Dienstag, 30. Dezember 2014

Jeremy Brett - Sherlock Holmes














SPIEGEL ONLINE Forum

Lieblingsfilme - was ist "großes Kino"?

2009 - 2010






11/2009



Ist zwar eigentlich TV, aber jemand war so charmant, mir die komplette erste Staffel der ITV-Granada-Serie mit Jeremy Brett als Sherlock Holmes zu leihen. Ist das ein Schatzkästchen. Ich wußte zwar, daß es diese Serie gab - lief Mitte der 80er -, habe aber nie eine Folge davon gesehen. Jeremy Brett ist der ultimative Holmes, wie ich jetzt weiß; kann die Serie nur jedem heiß empfehlen. Jedenfalls, in einer der Folgen, "Der Dauerpatient" / "The Resident Patient" gibt es nicht nur die eleganteste Spurensuche, die jemals in einem englischen Zimmer stattgefunden hat - Bretts Körpersprache ist einzigartig, geradezu eine Choreographie -, sie findet auch, ich glaube drei Minuten lang, in völliger Stille statt. Und ich habe in diesen drei Minuten nicht einmal zu blinzeln gewagt.










 

01/2010



Dann empfehle ich nochmal den ultimativen Holmes: Jeremy Brett. Der Kult um diesen Mann intensiviert sich scheinbar täglich, obwohl die Serie aus den 80ern stammt. Aber nachdem ich jetzt die ersten 25 Folgen der Serie gesehen habe, schließe ich mich dem Kult vorbehaltlos an. In Deutschland ist die Serie bislang kaum bekannt, die Synchronisation, soweit geschehen, stammte damals von der DEFA, ist erstklassig. Im Westen liefen nur einige Folgen versteckt in Dritten Programmen. Die großartig ausgestatteten DVD-Sammlungen stammen von Koch Media. Die haben für die dritte Box, die gerade erschienen ist, tatsächlich neue Synchronfassungen erstellt für Folgen, die nie im deutschen Fernsehen liefen – ziemlich einmalig, glaube ich. Die Rezensionen bei amazon für die erste Box z.B. lassen aber erkennen, daß nahezu jeder, der mal Jeremy Brett als Holmes gesehen hat, sich das Ticket für den Guy Ritchie-Holmes schon aus Loyalitätsgründen sparen wird.






 
christian simons:
Ich kenne diese Serie zwar leider nicht, aber ich habe Jeremy Brett einmal auf der Bühne erlebt, und zwar als... Überraschung... Dr. Watson.
 

Das war im Jahre 1980 im berühmten Dorothy Chandler Pavillion (eine der Mehrzweckhallen in LA, die für Oscar-Verleihungen genutzt werden.) Das Stück hieß "Sherlock Holmes and the Crucifer of Blood", und meine Touristengruppe und ich waren deshalb scharf auf diese Veranstaltung, weil Charlton Heston den Holmes gab.

Jeremy Brett kannten wir damals noch nicht, aber ich kann mich erinnern, dass sein Understatement und seine trockene Art einen angenehmen Kontrast zu Charltons Theaterdonner lieferte. 







Das ist ja interessant, wußte ich nicht, daß er auch mal Watson gespielt hat! Er hatte Skrupel, die Holmes-Rolle zu übernehmen, weil er ahnte, daß dieser exzentrische Charakter seinem eigenen Leiden - manic depression - nicht guttun würde. Und als Holmes ist er dann beunruhigend definitiv und definitiv beunruhigend. Rathbone schön und gut, aber blaß gegen diesen phänomenalen Mann, der sein Leben Sherlock widmete, nachdem seine Frau viel zu früh starb. Seine Wechsel von holmesesquer Trance zu nervöser motorischer Energie & the other way round, einzigartig. Brett sagte, wichtig sei ihm auch gewesen, bei diesem brillanten, komplexen, exzentrischen und letztlich isolierten Mann, der in seinem Gehirn lebt und den nur Watson und die Fälle, die er zu lösen hat, mit der Welt verbinden, das Aufblitzen von Menschlichkeit zu zeigen. Und das sind in der Tat atemberaubende Momente dann.







 

 

oliver twist aka maga: 

... aber das "Koksen" trifft es schon fast gut. Auch wenn es bei Holmes altmodisches Opium war. :-)






"Was ist es heute, Kokain oder Morphium?" Die klassische Frage von Watson an Holmes. In der Serie mit Jeremy Brett ist die Spritze in diversen Szenen prominent. Opiumgenuß kommt nur in der Folge "The Man With The Twisted Lip" vor, wo Holmes sich verkleidet in eine Opiumhöhle einschleicht. Möglicherweise wurde Morphium teilweise als Mittel eingesetzt, um Opiumsucht zu bekämpfen, weiß ich nicht, paßt aber nicht zu Holmes, der konsumiert o.g. Drogen nur, wenn sein brillanter Intellekt brachliegen muß.






Kryoniker: 
Für mich gehören zu Sherlock Holmes Nebel in London, eine schicke Mordserie, Tweed-Anzüge, Kaffee (oder Opium) am Kaminfeuer, ein stets schusseliger Watson und ein kühl kalkulierender Holmes, der so brillant ist, daß er sogar als Externer von Scotland Yard (denn Scotland Yard haßt eigentlich Privatdetektive) angerufen wird, um Licht ins Dunkel zu bringen. :)







Die Ausstattung und die cinematogrophy der Granada ITV-Serie (also Jeremy Brett als Holmes) würden Dich entzücken. Das Ganze hat eine so stille Intensität, die dann immer in atemberaubende kleine Eruptionen umschlägt. All diese grandios bizarren, liebenswerten Charaktere in den verschiedenen Folgen von erstklassigen Schauspielern zu Leben erweckt. Und ja, auch sehr viel Nebel und Dunkelheit. Außenaufnahmen vom feinsten, nie in strahlenden Sonnenschein geschönt oder mit Filtern realistischer Atmosphäre beraubt. Interieurs mit soviel Sorgfalt und Liebe zum Detail gestaltet... oder vorgefunden. Eine Reihe von andernorts liebgewonnenen Schauspielern taucht auch noch auf, etwa Natasha Richardson in ihrer – glaube ich – ersten Rolle, kurz vor ihrem Auftritt in Ken Russells "Gothic". Eine Reihe von Hammer-Horror-Ikonen, so Eric Porter (aus "Hands of the Ripper") als Professor Moriarty, der "Napoleon des Verbrechens" – großartig -, oder Damien Thomas (aus "Twins of Evil"); in der "Abbey Grange"-Folge dann die wunderbare Anne Louise Lambert in der dritten mir überhaupt bekannten Rolle, nach Miranda in "Picknick am Valentinstag" und Mrs. Talmann in Greenaways "Kontrakt des Zeichners".

Mit Watsons Schusseligkeit ist das so eine Sache, die stammt aus der Rathbone-Zeit, aber man hat zurecht gefragt, ob Holmes sich mit so einem Trottel abgegeben hätte? In der Serie gibt es zwei Watsons, zunächst David Burke, der es ganz wunderbar vermag, auf seinem Gesicht Unverständnis sich abzeichnen zu lassen, wenn er Holmes' Manövern in Anwesenheit Dritter für einen Moment nicht folgen kann, und das dann, wenn er versteht, übergeht in die Zufriedenheit darüber, daß er seine Bewunderung für Holmes wieder genießen kann. Dann, nach dem 3-Jahres-Hiatus nach den Reichenbach-Fällen, Edward Hardwicke, vergleichsweise gloomy. Beide aber keine Trottel, sondern ernsthafte, gewissenhafte Männer, nur eben weit diesseits Holmes'scher Brillanz. 






02/2010



Haio Forler: 
Wie hieß nochmal die von Dir bevorzugte Serie über Sherlock Holmes? 

Kryoniker:
Ich bin zwar nicht Aljoscha, aber er meint die Reihe mit Jeremy Brett. 

Haio Forler: 
Jau, der war's, danke. Jetzt schau ich da doch mal rein. 

bicyclerepairmen:
Ja. klasse Schauspieler, leider zu früh verstorben.




Der junge Jeremy Brett führt als Nikolai in "War and Peace" Audrey Hepburn die Treppe hoch zu ihrem ersten Ball. Wo sie ja wirklich umwerfend bezaubernd ist.












Siebziger: 
Großen Dank an ray und Aljoscha für den Hinweis auf die "Sherlock Holmes"-Reihe mit Jeremy Brett! Das ist doch endlich mal wieder Fernsehen, wie es sein sollte -- eben großes Kino im TV-Format. Die erste Staffel habe ich jetzt durch, die restlichen DVDs sind bestellt.






BerSie: 
Vor 10 min. habe ich mir die erste Holmes-Staffel geholt! Ich will Holmesianer werden und bitte während meiner Lehrzeit um Nachsicht. ;) 664 min. für 19.99 € bei Saturn! Kann man ja nicht so viel falsch gemacht haben! ;) 

Seltsamerweise sind die vier DVDs nicht nummeriert!? Im Begleitmaterial erscheint "Die einsame Radfahrerin" als erste Episode; die ist auf der DVD aber erst an vierter Stelle!? Und die zweite im Begleittext "Das gefleckte Band" ist auf einer anderen DVD??
 

Reihenfolge des Schauens egal?






An sich schon, solange Du mit der Liga der Rothaarigen und "Sein letzter Fall" aufhörst.







Haio Forler: 
Ich will den eigentlich auch haben, *ggrrr* ;) 

AndersSehend: 
Ja, so langsam und sehr sicher wächst auch mein Appetit auf diese Sherlock-Holmes-Instanz.
Hoffe, -> das ist die korrekte Serie? 

Haio Forler: 
Aljoscha, kannst Du mal ein Auge darauf pappen, ob das wirklich alle Staffeln sind? 

ekdotin: 
Das ist ja wirklich ziemlich unübersichtlich, was Koch Media da auf den deutschen Markt geworfen hat. Ich glaube, AndersSehend liegt da schon ganz richtig, nur hat man mit der UK-Version nicht die sehr hörenswerte Deutschspur. Ich weiß nicht, wer Jeremy Brett synchronisiert hat, aber er hat das Original noch übertroffen! Glückwunsch!








Originalfassung ist natürlich unerläßlich und unersetzlich, tatsächlich ist aber die deutsche Synchronfassung wirklich erstklassig – abgesehen davon, daß einige Szenen, die mit Holmes' Morphium-/Kokainkonsum zu tun haben, damals rausgeschnitten wurden (nur kurze Sequenzen aber, die jetzt in der deutschen Fassung als englische Originalszenen mit Untertiteln erscheinen); ein paar Szenen, bei denen die Synchronfassung doch die eine oder andere semantische Verschiebung vornimmt, habe ich auch schon gefunden, aber das ist alles eher marginal. Entscheidend ist, daß das Timbre der Synchronsprecher die Darsteller wirklich trifft, auch hinsichtlich der Nebenrollen von ausgesuchter Sorgfalt. Die ursprüngliche Synchronfassung geht allerdings nur bis "The Six Napoleons" auf der DVD-Box 2 von Koch Media; von "The Devil's Foot" bis "The Bruce Partington Plans" auf DVD-Box 2 existieren nur die Originalfassungen, also für 4 Folgen der Serie.

Ich erwähnte ja schon, daß die Synchronfassung durch die DEFA vorgenommen wurde. Auf den ersten beiden DVD-Sammlungen gibt es insgesamt drei Synchronsprecher für Holmes. Sie sind alle gut, mein Favorit ist aber -> Arno Wyzniewski. Er spricht Holmes in der ersten Staffel (nach Koch Media-Zählung) von Folge 8-13 und taucht auch in der zweiten Staffel wieder auf. Wen's interessiert, das ist -> in diesem Trailer hier der junge Mann im Hintergrund zwischen 0:25 und 0:38. 

Die anderen Holmes-Sprecher wurden 2006 im Synchron-Forum als Franz Viehmann und Peter Hladik identifiziert.

Im DDR-Fernsehen wurde damals wohl "Die tanzenden Männchen" als erste Folge ausgestrahlt.







ekdotin: 
Aljoscha: informativ wie häufig. Bitte mehr von solchen erstklassigen Beiträgen! Dann macht es auch wirklich Spaß, hier zu sein. 

Haio Forler:
Danke. Ähem, wie heißt Watson eigentlich mit Vornamen? 

ekdotin: 
Nun ja, man lernt ja immerhin, daß es auch im viktorianischen London schon Männer-WGs gab. Die Beziehung zwischen Holmes und Watson ist natürlich asexuell und rein platonischer Natur, aber Watson, ein Armeedoktor, wird immer nur mit "Dr. Watson, mein bester Freund und Gefährte" angesprochen. Den Vornamen verschweigt des Autors Höflichkeit.






John. Ein einziges Mal kommt Watsons Vorname aus Holmes' Mund, in einer Szene in "The Devil's Foot", und ich denke, wer sich bis dahin vorarbeitet, wird mir zustimmen, daß dies einer der aufwühlendsten Momente der Serie überhaupt ist. "The Devil's Foot" ist die erste Folge, die nach Jeremy Bretts erstem ernstem Zusammenbruch entstand, und es ist geradezu erschütternd, wie das in der Serie eine Parallele findet. Seine physische Veränderung, die Augenringe, die Wirkungen des Lithiums vielleicht schon, der seltsame Haarschnitt, mit dem er zurückkam: man sieht ihn an diesem Punkt bereits, wie man sich um einen nahen Verwandten sorgt. Ich sage mal, ohne zu spoilern, daß Holmes' einmaliges "John!" absolut Sinn ergibt und einem geradezu Schauer über den Rücken jagt. 





ekdotin: 
Das ist für mich eh das Phantastische, das Unglaubliche: Wie sehr Jeremy sich mit dieser Rolle identifiziert hat. Vielleicht war sie fast schon zu viel für ihn. Wie Michael Cox, der Produzent, geschrieben hat, hat er in Hollywood direkt unter dem großen W gelebt, und er kam zurück nach London, um sich an Holmes abzuarbeiten. Die Nachwelt dankt es ihm!






Eggsackt. Dieses intensive und vollkommene Verschmelzen von Bretts Persönlichkeit mit dem Charakter Sherlock Holmes gehört zu dem, was die Serie so einzigartig macht. Brett hatte es sich nach eigener Aussage zur Aufgabe gemacht, die "Risse im Marmor" zu zeigen, das Innenleben dieses Charakters unter der überlegenen Arroganz, der Brillanz, der aus messerscharfer Analytik geborenen Intoleranz zu zeigen. Die Natur der psychischen Probleme, mit denen Jeremy selbst kämpfte, war derart, daß nichts Vergleichbares mehr an Mimik, Gestik, Bewegungen denkbar ist, um Holmes' mood swings darzustellen; aber der Preis für diese Identifikation war hoch. Tatsächlich sind es diese "Risse im Marmor"-Momente, die einem besonders unter die Haut gehen, und im Grunde schafft es Brett, zu zeigen, daß Holmes kein Fall für den Club der clubunfähigsten Männer Londons wäre, der konsequente Misanthropie zur Bedingung für die Mitgliedschaft macht – nein, er ist eine Art von Menschenfreund, nur eben der versteckteste von allen. Er ist unter seinem Outsiderstolz empfänglich für Anerkennung, ja er braucht sie, nur eben nicht die von Narren. Die Parameter für seinen "Erfolg" steckt er selbst. Aber wie z.B. auf Bretts Gesicht Ungeduld umschlägt in die spontane Bereitschaft zu helfen, das sind immer sehr faszinierende Momente.
















Haio Forler: 
Aljoscha, da hast Du uns was angetan. Ich hab nun die komplette Sherlock-Holmes-Reihe hier stehen für schlappe 37 Euro. Alle 5 Staffeln. Jetzt muß man nur noch Zeit haben.






Wohlgetan, wohlgetan! Sagtest Du nicht mal, Beethoven wird überschätzt? 3:42 ff. :)






 
Sehr schön in dieser Szene, wie Bretts Tonfall geradezu "weiblich" wirkt bei "My eyes were closed because I was trying to recall as vividly as I could the concert that we attended last night" und dann, zack, das Analyse-Fallbeil, der Selbsttadel des Unbestechlichen: "That is because I made a slight error in my recollection".

Watson bei Doyle: "Von Liebe und Leidenschaft sprach er immer nur in abschätzigem, verächtlichem Ton. Sie waren ausgesprochen nützlich für den Beobachter – hervorragend geeignet, um Motive und Taten der Menschen ans Tageslicht zu bringen. Aber für einen geschulten Denker wie Holmes bedeutet das Eindringen von Gefühlen in sein eigenes kompliziertes, letztendlich hochempfindliches Wesen einen Störfaktor, der möglicherweise Zweifel an seinen logischen Schlüssen aufkommen lassen könnte. Für ihn wäre ein starkes Gefühl genauso irritierend wie Sand in einem empfindlichen Instrument ..." 

Aber all das ist nicht so eindeutig. Mycroft irgendwann zu seinem Bruder: Du hältst nach wie vor nicht viel von der Seele der Frauen, was. Aber da ist Irene Adler, die Holmes wahrscheinlich mehr als nur bewundert, da sind einige andere Szenen, in denen sich auf Jeremy Bretts Gesicht offensichtlich ganz bestimmte, dennoch undurchschaubare Empathie- und Sympathie-Sturzbäche abzeichnen, natürlich nur in minimalsten Regungen... und da ist diese Fähigkeit zur Hingabe an die Musik. "Kompliziertes, hochempfindliches Wesen" – irgendwo beklagt er sich: The motives of women - so inscrutable. How can you build on such quicksand? Their most trivial actions may mean volumes, und das extraordinärste Verhalten kann mit einer Haarnadel zu tun haben. Aber in der Beziehung zu Watson ist er irgendwie auch selbst der unberechenbare, "weibliche" Part. Die Art, auf der Suche nach einem Dokument in Sekundenschnelle ein ganzes Zimmer mit Papieren zuzuschütten, das wäre als komplett irrationaler Bewegungssturm zu Freuds Zeiten als weibliche Hysterie gedeutet worden. :)

Doyle schuf zwar diesen Hyperanalytiker, hatte aber selbst einen Hang zum "Übernatürlichen", was sich ja u.a. darin ausdrückte, daß er für den "Spirit Photographer" William Hope in die Bresche sprang. Wir alle sind komplizierte, hochempfindliche, undurchschaubare Wesen. :)
















BerSie: 
In vielen Folgen hat Holmes nie Hunger und Watson ständig, was natürlich auf gewohnheitsmäßigen Kokainkonsum hindeuten kann. ;)

"Der blaue Karfunkel" ist eine wirklich wunderbare Weihnachtsgeschichte und damit sie eine wird, hat man die Filmhandlung - vom Original - ein paar Tage vorverlegt... wie man in den Produktionsnotizen von Cox schön nachlesen kann!
 

Völlig unblutig und mit Weihnachtsamnestie - und die Frage, wie Holmes das Auffinden des Edelsteins erklären will, bleibt sein Geheimnis und wäre eine weitere Geschichte wert gewesen. ;)
 

Aber ich will nicht zu viel verraten und bin froh, dass ich die Geschichten, die ich vor vielleicht 30 Jahren las, nicht mehr detailliert in Erinnerung habe.
 

Der beste Schurke (bin jetzt bei Season 2 Folge 1) ist wohl der beängstigend intensive Jeremy Kemp als Dr. Grimesby Roylott in "Das gefleckte Band"; und die ergreifendste Geschichte ist vielleicht "Der verkrüppelte Mann". "Ein Skandal in Böhmen" ist die bisher schwächste, was aber meiner mangelhaften Empathie für den europäischen Hochadel geschuldet sein kann... 









Zitat von BerSie: 
In vielen Folgen hat Holmes nie Hunger und Watson ständig, was natürlich auf gewohnheitsmäßigen Kokainkonsum hindeuten kann. :) 


Holmes kann zwar "Erstmal frühstücken, mein guter Watson, bedenken Sie bitte, ich habe 30 Meilen Landluft durchwandert!" postulieren, aber im Grunde nimmt er so gut wie nie etwas zu sich. Sie lassen sogar das gute Bier stehen in "The Blue Carbuncle", auf das sich Watson so pragmatisch freut (David Burke ist immer ganz groß in diesen kleinen Dingen, eigentlich macht er sehr viel mehr aus seiner Rolle als Edward Hardwicke später), weil Holmes ihn mit "Vorwärts, Watson, los, Marsch!" wegreißt. :)
 

Meine Suchtphase habe ich gerade hinter mir, und es wurde klar, je öfter man die Folgen sieht, um so mehr erübrigt sich die Rede von "Lieblingsfolgen" – "The Blue Carbuncle" war aber tatsächlich der Punkt, wo ich mir eingestand, daß die Serie süchtig macht. Nächste Weihnachten hole ich mir auch eine Weihnachtsgans aus dem Alpha Inn, neben dem nachts diese rothaarige Schönheit steht, und lasse mich in eine haarsträubend bizarre Geschichte verwickeln. – Sehr schön in "Der blaue Karfunkel" auch die Deutung des Huts – und das Ende, ja. Zuerst scheint Brett / Holmes so unduldsam gegen die Kläglichkeit, aber dann sein "Gehen Sie!", seelenrettend.


Zitat von BerSie: 
Der beste Schurke … ist wohl der beängstigend intensive Jeremy Kemp als Dr. Grimesby Roylott in "Das gefleckte Band"; und die ergreifendste Geschichte ist vielleicht "Der verkrüppelte Mann". "Ein Skandal in Böhmen" ist die bisher schwächste, was aber meiner mangelhaften Empathie für den europäischen Hochadel geschuldet sein kann... 


"A Scandal in Bohemia" wurde beim zweiten Sehen gleich viel grandioser, muß aber auch sagen, als erste Folge der DVDs ist sie etwas unglücklich.
 

Joss Ackland als Mr. Rucastle in "The Copper Beeches" ("Ein verflucht extremer Charakter, der Küster") müßtest Du dann ja auch schon gesehen haben, ebenfalls ein Ereignis. Die Exzentrik dieser Schurken ist fabelhaft dargestellt, ziemlich gaga wird es in "The Greek Interpreter". Dort taucht ja auch Mycroft auf, Sherlocks Bruder, der Darsteller Charles Gray ebenfalls ein alter Haudegen, hat wahrscheinlich in allen Verfilmungen von Shakespeare-Stücken mal mitgewirkt, gleichzeitig aber auch, was bei den Engländern ja nie ein Widerspruch ist, in dem Hammer Horror-Film "The Devil Rides Out", der mich mal sehr beeindruckt hat – außerdem war er "The Criminologist" in der "Rocky Horror Picture Show". :)
 

Eins der Highlights, finde ich, in der unfaßbaren, besessenen Präzision von Bretts Gestik und Mimik sind seine ersten Minuten bei Major Murphy in "The Crooked Man". Was er da sagt und offenbart ohne ein Wort über seine Einstellung zum Militär, grandios. 








AndersSehend: 
"... and sought refuge in the sanity [ausgerechnet! :-)] of the barber shop", "Nevertheless, there is an element of truth in what you say -- huhuheheuum..." Herrlich, diese Risse in der Murmel und die Sprünge in der Schüssel, als die solcherlei Äußerungen in der Art und Weise, wie sie vorgebracht werden, häufig primär gedeutet werden. Und Holmes "verwüstet" tatsächlich ein ganzes Zimmer auf der Suche nach einem Beweis für... , nachdem Mrs. Hudson ihren Frühjahrsputz mehr oder weniger bereits abgeschlossen hatte? Sehr schön :-)









Hier






hat ja jemand die von Dir genau beschriebenen Sprünge in der Schüssel nochmal gezielt auf den Punkt gebracht. Schwer zu sagen, was ergetzlicher ist, Holmes' huhuheheuum oder sein what the fuck-Blick danach.








AndersSehend: 
Ja, genauso habe ich mir Bretts Mimik vorgestellt bei seinem huhuheheuum, der ganze vorherige Austausch inkl. der Lacherei, vor allem Watsons, deutet mehr als darauf hin, dass Watson trotz Holmes' wunderbaren Nebelkerzen mit seiner Analyse den Nagel auf den Kopf getroffen hat, ohne freilich, dass Holmes das komplett realisiert oder realisieren möchte. Erstaunlich, und dann wieder eigentlich doch nicht, dass Holmes mit denselben Fähigkeiten, die ihn auszeichnen, bei anderen seine Schwierigkeiten hat, vielleicht, weil ihm bei anderen seine eigene Rationalisierung abgeht bzw. sich das Mysterium der menschlichen Wahrnehmung und Kommunikation in seiner ganzen Größe und faszinierenden Unergründlichkeit enthüllt...  







ekdotin: 
Ja, je mehr man über diese Serie nachdenkt, desto besser wird sie. Gerade "A Scandal in Bohemia" gefiel mir, weil die Holmes-Visagisten es wirklich geschafft haben, ihn, Holmes, bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen, als er sich als Pferdekutscher ausgab ... Ich habe Brett selbst nicht auf den ersten Blick erkannt ...






Sagte ich schon, daß in der Holmes-Folge "Wisteria Lodge" Freddie Jones als Inspector Baynes ganz enorm den Freddie Jones gibt? Jones war der skrupellose, schmierige Bytes, auf der "Monstrositätenschau" der "Besitzer" von John Merrick, in Lynchs "The Elephant Man". Ja, ich glaube, ich sagte es schon. :)
















03/2010


BerSie: 
Den Oscar für die beste Nebenrolle in den ersten beiden Sherlock-Holmes-Staffeln kriegt von mir Freddie Jones als kauzig-raffinierter Inspector Baynes in Wisteria Lodge!






Dürfte ja schon deutlich gemacht haben, daß ich mit dieser Wahl der Academy sehr gut leben kann. :) Wunderbar in seiner blauäugigen Beflissenheit auch Roger Hammond als Jabez Wilson in "The Red-Headed League". Wo der auch überall auftaucht: – zum Beispiel als Jonathan Swift in Sally Potters phantastischem "Orlando" mit der göttlichen Tilda Swinton.















05/2010



Haio Forler: 
Die Sherlock-Holmes-Folgen machen süchtig.



Kryoniker: 
Nicht wahr? :) Ich hab sie aber zu schnell hintereinander weggeguckt -- am Ende hab ich die Fälle alle innerlich durcheinandergebracht. :)



wildbrando: 
Die mit Jeremy Brett??



BerSie: 
Na klar, der einzig wahre! Aljoscha hat die "Droge" hier verteilt! :-)



wildbrando: 
Versteh ich völlig. Einmal damit angefangen, konnte ich auch nicht mehr aufhören, die zu gucken. Wenn Holmes, dann bitte so...



Kryoniker: 
Da hat er wirklich 'ne Lawine losgetreten, der Aljoscha.



valasthor: 
Wahrscheinlich habt Ihr Recht und Jeremy Brett ist, wenn man Holmes als Briten sieht, der beste Darsteller. 

Das heisst natürlich nicht, dass die anderen schlecht sind. Sie sind nur nicht so britisch wie Brett und kommen nicht ganz an seine Spielweise heran.











06/2010



Haio Forler: 
Ich finde zusätzlich, daß Brett das Flair der Erzählungen phantastisch rüberbringt.

Schon in den Büchern merkt der Leser, daß Sherlock doch immer ein wenig belehrend, überheblich, snobistisch herüberkommt, aber alles gerade so an der Grenze.

Und das vermisse ich halt ein wenig bei dem zu "amerikanischen" Holmes. Der echte Holmes ist halt kein Kumpel, sondern ein Einzelgänger; er ist keiner, der primär den Verbrecher fangen will, sondern er will primär ein Rätsel lösen, weil er - auf eine gewisse Art und Weise - in Verachtung seiner Mitmenschen ein Ästhet ist, dem es um die Logik als solche geht.

Sein Manko, wenn es denn eines ist, daß er kaum bis keine Beziehung zu seiner Umwelt, zu seinen Mitmenschen aufbaut, ist zugleich einer seiner größten Vorteile: er kann Problemstellungen losgelöst von Emotionalität und Befangenheit betrachten; dadurch sieht er das Problem in kristalliner Form vor sich. Sicherlich bezieht er auch psychologische Aspekte der Handelnden mit ein, aber er wird nicht Opfer von Fehlschlüssen aufgrund von Gefühlen.

Es gibt einen bestimmten Gesichtsausdruck bei Brett, der dies phantastisch darstellt ;))

Aljoscha würde mir in diesem Punkt eventuell zustimmen.








Der Moment, in dem er das Problem in kristalliner Form vor sich sieht? :)
 





 
 
Ästhet, arrogant, nicht im mindesten vom Gedanken an Bestrafung inspiriert, eine Maschine, die sich im Leerlauf selbst in Stücke reißt (wie er in "The Devil’s Foot" sagt), die überlegene Denkmaschine, alles richtig, aber auch die Art, wie sich Emotionen unter der scharfintellektuellen Oberfläche auf Jeremy Bretts Gesicht abzeichnen, fasziniert mich über die Maßen: etwa, wenn am Ende von "The Six Napoleons" Lestrade sagt, jeder bei Scotland Yard wird stolz sein, ihm die Hand zu geben – oder als Lady Brackenstall ihn am Ende von "Abbey Grange" umarmt, things like that.

Die auf diesem Gesicht stets präsente dunkle Seite dieses Charakters, aber auch das Durchglühen von Wärme. Schon richtig, die Lebensgeister kehren nur so zurück: "Deduce, Watson, come... deduce!" (auch "The Devil's Foot") – wie sich das doch auf seduce reimt.
 

Bretts Verlangen und seine Intelligenz darin, diesen Charakter so präzise wie nur möglich darzustellen, scheint tatsächlich manchmal so weit zu gehen, daß er Herr über ein Funkeln im Auge ist, das genau den Moment markiert, an dem er die "wissenschaftliche" Herausforderung eines Falles erkennt.
 

Als "Meisterwerk der menschlichen Schöpferkraft" gehört Jeremy Bretts Darstellung des Sherlock Holmes eigentlich ins UNESCO-Welterbe. :)







Haio Forler: 
Es gibt einen Gesichtsausdruck bei Brett, der all dies am besten zeigt: wenn er den Mund verzieht und die Luft durch die Nase nimmt. Das ist, als rieche er nun die Lösung, die nur einem Genie vorbehalten ist ;)






























Donnerstag, 25. Dezember 2014

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