Und ich weiß, Schweizern geht sie ganz unbeschreiblich auf die Nerven, die Sache mit Orson Welles und der Kuckucksuhr, aber... hey. Sagen wir, es fehlt zwischen der Schweiz und Ecuador eine klitzekleine Dosis Glamour. Erfreulich, daß die beiden hübschen jungen Damen aus Ecuador mit den gelben Perücken insgesamt 3x zu sehen sind. Trotzdem scheint der Mitarbeiter, der die schönen Ladies auf den Tribünen suchen darf, bei der Weltregie bislang schmählich außen vor. Das muß besser werden. Poschmann: "Machen das sehr geschickt, die Südamerikaner, stellen ihren Körper da rein." Aber hatte man von den zwei Valencias und ihren compañeros nicht doch einen Hauch mehr erhofft als bloßes Körperdareinstellen? Ich weiß auch nicht. Und schon explodiert das Spiel in der Nachspielzeit. Ecuador mit der Riesenchance, im Gegenzug der Knockout. Poschmann: "Das ist Fußball, liebe Zuschauer." Also doch nicht das erste Unentschieden dieser WM. Dafür aber schon das fünfte von bisher neun Spielen, bei dem eine Mannschaft das Spiel nach einem Rückstand dreht. 









Frankreich - Honduras 3:0. Zeitalter der Aufklärung, Ausgang der Franzosen aus ihrer selbstverschuldeten Idiotie. Die Scharmützel von 2010, Meuterei, Narreteien und Krawall, bis jeder jedem seinen Sekundanten nannte: die Franzosen sind konzentriert damit beschäftigt, unter allen Umständen den Eindruck zu vermeiden, sie seien jederzeit zu jedem Irrsinn fähig. Man hat aber auch das Gefühl, daß der Ausfall von Franck Ribéry die Mannschaft nicht übermäßig deprimiert. Ribéry in nur halbguter Verfassung und daher mauliger Stimmung täte sich selbst und anderen keinen Gefallen, und die neue Behutsamkeit im Umgang wäre möglicherweise schnell wieder perdu. Der aus dem Hut gezauberte Griezmann scheint der Mannschaft das Gefühl geben zu können, daß Ribérys Fehlen auch spielerisch kein Nachteil sein muß. Ob tatsächlich Drohnen das französische Training ausspionierten, oder ob Didier Deschamps bei all dem Auf-der-Hut-Sein erste paranoide Anwandlungen entwickelt, weiß man nicht. Raymond Domenech stellte nach Sternzeichen auf und verzichtete irgendwann auf den edlen Robert Pires, weil der Skorpion war. Dagegen ist ein Trainer, der Drohnen visualisiert, eine Wohltat. Von mir aus kann Deschamps auch höchstpersönlich für das mysteriöse Ausbleiben der Marseillaise verantwortlich sein, wenn die Devise schließlich lautet: allen Aufruhr vermeiden.

Vorab erklärte Deschamps die Spieler von Honduras schon mal zu todbringenden Schurken. Es wurde ein beträchtliches Stück Arbeit gegen Honduraner mit zugegeben eher landwirtschaftlicher Zweikampftechnik, aber, nach Elfmeter zur Nervenberuhigung, doch eine ganz souveräne Premiere mit einem animierten Benzema. Schön, wie im Stadion auch die neue Torlinien-Technik nicht für Ruhe im Karton sorgt. 









Argentinien - Bosnien 2:1. Messi im Maracanã. Weißt du noch, wie es war, als alle 70 Trillionen Augen des Universums nur auf dich gerichtet waren? Eben. 

Gerade, als man befürchtete, gleich muß er im Mittelkreis wieder vor Aufregung spucken - Gott, diese Erleichterung bei Messi.

"Warum Argentinien?" fragte mich vor ein paar Tagen wieder einer, auf mein AFA-Shirt zeigend. Old flames die hard. Als ich ein Junge war, hatten die argentinischen Fußballer immer die längsten Haare. Alles danach ist ebenso irrationale Affinität.

Über das Finale der WM in Argentinien 1978, Argentinien - Niederlande, schrieb ich mal auf Letzte Lockerung:

Happel war ja auch Coach der Holländer bei der WM 1978, kürzlich das Finale gegen Argentinien in der Tube wiedergesehen. Ein Spiel ohne jeden Vergleich, vorzivilisatorisch, dramatisch, tragisch, konfus, grandios, unfaßbar. Todgeweihte, Desaparecidos in den Verliesen der Junta, die den Jubel aus dem River Plate Stadion hören. Was auf dem Spielfeld los ist, kaum beschreibbar. Es sind die Holländer, die die Schlacht eröffnen, sie, die den schönen Stil zelebrieren, die brutal und schmutzig Argentinier umlegen, Voetbal brutal wie im Finale 2010, dieses seltsame Phänomen, hat immer was von: schöne kultivierte Frau fängt an, Heroin zu schießen und auf den Strich zu gehen. Später schlägt Passarella Neeskens zwei Zähne aus, nach heutigen Maßstäben wäre die Hälfte der Spieler vom Platz geflogen. Das Stadion fast am Explodieren. Die blutigen Trikots. Der begnadete Kempes, der verrückte Luque. Der später sagte: wir hätten nicht spielen sollen. Jesus.


Messi hatte kein gutes Jahr bei Barcelona (für seine Verhältnisse). Das Maracanã bebt schon beim Aufwärmen der Argentinier, die argentinischen Fans errichten seit Stunden diese wall of noise da drin, Messi ist ihre Sonne, und die Sonne wirkt verzagt, weil sie immer scheinen soll. Könnte nicht dieser Erzengel zu Hilfe eilen, dieser einem El Greco-Bild entsprungene Angel di Maria? Irgendwer? Niemand. Es mußte geschehen, jetzt ist es geschehen, Messi hat es vollbracht, dieses Tor, jetzt kann Argentinien vielleicht nochmal von vorn anfangen. Argentinien war nicht brillant, aber darum ging es nicht. Es ging um einen Anfang, irgendeinen, es ging darum, Messi das Gewicht der Welt von den Schultern zu nehmen.

Alles hätte leicht schiefgehen können, Bosnien erwartet beherzt, das gebeutelte Bosnien, das seine WM-Karriere mit einem Eigentor nach 2 Minuten beginnt. Pfft. Auch ein Privileg, sich nach 2 Minuten WM-Turnier derart deutlich sagen zu können, es kann nur besser werden, also Segel setzen. - Äh, das da rechts ist doch nicht...? Naw, couldn't be.














Deutschland - Portugal 4:0. Oha. Das Turnier wurde müllerisiert. Unüberraschend: wie immer bei Turnieren verliert Portugal gegen Deutschland. Erschütternd hingegen, wie Portugal keine Kalamität ausließ. Gerade als Deutschland dazu ansetzen wollte, Portugal zu zerschreddern, sabotierten die Portugiesen die Sache mit einem bizarren Fall von Selbstzerschredderung. Nicht ganz leicht zu entscheiden, wie gut Deutschland tatsächlich gestartet ist, wenn man dabei all die Trümmerteile der portugiesischen Implosion aufräumen muß. Mit Portugal zu sympathisieren, ist ein hartes Brot. Es bedeutet die Marter der ewigen Hoffnung und das Verdammtsein zu auswegloser Frustration. So wie der Bela Guttmann-Fluch über Benfica Lissabon hängt, halt. An dem ist auch nicht zu rütteln. Es heißt, der große Eusebio habe vor Guttmanns Grab gekniet und gefleht: "Hör auf mit dem Scheiß." Wenn das nichts hilft, hilft nichts.

Die nächste Seefahrernation also, die in Salvador absäuft. Bizarr. Deutschland beginnt mit vier gelernten Innenverteidigern in der Abwehr, einem gelernten Außenverteidiger im Mittelfeld, keinem gelernten Mittelstürmer, einer Schiffsladung von rotierenden falschen Neunern und immerhin einem gelernten Torhüter im Tor. Und das Match beginnt mit einem so verheißungsvollen Schlagabtausch, daß mir der Elfmeter eher ungelegen kommt. Eben einer von denen, die man einem Schiedsrichter gerade noch so vergeben kann. Wie ausgebufft wir darin sind, Elfmeter absolut berechtigt aussehen zu lassen, weiß man seit Hölzenbein, und die Portugiesen sind wieder die Letzten, die das kapieren. Hummels' Tor zieht den Dorn aus der Seite, Deutschland auch ohne Hilfe dominant und effektiv, und gerade als ich denke, that's how you do it motherfuckers, passieren leider zwei Dinge gleichzeitig. Die Portugiesen kapieren was, nämlich, daß sie's schon wieder vermasseln, und gehen dazu über, es so richtig volle Möhre zu vermasseln; und Thomas Müller, der superbe Thomas Müller, reagiert mit seinem todsicheren Instinkt. Sein theatralisches Getue, komplette Überreaktion nach einem harmlosen Wischer, hätte mich auch aufgebracht. Aber ich hätte mich auf ein paar Flüche in fremden Sprachen beschränkt und auf den Rasierschaum gewartet. 99% aller Spieler wissen, daß da unten gerade jemand ein Drama inszeniert, weil sie zu den 99% gehören, die in dieser Situation womöglich dasselbe täten, und 99% aller Spieler würden es womöglich vorziehen, jetzt die Füße stillzuhalten und dabei bestenfalls Dinge zu denken wie: "Oh, ich sehe, der Kopf ist ab, Thomas, schade, wollte ich nicht". Das 1% aber ist Pepe. Der personifizierte... undiplomatische Typ. Gäbe es nicht eventuell dennoch die Möglichkeit, Herr Pepe, es unter Umständen in diesem Augenblick zu unterlassen, Sie wissen schon, Öl auf die Wogen etc? Platzverweis berechtigt wegen Idiotie, Spiel entschieden, TM13-Stempel drauf.

Während Müllers Marktwert in astronomische Höhen stieg, war Murphy's Law noch lange nicht fertig mit Portugal, es hatte leider sehr den Anschein, daß man Coentrão bei dieser WM nicht wiedersehen wird, was für das bevorstehende Gerangel mit Ghana und den USA um Platz 2 ein herber Verlust wäre, Rui Patricio patscht Müller den Ball vor die Füße, noch was vergessen? Ach ja, den womöglich bizarrsten Freistoß, den Ronaldo je trat. Deutschland bildet eine Verteidigungsmauer, die aus Philipp Lahm besteht, und Ronaldo donnert den Ball genau in die, äh, Mauer, haha, ha.

Unzweideutig, daß Deutschland auch ohne Elfmeter / Platzverweis nie in Schwierigkeiten gekommen wäre, das sah überzeugend aus, verdammt gut, halt, in der ersten Halbzeit unterlief Philipp Lahm ein Fehler. Ist doch noch nie vorgekommen, daß Philipp Lahm einen Fehler macht. Ich bin etwas beunruhigt.








Iran - Nigeria 0:0. Bombenstimmung in Curitiba. Muß noch herausfinden, warum. Das iranische Fernsehen hat ja Jennifer Lopez und Claudia Leitte bei der Eröffnungsfeier ausgeblendet und stattdessen Gewinnspiele gezeigt. Was man da wohl gewinnen kann, bei den Gewinnspielen? Würde mich mal interessieren.



 



Ghana - USA 1:2. Nach kurzem Druckverlust und Sinkflug bei Iran - Nigeria erreicht die WM wieder ihre gewohnte Dramatikhöhe. Mon Dieu, darf ich vielleicht noch meinen 1869er Château Lafite eingießen? Nicht. Tor für die USA nach 32 Sekunden. Die neue Anstoßüberprüfungstechnik der FIFA bestätigte, daß kein Fehlstart vorlag. Der Rest des Spiels besteht aus dem alten Gassenhauer: Eine ghanaische Mannschaft auf dem Wege zu sich selbst.

Der beginnt in der Regel so, daß der ghanaische Präsident kundgibt, nichts weniger als den Weltmeistertitel für Ghana zu erwarten. Auf dem Feld stehen 11 Söhne der Selbstgewißheit und ihre kleine Freundin, die Nachlässigkeit, Tochter der Überheblichkeit. Dieses Mal dauert es also keine Minute, bis die kleine Nachlässigkeit ihren ersten Streich spielen darf. Heißa, wie sie wieder alles durcheinanderbringt. Dann sieht man 80 Minuten lang zu, wie im ghanaischen Spiel diffuser Nonsens erste Konturen bekommt, wie die Spielzüge besser werden, wie die Fähigkeiten dieser Spieler langsam aufblitzen, mittlerweile hat sich das Spiel zu einer veritablen Schlacht entwickelt, zwar bewirkt die Nachlässigkeit bei den Torschüssen immer noch, daß die Mannschaft letztlich viel Dampf um nichts produziert, Killerinstinkt ist hier nicht zuhause, aber alles bewegt sich auf das Unausweichliche zu. Und endlich fällt das Tor zum 1:1, und es ist einer der schönsten Spielzüge der WM bisher, und es ist die 82. Minute, und man würde mittlerweile alles auf Ghana setzen, und man denkt, endlich das wahre Ghana, und vier Minuten später hat die kleine Nachlässigkeit wieder Lust auf Schabernack und ruft, wißt ihr was, wir schießen uns nochmal ins Knie. Und erst da hat man das wahre Ghana. So unnötig, so unclever die Szene, die zur Ecke führte, aus der das 1:2 resultierte.

Bewegendster Torjubel bisher vom Torvorabträumer John Brooks, bestes Statement gegen langweilige Undercuts von Kyle Beckerman (Klassespiel), aber bloody hell, Ghana? Weiß nicht, kann ja sein, daß Kevin Prince Boateng Stöpsel im Ohr hat, wenn die anderen Spieler singend, tanzend und trommelnd im Bus zum Stadion rollen, aber bloody hell, Kwesi Appiah? USA: großer Kampf, effektive Hit & Run-Strategie, ein Sieg ist ein Sieg ist ein Sieg.









Belgien - Algerien 2:1. Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, den es noch gestern gar nicht gab: ein Hauch von Vergeblichkeit liegt auf Gruppe H, seit Thomas Müller gestern den Eindruck erweckt hat, solange er auf dem Feld steht, ließe sich notfalls gar die gesetzlich festgeschriebene Niederlage gegen Italien abwenden. Der zweite Platz in Gruppe H ist schon jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach ein Blumentopfgewinn, dem das todsichere Aus im Achtelfinale gegen Deutschland folgt. Gut, man könnte versuchen, Gruppensieger zu werden. Kandidat Nummer 1, Belgien, schien sich zunächst jedoch so gar nicht um diesen Posten zu reißen, unterstrich dann aber den Anspruch mit gelungener Umsetzung von Adopt, adapt and improve. Geheimfavorit auf den Titel? Hm. Immerhin: Schock weggesteckt, richtig eingewechselt, die algerische Plagemauer schließlich durchbrochen, zugeschlagen. Sicher war auch Nervosität im Spiel, auf mich wirkte es eher so, als fühlten sich die Belgier im heißen Belo Horizonte ganz einfach in den Ofen geschoben. Geneigt, ins Leere zu starren, während ihnen alle Ideen im Hirn wegschmolzen. Während sich ihre Hirne überhaupt anfühlten wie die halbflüssige Knickebein-Füllung von Pralinen. Wilmots fand die Mittel, die beklagenswerten Roten Teufel aus diesem Zustand zu befreien, die Lähmung zu überwinden, flexibel zu reagieren, Fehler zu korrigieren. Gutes Zeichen. Die Algerier durchaus beeindruckend, far from eingeschüchtert, nur irgendwann ermüdet, und letztlich ist die parked bus-Strategie sterbenslangweilig. Einerseits sieht es wieder nach einem enttäuschenden Turnier für den afrikanischen Kontinent aus, andererseits könnten sich Russland und Südkorea an dieser Abwehr auch leicht die Zähne ausbeißen, und zack, winkt Algerien aus einem sehr nutzlosen Zugfenster.









Russland - Südkorea 1:1. Weiterhin keine Schreckensmeldungen aus Gruppe H für Deutschland, aber beileibe kein uninteressantes Spiel. Optisch erinnert Fabio Capello an den späten Lou Reed, und ganz im Geiste von Onkel Murrkopf duldet Capello Firlefanz nur ungern. Er verbot seinen russischen Spielern die Twitterei, hellsichtig, möchte man sagen, denn was hätte Akinfeev nach dem Spiel auch twittern sollen außer einem großen Loch voll der inneren Leere. Falls es nicht möglich sein sollte, Löcher zu twittern, weiß ich nicht, was an dieser Technik so toll sein soll. Selten sah ich einen Spieler so deprimiert wie Akinfeev nach seinem Patzer, der die Russen 0:1 in Rückstand brachte. Er starrte ein Loch in den Rasen, so tief, daß es für die Reise zum Mittelpunkt der Erde reichte, und schien vorübergehend jedes Interesse am Spiel verloren zu haben.

Es zeichnete sich ab, Akinfeev hatte schon vorher eine rätselhafte Aversion dagegen, Bälle festzuhalten, was Heung-Min Son dem Kollegen Kim vor einem Freistoß mit süßem Ich-verrate-dir-ein-Geheimnis-aber-du-darfst-es-nicht-weitersagen-Gestus nochmal als brandaktuelle Information verkaufte. Son, der kinds- und wirrköpfige Pendler zwischen aufregendem und lediglich aufgeregtem Spiel, an diesem Tag dann doch zunehmend letzteres. Kerzhakov rettet Akinfeev aus dem Erdloch, on second thought wären die Südkoreaner ein doch nicht ganz so angenehmer Gegner fürs Achtelfinale, die sind einfach so unorthodox und auf spleenige Weise quirlig, die arbeiten, wenn man sie läßt, mit scharfen, präzisen Schnitten, allerdings gern in den ungefährlicheren Sektoren des Spielfelds, vorne bleibt immer die Fifty-fifty-Chance der erratischen Schußkunst von Heung-Min Son. Russland irgendwie in der freudlosen Gasse, sensationsarm, ein bißchen blutleer, ein bißchen wie Lou Reeds Spätwerk eben, immerhin gut klargekommen mit dem Phänomen, daß einer ihrer Spieler einfach so in einem Erdloch verschwindet.

Der Beauty Contest auf den Tribünen ergänzt durch eine Madame Butterfly aus Südkorea, die ganz entzückend mit ihrem Fächer spielte, anwesend auch der russische Nikolaus.
 




















Ja was denn jetzt (4)













Marseille, 80s




Photo CE