Freitag, 26. Februar 2016

David Bowie - Ereigniskarte IV














"Lodger", vergessenes Kind. Avantgarde, die so tut, als wäre sie Pop, voller seltsamer Texturen, phantastisch inkohärent und relentlessly odd. Einige Songs ("African Night Flight", "Move On", "Red Sails") handeln vom Unterwegssein, aber so, als würde man ölfarbverschmierte Postkarten erhalten von einem, der schneller als die Post ist. Wir sind alle nur durchgängerisch hier. Andere Songs handeln vom Nichtweggehenwollen (-> "Look Back In Anger", oder "Yassassin": "You want to fight / But I don't want to leave"). Für "Red Money" verwendet Bowie den backing track des ersten Songs seiner Kollaboration mit Iggy Pop ("Sister Midnight"), mitten im Text diese Szene:

I was really feeling good
Reet Petite and how d'ya do
Then I got the small red box
And I didn't know what to do
'cause my fingers could not grope
And I could not give it away
And I knew I must not drop it
Stop it, take it away

In einem Interview sagt Bowie, er habe entdeckt, daß er in seinen Gemälden immer wieder rote Kästen male, und erkannt, daß sie irgend etwas Bedeutendes symbolisieren müssen: "This song, I think, is about responsibility. Red boxes keep cropping up in my paintings and they represent responsibility."

Mehr als zwei Dekaden später läßt David Lynch in "Mulholland Drive" Betty Elms in ihrer Tasche eine mysteriöse blue box finden. Es wird behauptet - I don't know -, dies sei ein Lacan-Zitat: 

"Suppose you're dreaming about yourself disguised as your desired self / other and you open a box with a key to find only darkness, your dream will collapse, and you'll wake up to find your real self. That's the situation as it occurs in dreams. But when you're not dreaming, and you open that same box, your psychosis has just killed you."

Bei eigentlich allen Bowie-Songs versteht man auch beim tausendsten Hören nicht ganz, was sie so großartig macht, man weiß nur, außer Bowie hätte niemand sonst einen Schimmer, wie man sie so großartig macht. "Lodger" wirkt zugänglich, man freut sich über die Einladung, und am Ende läuft man darin herum wie in einem Lynch-Film. "Fantastic Voyage" ist ein eher trügerischer erster Song. 

"We're learning to live with somebody's depression / And I don't want to live with somebody's depression". "Fantastic Voyage" reagiert pissed off darauf, daß man in Zeiten atomarer Aufrüstung von Narren regiert wird und unser Hiersein von der Willkür ihrer Launen abhängt. Leben unter nuklearer Bedrohung an einem lächerlich seidenen Faden, das Gefühl der Machtlosigkeit und die Angst davor, daß die menschliche Existenz, this fantastic voyage, ein sinnlos abruptes Ende findet, eben: daß die Auslöschung allen Lebens ("They wipe out an entire race") von somebody's depression abhängen könnte. Auswirkungen apokalyptischen Ausmaßes durch pathologische Unvernunft von Macht- und Befehlshabern. (Iggy Pop drei Jahre später in "Watching The News": "The President today announced that he's pushing all the buttons in a giggling fit.")

"Fantastic Voyage" handelt von Unterwegssein und Nichtweggehenwollen zugleich und ist geradezu humanistisches Manifest, in dem das schöpferische Individuum den Wert des Lebens selbst verteidigt gegen politisch instrumentalisierbare Werte (dignity, loyalty), die im globalen Machtkampf destruktive Kraft entwickeln. Depression kann jeden ereilen, hier aber steht das Wort depression im Kontext einer glasklaren Erkenntnis: es geht im Weltschlamassel nicht um einen clash zwischen Kulturen oder Zivilisationen. Es geht um einen clash zwischen denen, die das Leben lieben, und denen, die das Leben nicht lieben.

"And the wrong words make you listen in this criminal world" und "I'll never say anything nice again, how can I" sind für jeden Erdbewohner mit nicht völlig zersetztem Zerebrum zwei der -zig besten Bowie-Zeilen. Ob sich in "Fantastic Voyage" der Einfluß der Freunde aus der Berliner linken Szene bemerkbar macht oder Bowie sein rotes Kästchen responsibility in der Hand hält, "Lodger", dieses immer irgendwie im Schatten (von "Low" und "Heroes") gebliebene Bowie-Album, für Adrian Belew mittlerweile "the greatest thing Bowie has given to the world", beginnt mit einem unerwarteten Schub ins Irdische. Einerseits. Andererseits gleitet "Fantastic Voyage" ungreifbar überirdisch dahin. Bowies Realität ist noch lange nicht die Realität von, sagen wir, Coldplay. Das Arrangement nur dieses einen Songs und die Art, wie Bowie ihn singt, machen hinlänglich deutlich, daß Bowie jeden Kontakt mit Coldplay ablehnen muß. (-> "It's not a very good song, is it?")

Albumcover und Albumtitel scheinen eine Verbindung zu Polanskis "Der Mieter" herzustellen, remember it's true: nach ihrer allerersten Begegnung in den Büroräumen von Essex Music, 1967, gingen Bowie und Tony Visconti in ein Kino, um sich Polanskis "Das Messer im Wasser" anzusehen. 

Zu allem anderen besitzt "Fantastic Voyage" auch noch den Charme eines Arrangements für Mandolinen, die man dann quasi gar nicht hört. Bowie schickte seinen Fahrer kreuz und quer durch Montreux, um Mandolinen aufzutreiben, drei Mandolinen werden schließlich von Tony Visconti, Simon House und Adrian Belew gespielt, jede auf drei Spuren, macht zusammen eigentlich neun Mandolinen, die dann im Mix nur noch als schimmernder drone im Hintergrund erscheinen, über Kopfhörer gerade noch als Mandolinen wahrnehmbar. Das muß man alles auch erstmal so machen.
























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